Osnabrück Gesellschaft im Aufbruch: „European Realities“ entwirft das Panorama der wilden Zwanziger
Mit welchen Kulturformaten punktet Europas Kulturhauptstadt Chemnitz besonders? In erster Linie mit „European Realities“, einem furiosen Panorama einer Gesellschaft im Auf- und Umbruch.
Sie lehnt sich lässig zurück. Er streckt angespannt die Arme aus. Sie schenkt ein Lächeln. Sein Gesicht gefriert zur Grimasse. Kärlis Mienieks´ „Dame im Pyjama“ und Curt Querners „Agitator“ wirken wie das Paar schroffer Gegensätze. Hier die Frau, die das Leben umarmt, dort der Mann, der Menschen zu manipulieren sucht. Die Gemälde der lettischen Malerin und des deutschen Künstlers lassen die Extrempunkte einer Ära aufleuchten, die vor knapp einhundert Jahren aus dem Lebensgenuss in den Terror, aus der Moderne in die Diktatur kippte.
Die beiden Bilder gehören zu insgesamt fast 300 Werken, die jetzt unter dem Titel „European Realities“ der Kulturhauptstadt Chemnitz ein Glanzlicht aufsetzen. Die Exponate stammen von Künstlern aus Bulgarien, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Kroatien, Lettland, Litauen, Niederlande, Österreich, Polen, Schweden, Schweiz, Slowakei, Slowenien, Spanien, der Tschechischen Republik und Ungarn. Man muss diese ermüdend lange Liste einmal durchlesen, um jenen großen Bogen ermessen zu können, der hier durch die Kunst Europas geschlagen wird.
Anja Richter, Leiterin des Museums Gunzenhauser, hat mit diesen Parcours viel mehr zusammengetragen als das Resultat einer kuratorischen Fleißarbeit. Die Kunstexpertin wollte über den Horizont jener Kunst hinausschauen, die in Deutschland als Neue Sachlichkeit rubriziert wird. Die Kunsthalle Mannheim hat gerade an jene Ausstellung erinnert, die 1925 unter dem Namen „Neue Sachlichkeit“ Geschichte geschrieben hat. Jetzt zieht Chemnitz nach – mit einem überwältigenden Panorama.
Die These der Schau: Der kühle, bisweilen fast fotografisch anmutende Realismus einer politisch interessierten und engagierten Malerei ist keine deutsche Besonderheit, sondern ein europäisches Epochenphänomen. Von Riga bis Rom, von Berlin bis Paris folgen Künstler diesem Stil, weil er zu der Zeit nach dem Ende des Ersten Weltkrieges passt. Das geeinte Europa: Künstler nehmen diese politische Vision mit ihrer Malerei schon vor einhundert Jahren vorweg.
Mehr als Formexperimente interessieren jetzt allerdings Themen: die sozialen Verwerfungen einer Gesellschaft der Extreme von Arm und Reich, die explosiven Entwicklungen von Medien und Unterhaltungskultur, Arbeit, Industrie, das Bild einer befreiten Frau. Richter gliedert die Bilderfülle auf drei Etagen konsequent nach Themen. So arbeitet sie das Profil einer europäischen Kunstbewegung heraus, für die es noch keinen richtigen Namen gibt.
Kuratorin Anja Richter spricht von Bewegungen des Realismus. Der Ausstellungstitel „European Realities“ liest sich auf den ersten Blick wie der überdehnte Begriff, der eine verwirrend weite und kontroverse Wirklichkeit erschließen und damit begreifbar machen soll. Das Projekt gelingt jedoch. In Chemnitz scheint eine in der Kunst gespiegelte Wirklichkeit auf, die einen Kontinent entgegen aller politischen Trennungen eint. Allein das ist eine starke, weil den Blick überraschend weitende Leistung.
Der Blick, er ist ohnehin das Stichwort für diese Schau. Anja Richter eröffnet ihre opulente Regieleistung mit jenen Blicken, die Künstler kühl registrierend auf sich selbst werfen. Angeles Santos Toroella schaut 1928 skeptisch auf die Wirklichkeit ihrer Zeit, Cata Dujsin-Ribar setzt sich 1930 mondän in Szene. Die eine Malerin trägt tristes Grau, die andere den roten Schal: Die Signalfarbe avanciert zum Zeichen eines neuen Selbstbewusstseins.
Die umfangreiche Schau erschließt sich über eine ganze Reihe solcher Querverweise und Gegensatzpaare. Milada Maresova führt auf ihrem Bild „Wohltätigkeitsbasar“ 1927 die arrogante Upper Class ihrer Zeit vor, während Magnus Zeller 1920 die schlaffen „Zecher“ als gesellschaftliche Verlierer inszeniert, die im Rausch ihre Nöte zu vergessen suchen. Gerade die Bilder der in Mitteleuropa weniger oder gar nicht bekannten Künstler halten dabei die größten Überraschungen bereit.
Sicher, Anja Richter hat auch George Grosz dabei, der sich in einem Selbstbildnis als „Warner“ inszeniert, oder Max Beckmann mit seinen tanzende Paaren, jenem Bild aus der Münchener Pinakothek der Moderne, das gerade als mögliche Raubkunst umstritten ist. Trotz solch prominenter Künstler erschöpft sich die Schau nicht in einem bloßen Namedropping. Wer kannte zuvor schon Francois-Emile Barrauds verkopften „Philatelisten“ von 1929 oder Ernst Nepos „Familienporträt Keller“ aus dem gleichen Jahr, das als unterkühltes Psychogramm der Entfremdung zu den stärksten Bildern der Präsentation zählt?
Diese Kunst der Zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts fügt sich dennoch nicht zu jenem Panorama der politischen Anklage und des gesellschaftlichen Zerfalls, als das die Neue Sachlichkeit im Rückblick gern gesehen wird. In der Chemnitzer Lesart scheint eine andere Version dieser Kunst auf. Sie zeigt eine Gesellschaft in Bewegung. Die Zwanziger akzentuieren nicht nur soziale Krisen, sondern auch eine neue Mobilität der Lebensstile und gesellschaftlichen Räume.
Lotte Lasersteins „Frau im Café“ atmet regelrecht diesen Optimismus, Gerda Wegeners Porträt „In der Hitze des Sommers (Lili)“ von 1924 zeigt gar eine Person, die eine Geschlechtsumwandlung durchgemacht hat. Zu den „European Realities“ gehören allerdings nicht nur neue Freiheitsräume, sondern auch die Vorboten künftiger Repressionen, die sich im Leitbild normierter Körper ankündigt. Gerhard Keils „Turnerinnen“ von 1939 zeigen eine Parade blonder Frauen. Ihre ausdruckslosen Gesichter künden ebenso von faschistoider Rücksichtslosigkeit wie die kalten Säulenschäfte, an denen sie vorüberschreiten. Europas fataler Weg in die Diktatur – hier kündigt er sich bereits an.
Chemnitz, Museum Gunzenhauser: European Realities. Realismusbewegungen der 1920er und 1930er Jahre in Europa. Bis 10. August 2025. Di., Do. - So., 10-18 Uhr, Mi., 14-21 Uhr.