Paris Nach Marine Le Pen: Wird Bardella zum neuen Mann der Rechten?
Wenn kein Berufungsgericht das Urteil im Prozess um Veruntreuung von EU-Geldern revidiert, kann die französische Rechtspopulistin Marine Le Pen bei den nächsten Präsidentschaftswahlen 2027 nicht antreten. Wohl oder übel setzt sie auf Parteichef Jordan Bardelle als Ersatz.
Das Thema war wochenlang innerhalb der Parteiführung tabu, verboten von der Chefin persönlich. Nach ihrer Verurteilung Ende März wegen massiver Veruntreuung öffentlicher Gelder zu einer Haft- und einer Geldstrafe sowie dem Verbot, in den kommenden fünf Jahren bei Wahlen anzutreten, gab Marine Le Pen beim rechtsextremen Rassemblement National (RN) die Devise aus, nicht über eine Alternative für sie zu spekulieren.
Die französische Rechtsextreme war bereits dreimal Präsidentschaftskandidatin, kam zweimal in die Stichrunde und rechnete sich für die nächste Wahl 2027 gute Chancen aus. Sollte nicht noch das Berufungsgericht beim Prozess im Sommer 2026 das Urteil aus der ersten Instanz revidieren, darf sie allerdings nicht kandidieren.
Anstatt dies zu akzeptieren, stilisierte Le Pen sich als Opfer einer politischen Justiz und kämpfte um die Unterstützung ihrer Anhänger. Doch bei einer Kundgebung wenige Tage nach dem Urteil in Paris blieben die erhofften Massen aus. Eine Mehrheit der Menschen in Frankreich hält ihre Strafe angesichts der schwerwiegenden Vorwürfe für richtig.
Laut Gericht hatte die Partei insgesamt 4,1 Millionen Euro veruntreut, indem sie jahrelang Mitarbeiter, darunter Le Pens Leibwächter, ihre Schwester Yann sowie ihre Pariser Sekretärin, vom Europäischen Parlament als angebliche Assistenten von EU-Abgeordneten bezahlen ließ.
Inzwischen räumte die 56-Jährige ein, dass es „unverantwortlich“ wäre, wenn sie keinen Nachfolger vorbereiten würde. Dieser steht auch schon ungeduldig bereit in Person des 29-jährigen Parteichefs Jordan Bardella, den Le Pen seit langem aufbaut: Mit knapp 22 Jahren wurde er ihr Sprecher, mit 24 erfolgreicher Listenführer der EU-Wahl, mit 27 Parteivorsitzender.
Er verfügt nach einem abgebrochenen Studium zwar über keinen Uni-Abschluss, andere berufliche Erfahrungen als jene beim RN hat er nicht vorzuweisen. Doch sein höflich-korrektes Auftreten kommt gut an, in den sozialen Netzwerken ist Bardella ein Star vor allem bei Jungen. Le Pen sagte von ihm, er sei ein „toller Trumpf“ des RN, von dem sie allerdings hoffe, man könne ihn erst später ausspielen. Sie möchte in der ersten Reihe bleiben; wenn sie denn kann.
Und er selbst? Bleibt demonstrativ an ihrer Seite – und positioniert sich dennoch als beste Alternative, auch gegen mögliche interne Konkurrenten wie Le Pens Nichte Marion Maréchal. Obwohl Vertreter einer historisch antisemitischen Partei, waren beide kürzlich zu einer Konferenz in Israel eingeladen.
Bardella und nicht Le Pen nahm am vergangenen Wochenende an der Beerdigung von Papst Franziskus in Rom teil. Gegenüber der Zeitung „Le Parisien“ sagte er, er glaube an Le Pens Unschuld, bereite sich aber dennoch auf größere Aufgaben vor. Sie sei seine Kandidatin. Aber: „Wenn sie morgen verhindert wäre, meine ich sagen zu können, dass ich ihr Kandidat wäre.“
In den Umfragen überflügelt der Sohn von Einwanderern mit italienischen und algerischen Wurzeln seine Mentorin bereits. Im Herbst will er ein weiteres Buch veröffentlichen, nachdem seine Autobiografie „Was ich suche“ zum Bestseller wurde, obwohl Kritiker sie als inhaltslos und schlecht geschrieben abtun.
Le Pen, aktuell RN-Fraktionschefin in der Nationalversammlung, ließ nun durchsickern, dass sie ihrem politischen Ziehsohn im Fall von vorgezogenen Parlamentswahlen, bei denen sie ebenfalls nicht mehr antreten dürfte, ihren Wahlkreis in Hénin-Beaumont, einer traditionellen Hochburg der Partei, vermachen könnte. Dennoch schließen RN-Kenner nicht aus, dass es doch noch zu einem Machtkampf kommt – spätestens in fünf Jahren, wenn sie wieder wählbar wird.
Derweil droht ihr nun neuer Ärger mit der Justiz. Das investigative Online-Portal Mediapart berichtete, dass ihr Sprecher Andréa Kotarac ein Jahr lang zugleich als parlamentarischer Mitarbeiter des EU-RN-Abgeordneten Hervé Juvin arbeitete.
Das EU-Parlament bezahlte ihn, doch im Wahlkampf 2022 war Kotarac allgegenwärtig an Le Pens Seite. Eine der Begründungen der Richter bei ihrem Urteilsspruch für den sofortigen Entzug des passiven Wahlrechts war, dass Le Pen keinerlei Einsicht gezeigt hatte. Der neue Vorwurf könnte dies bestätigen.