Kolumne „Artikel 1, GG“  Roman wird zur bitteren Realität

Canan Topcu
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Eine Kolumne von Canan Topcu
| 07.05.2025 08:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
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Menschen, die in Portland am Straßenrand in ihren Autos schlafen müssen: Unsere Kolumnistin kannte das bisher nur aus einem Buch – bis sie die Stadt im Nordwesten der USA jetzt selbst besuchte.

Mutter und Sohn – diese Assoziation hatte ich, als ich die beiden Personen während meines Spaziergangs am Nachmittag wahrnahm. Ein arg übergewichtiger Mann um die 40 und eine grauhaarige Frau mit Zahnlücken, die ich auf 70 Jahre schätzte, saßen in einem roten Kombi. Ihr Fahrzeug stand – wie auch unser Camper – am Rande eines Parks in einem gut situierten Wohnviertel von Portland im US-Bundesstaat Oregon. Der Kombi hatte nicht nur am Nachmittag, sondern auch die Nacht über einige Meter entfernt vor unserem Camper gestanden.

Zur Person

Canan Topçu ist als Tochter türkischer Arbeitsmigranten in Hannover aufgewachsen. Nach der Ausbildung bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wechselte die Journalistin zur Frankfurter Rundschau. Seit 2012 ist die Hanauerin freiberuflich als Autorin sowie als Referentin und Dozentin tätig.

Mutter und Sohn hatten mit ihrem Hund zusammen die Nacht im Kombi verbracht, wie ich am nächsten Morgen beim unauffälligen Inspizieren des Fahrzeugs feststellte. Sie saßen auf den Vordersitzen, der Hund lag hinten eingepfercht zwischen allerlei Gerümpel. Auch der Kofferraum war vollgestopft – mit Töpfen, Getränkeflaschen, Tüten und mit Pappkisten in unterschiedlichen Größen.

Als ich realisierte, dass es sich bei Mutter und Sohn nicht um Reisende, sondern um Obdachlose handelt, fühlte ich mich sehr unwohl. Mir wurde schnell klar: Das ist keine Szene aus einem Film oder aus dem Buch, das ich im vergangenen Sommer gelesen hatte. Es ist die nackte Realität, die für viele Menschen in Portland zum Alltag gehört. Am Rand der Straßen, an denen sich Einfamilienhäuser mit Gärten und Garagen reihen, stehen Autos, Camper und Zelte, in denen Obdachlose leben.

Wie realistisch der Roman ist, dessen Handlung in Portland spielt und den ich daheim gelesen hatte, habe ich vor Ort erkannt. Daraufhin habe ich mir „Homeless“ von Eske Hicken als digitale Ausgabe noch einmal gekauft und wieder gelesen. Es ist ein tolles Buch, das ich als Lektüre sehr empfehle. Und das wirklich nicht, weil die Autorin eine ehemalige Kollegin und eine Freundin von mir ist, sondern weil sie es geschafft hat, in Miniaturen eine US-amerikanische Stadt und ihre Bewohner so eindringlich zu beschreiben.

Kontakt: kolumne@zgo.de

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