Hannover  Warum Altkanzlerin Merkel als „neuer Popstar“ des Kirchentags gilt

Benjamin Lassiwe
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Von Benjamin Lassiwe
| 02.05.2025 11:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ehemalige Umweltministerin Thüringens, Anja Siegesmund, mit Altkanzlerin Angela Merkel. Foto: IMAGO/Future Image
Ehemalige Umweltministerin Thüringens, Anja Siegesmund, mit Altkanzlerin Angela Merkel. Foto: IMAGO/Future Image
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Angela Merkel erhält tosenden Applaus als „Popstar“ beim Kirchentag in Hannover. Die ehemalige Kanzlerin ermuntert zu mehr gesellschaftlichem Engagement und kritisiert den mangelnden Klimaschutz. Ein Aufruf, der zum Nachdenken anregt.

Angela Merkel ist der neue Star des Kirchentags. Als die ehemalige Bundeskanzlerin am Donnerstag ihre Bibelarbeit auf dem von mehr als 65.000 Dauerteilnehmern besuchten Protestantentreffen in Hannover hielt, füllte sie nicht nur problemlos eine 5000 Menschen fassende Messehalle. Die CDU-Politikerin bekam auch lang anhaltenden stehenden Applaus, was ansonsten nur Kirchentagsprominenten vom Schlage einer Margot Käßmann gelingt.

„Christen sind nicht dazu da, sich in ihre Häuser einzuschließen und zu sagen, wir sprechen nicht mehr mit denen, die eine andere Meinung haben“, rief Merkel den Kirchentagsbesuchern zu. Wenige Tage, nachdem die neue Bundestagspräsidentin Julia Klöckner das politische Engagement der Kirchen kritisiert hatte, forderte Merkel die Kirchentagsbesucher auf, sich in die Gesellschaft einzubringen. „Wichtig ist, nicht zu sagen: Es hat sowieso alles keinen Sinn“, sagte Merkel. „Sondern mit dem Gottvertrauen, das uns die Bibel geben kann, das scheinbar Unmögliche möglich zu machen.“

Die eigene Zeit als Kanzlerin betrachtete Merkel auch selbstkritisch. Sie habe gewusst, dass man nicht jeden Tag 10.000 neue Menschen aufnehmen könne. Heute müsse man besser darin werden, dass die, die kein Recht haben, in Deutschland zu bleiben, das Land wieder verlassen. Und auch beim Klimaschutz wünschte sich Merkel mehr Engagement. „Für mich bleibt die Frage unbeantwortet, ob wir Menschen tatsächlich willens und in der Lage sind, im Sinne der Vorsorge den Warnungen des Weltklimarates gerecht zu werden, und Entscheidungen für uns eigenes Überleben rechtzeitig zu treffen“, sagte Merkel.

Man müsse noch mutiger, stärker und beherzter sein, um „wirklich der Bewahrung der Schöpfung und des Überlebens der Menschheit gerecht zu werden“, sagte sie in Anspielung auf das Kirchentagsmotto „mutig, stark, beherzt.“ Auch dafür gab es donnernden Applaus – von einem „neuen Popstar“ des Kirchentags sprach Generalsekretärin Kristin Jahn hinterher. 

Und die Präsidentin des Kirchentags, die ehemalige thüringische Umweltministerin Anja Siegesmund (Grüne), räumte auf Nachfrage ein, dass es naheliege, einmal darüber nachzudenken, ob nicht auch Merkel einmal als Präsidentin des Christentreffens infrage käme. Die von Klöckner ausgelöste Debatte um die Frage, wie politisch Kirche sein könne, hatte indes bereits CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann wieder eingefangen. Beim traditionellen Abendempfang des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU ging er auf die Kirchen zu. „Wir brauchen die Kirchen“, sagte Linnemann. „Es braucht Instanzen, die Werte vermitteln, Halt und Orientierung geben: Und das sind für mich die Kirchen.“

Er wisse sehr wohl, dass Politik die Religion nicht ersetzen könne. „Und umgekehrt ist es genauso: Die Religion kann nicht an die Stelle der konkreten Politik treten“, sagte Linnemann. Man sollte sich „gegenseitig wertschätzen“ und nicht „von oben auf den anderen herabschauen, sondern unsere Rollen verstehen.“ Selbstverständlich sollten die Kirchen mit der Politik über konkrete Themen diskutieren – über Sterbehilfe, über soziale Fragen oder über ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr. 

Und auch ein Stammgast der Kirchentage, Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), ermutigte zu gesellschaftlichem Engagement. Das Christentum habe „auch der modernen, säkularen Welt etwas zu sagen und zu bieten“, sagte er in einer Bibelarbeit. So sei der Glaube an den „personalen Schöpfergott Quelle für Humanität und Freiheit“ und „die Liebe des menschgewordenen Gottes Quelle für Toleranz und soziales Miteinander.“

Kretschmann sprach sich zudem für eine Stärkung der Debattenkultur in Deutschland aus. „Denn mit dem Zuhören, Argumentieren, sich auf Neues Einlassen sieht es eher nicht so gut aus“, sagte der Grünen-Politiker. „Das fängt schon bei uns selber an, wenn wir eine vorgefertigte Meinung haben, einander das Wort abschneiden, uns lieber mit Gleichgesinnten umgeben.“ Dabei gehöre die Debatte, das Ringen um Lösungen und auch der Streit zur Demokratie.

Allerdings brauche es Regeln, Kritikfähigkeit und Kompromisse. Sich immer gleich zu empören und sofort beleidigt zu sein, könne auch eine Form der Gesprächsverweigerung sein. Julia Klöckner indes wird ebenfalls das Gespräch mit den Kirchentagsbesuchern suchen: Am morgigen Samstag wird die CDU-Politikerin zu einer Bibelarbeit in Hannover erwartet.

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