Lebensmittelverschwendung Geld sparen und trotzdem gut essen – wie geht das?
Wegen der gestiegenen Preise in den letzten Jahren ist Einkaufen für viele längst kein Vergnügen mehr. Sparen ist dennoch möglich – mit etwas Disziplin und bewährten Methoden, sagen zwei Expertinnen.
Ostfriesland - Knapp elf Millionen Tonnen Lebensmittel werden laut dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) jedes Jahr in Deutschland weggeworfen. In Privathaushalten werden mit 58 Prozent die meisten Lebensmittel verschwendet – das sind rund 80 Kilogramm pro Person.
Vor allem Obst und Gemüse, Backwaren und Milchprodukte, aber auch Speisereste landen in der Tonne. Das ist nicht nur Verschwendung von Lebensmitteln, sondern auch Verschwendung von finanziellen Mitteln, meint Antje Warlich vom Bereich Lebensmittel und Ernährung der Verbraucherzentrale Niedersachsen. „Man schmeißt bares Geld weg“, sagt die Ökotrophologin. „Es landet im Einkaufswagen, im Kühlschrank und dann im Müll“, fasst sie den Gang der Verschwendung im privaten Bereich zusammen.
Spontankäufe führen schnell zu Verschwendung
Am meisten Geld gehe verloren, wenn man ungeplant einkauft. So werde man schneller zu Impuls- oder Spontankäufen verführt. „Man lässt sich leiten vom Marketing der Supermärkte“, sagt die Expertin. Die Gangführung in den Läden, die Präsentation der Waren, die Beleuchtung und Musik – all das sei darauf ausgerichtet, Kunden ein gutes Gefühl zu vermitteln und sie dahingehend zu beeinflussen, noch mehr zu kaufen.
Neuromarketing nennt man den Ansatz, bei dem Erkenntnisse aus der Hirnforschung, der Psychologie und dem Marketing kombiniert werden. „Zum Beispiel kann bei Backwaren über Lüftungsanlagen ein bestimmter Duft abgegeben werden“, so Warlich. 50 Prozent der Einkäufe seien sogenannte Spontankäufe, also Dinge, die man eigentlich gerade nicht braucht.
Altbewährt und effektiv: der Einkaufszettel
Ein einfaches, altbekanntes und immer noch wirksames Mittel, mit dem man sich gegen Spontankäufe wappnen kann, ist für Antje Warlich der Einkaufszettel. Den sollte man in Ruhe vor dem Einkaufen schreiben „und nur das in den Wagen legen, was auf dem Zettel steht“, sagt sie. Die sogenannte Bück- und Streckware, also das, was nicht gleich auf der bequemen Augenhöhe in den Regalen liegt, sei häufig günstiger, ebenso die Eigenmarken der Supermärkte.
Bei Angeboten und Großpackungen empfiehlt sie, den Grundpreis der Produkte zu vergleichen, also den Preis pro Gramm, Liter oder Kilogramm, der im Regal unter der Warenbezeichnung steht. „Dieser Preis muss angegeben werden“, so Warlich. Auf dieser Basis könne man sehen, ob eine Großpackung sich wirklich lohne – oder ob es nicht doch günstiger sei, kleinere Einzelpackungen zu kaufen.
Aktionen gegen Lebensmittelverschwendung
Um der Verschwendung von Lebensmitteln entgegenzuwirken, gibt es zahlreiche Aktionen, etwa „Zu gut für die Tonne“ vom BMEL. Eine zugehörige App soll mit Rezepten, Tipps und Ideen den Konsumenten dabei helfen, weniger wegzuwerfen. Auch eine jährliche Aktionswoche zum Thema soll informieren und aufmerksam machen.
Seit 2016 ruft die internationale Naturschutzorganisation WWF (World Wildlife Fund for Nature) am 2. Mai symbolisch den Tag der Lebensmittelverschwendung aus. Grund für ausgerechnet diesen Tag ist, dass statistisch gesehen die Menge an Lebensmitteln, die von Januar bis Mai produziert wurde, jedes Jahr im Müll landet.
Planung ist das A und O beim Haushalten
In Niedersachsen setzt sich auch Charlotte Schneider für den Erhalt von Lebensmitteln ein. Die Fachreferentin für Ernährung beim Zentrum für Ernährung und Hauswirtschaft Niedersachsen (ZEHN) in Oldenburg arbeitet zum Schwerpunkt Lebensmittelwertschätzung. Gerade mit Hinblick auf das Sparen von unnötigen Kosten beim Einkaufen sagt sie: „Was ich sinnvoll finde, ist, wenn man sich jedes Mal, bevor man etwas wegwirft, noch mal vor Augen führt, wie oder wo man es gekauft hat.“ Auch wenn es Schnäppchen war – mit dem Entsorgen der Ware sei das Schnäppchen-Erlebnis weg, sagt sie.
Als Hauswirtschaftsexpertin weiß auch Charlotte Schneider: „Planung ist immer ganz wichtig. Zum Beispiel wenn man weiß, dass man am Wochenende wegfährt oder nur die halbe Familie da ist“, sagt sie. Das könne in den Wocheneinkauf einfließen. „Oder man kocht für die nächsten Tage vor.“ Fallen bei der Zubereitung Reste an, könne man sich gleich Gedanken machen, was man damit anfängt, statt sie erst mal in den Kühlschrank zu legen und dort schlimmstenfalls zu vergessen.
Lebensmittelpreise sind deutlich gestiegen
Antje Warlich findet, einen Essensplan für die Woche zu machen, sei ebenfalls eine gute Möglichkeit zum Sparen. Auch könne man aus dem Essen von gestern oft noch etwas Neues machen. „Vor allem wenn eine Stärkebeilage wie Kartoffeln oder Reis übrig bleiben. Es ist auch nicht schlimm, wenn man zweimal das Gleiche isst“, sagt sie und stellt die Frage, die aktuell wohl mehr Menschen beschäftigt als noch vor 5 Jahren: „Was ist wichtiger – Lust auf ein bestimmtes Essen oder das Geld, das es kostet?“
Viele Nahrungsmittel, die noch vor kurzem leicht erschwinglich waren, seien etwa aufgrund der Inflation zu Luxusprodukten geworden – Kaffee zum Beispiel. Auch die Preise für Orangensaft, Olivenöl, Schokolade, Butter und Quark sind spürbar gestiegen. Nicht immer ist aber die Inflation die Ursache für hohe Preise, weiß Antje Warlich und verweist auf die Verbraucherzentrale Hamburg, die jedes Jahr die „Mogelpackung des Jahres“ auslobt. Charlotte Schneider versucht, an den gestiegenen Preisen im Sinne der Wertschätzung auch etwas Positives zu sehen. „Vielleicht sensibilisiert das auch für den Wert der Bohne“, sagt sie im Hinblick auf Kaffee. „Früher war Kaffee nicht so ein alltägliches Getränk, es war etwas Besonderes“, sagt sie.
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Kreativ werden und die Waren im Blick behalten
Um zu sparen, könne man, statt sich immer strikt an Rezepte zu halten, auch kreativ kochen, so Charlotte Schneider. Sei mal eine Zutat nicht vorhanden, müsse die nicht immer zusätzlich gekauft werden. Man könne auch „Substitute finden“, wie sie sagt. Also: Ersatzzutaten, mit denen das Gericht ebenso gelingt. „Das sind die Kompetenzen der Hauswirtschafterinnen und Hauswirtschafter“, sagt sie.
Neben dem Einkaufszettel nennen beide Expertinnen auch die richtige Organisation des Kühlschranks, zum einen damit man nichts darin vergisst und und den Überblick behält, zum anderen, um Energie zu sparen. „Man sollte die Vorräte regelmäßig sichten“, sagt Charlotte Schneider und rät zu transparenten Aufbewahrungsdosen im Kühlschrank, sollte man Essensreste darin lagern. Antje Warlich kennt ein einfaches Prinzip zur Orientierung: „Für jedes Lebensmittel gibt es einen Platz im Kühlschrank. Was ich zuerst hineingelegt habe, sollte auch zuerst wieder herausgenommen werden.“ Auf ihrer Webseite bietet die Verbraucherzentrale ein Lagerungs-ABC zum Download für Verbraucher an, und auch das ZEHN bietet Downloads zur richtigen Lagerung als Service.
Eine richtige Lagerung ist wichtig
Fragt man sie nach der richtigen Lagerung von Lebensmitteln, hat Charlotte Schneider viele Tipps: „Äpfel sollten im Kühlschrank gelagert werden, am besten in einem Folienbeutel“, sagt sie. Auch Möhren und Salat gehören ins Kalte. Südfrüchte, Tomaten und Gurken gehören „am besten in die Speisekammer“, sagt sie. Habe man viele Äpfel oder Kirschen zur Verfügung, sei das Einkochen noch immer eine gute Methode zur Lagerung.
Brot sollte atmungsaktiv, in einem Kasten aus Ton zum Beispiel, gelagert werden, so die Expertin. Plastik sei ungeeignet. Einmal pro Woche sollte man den Brotkasten mit Essig auswischen, da sich auf den Krümeln zum Beispiel Schimmelsporen bilden können. „In den Kühlschrank muss das Brot nicht, da wird es schnell altbacken“, so Schneider. Brot lasse sich zudem gut einfrieren.
„Das beste Essen ist immer noch die Restepfanne“
Statt Lebensmittel zu entsorgen, wenn sie nicht mehr ganz frisch sind, empfiehlt Charlotte Schneider zu versuchen, sie weiter zu verwerten. Dafür biete das ZEHN zahlreiche Tipps – zum Beispiel für altes Brot. „Man kann ja eine Fülle von Rezepten nutzen“, sagt sie. „Wenn Brot zu hart ist, kann ich mir immer noch Arme Ritter machen.“ Dabei werden die Brotscheiben oder Brötchenreste in einer Ei-Milch-Mischung eingelegt, bis sie sich vollgesogen haben, und dann in der Pfanne gebraten. Das Rezept, das sehr dem des French Toast ähnelt, kann beliebig und nach Geschmack variiert werden. Für Reste empfiehlt sie eine bunte Pizza oder einen Auflauf. „Da kann auch das etwas schrumpelige Gemüse rein“, sagt sie.
Zum Verbrauchen von Resten in der Küche sieht auch Antje Warlich viele Möglichkeiten. „Man kann sich so viele Tipps im Internet holen“, sagt sie. In Zeiten von Künstlicher Intelligenz sei es einfach, Ideen zu finden. „Gerade beim Reste Verbrauchen kann man wirklich kreativ werden“, meint die Expertin. Und ist sich sicher: „Das beste Essen ist immer noch die Restepfanne.“