Osnabrück Verheizt, vermisst, vergessen: Wo liegen die Überreste des Soldaten Stavermann?
80 Jahre nach dem Kriegsende in Europa liegen die Schicksale von rund 1,2 Millionen deutschen Weltkriegsvermissten noch im Dunkeln. Der erst kürzlich für tot erklärte Soldat Theodor Stavermann ist einer von ihnen. Werden seine sterblichen Überreste je gefunden?
Bis zu seiner Todeserklärung im vergangenen Jahr galt der Wehrmachtsoldat Theodor Stavermann als vermisst, seit dem 22. Dezember 1942. Es dürfte zugleich das tatsächliche Todesdatum des Gefreiten sein.
„Das Ergebnis aller Nachforschungen führte zu dem Schluß, daß Theodor Stavermann mit hoher Wahrscheinlichkeit am 22. Dezember 1942 bei den Kämpfen in und um Nishnij Astachow gefallen ist“, schreibt der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes 1971 an Vater Heinrich. Es gebe „keinen Hinweis“, dass Theodor in Gefangenschaft geraten sei – „zumal er auch niemals in einem Kriegsgefangenenlager gesehen wurde“.
Dieser Stand gilt bis heute. Denn als in den 90er-Jahren die Archive in Russland geöffnet wurden, bekam der DRK-Suchdienst zwar Zugriff auf zahllose Kriegsgefangenenakten – eine über Theodor Stavermann war allerdings nicht dabei, wie der Suchdienst des DRK auf unsere Anfrage hin bestätigt.
Der junge Soldat aus Georgsmarienhütte starb also in den Kämpfen an der Ostfront, kurz vor Weihnachten. Aber wo liegen seine Überreste?
An der 1998 eingerichteten deutschen Kriegsgräberstätte im ukrainischen Charkiw sind rund 48.000 Wehrmachtsoldaten beigesetzt. Auch Theodors Name ist dort vermerkt, als „vermisst“. Sollte er je gefunden werden, würde er dort auch bestattet, teilt der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge mit – Weltkriegssoldaten werden nach Möglichkeit bei ihren Kameraden beigesetzt, und viele Soldaten aus Theodors Division haben dort ihre letzte Ruhestätte gefunden.
Aber menschliche Überreste auf den früheren Schlachtfeldern der Ostfront überhaupt zu finden und sie dann auch noch identifizieren zu können: Das ist alles andere als einfach.
Das weiß Karl-Heinz van Gerven aus eigener Erfahrung. Der Gründer des „Vereins Russland Kriegsgräber“, der in Straelen an der niederländischen Grenze lebt und in diesen Tagen seinen 90. Geburtstag feiert, reiste mehrfach zu den früheren Schlachtfeldern im Süden Russlands. Sein Vater gehörte zu Theodors Regiment, er war MG-Schütze – und wurde am selben Tag und am selben Ort vermisst gemeldet. Heißt: Er ist, wie Theodor, höchstwahrscheinlich während des Großangriffs der Roten Armee bei Nishni Astachow ums Leben gekommen.
Wer in dieser Region nach Weltkriegstoten sucht, ist auf Hinweise von Anwohnern angewiesen, sagt van Gerven. Einige von ihnen wüssten noch um verschüttete Bunker oder damals hastig angelegte Soldatengräber, und er habe auf seinen Suchexpeditionen sehr viel Hilfsbereitschaft – und immense Gastfreundschaft – erfahren. Nur sei es eben auch eine sehr dünn besiedelte Gegend, in der man „kilometerweit kein Haus, keinen Telegrafenmast“ zu sehen bekomme. Und viele Menschen, die Hinweise geben können, gebe es auch nicht mehr.
Markiert wurden Soldatengräber selten; und nicht wenige Leichen dürften monatelang einfach auf dem tiefgefrorenen Boden liegengeblieben sein, bevor sie eilig in Massengräbern beigesetzt wurden. Mit Glück, sagt van Gerven, hätten er und seiner Mitstreiter Gräber gefunden, die „auf keiner Karte verzeichnet sind“ und über die keine Behörde Bescheid wisse, weder in Russland noch in Deutschland.
Manchmal stoße vielleicht ein Landwirt beim Pflügen auf Knochen, manchmal werden bei Bauarbeiten noch Überreste entdeckt. Aber selbst dann ist eine Identifizierung schwierig, zumal dann, wenn die Erkennungsmarke fehlt und auch sonst keine persönlichen Gegenstände gefunden werden.
Die landen nicht selten auf dem Sammlermarkt. „In Kiew sahen wir Straßenhändler, die all das im Angebot hatten: Helme, Orden, Patronen – und auch Erkennungsmarken“, sagt die Münsteranerin Kerstin Ullrich. Gekauft würden diese Dinge in der Regel von Westeuropäern, „ein florierendes Geschäft“ – vor allem angesichts der großen Armut in der gesamten Region.
Ullrich hatte sich auf die Suche nach ihrem Großvater gemacht, der wie Theodor in der 306. Division diente. Die Hölle der Schlacht im Donezbogen überlebte ihr Großvater, den Krieg nicht – er starb in einem Kriegsgefangenenlager im Donbass. Das fand die gelernte Historikerin in jahrelanger Detektivarbeit und mit einer gehörigen Portion Glück heraus. In zugänglich gewordenen Moskauer Archiven fand sich eine Spur zum Großvater – als Notiz auf einer herausgerissenen Buchseite. Irgendwann konnte sie das Lager ausfindig machen; und trotz des Überraschungsfundes habe ihre Recherche alles in allem 20 Jahre gedauert, sagt Ullrich.
Ohne Beharrlichkeit geht es nicht, wenn man so lange Zeit nach dem Krieg Schicksale klären will – sei es nun in Archiven oder auf den ehemaligen Schlachtfeldern. Das weiß auch Vereinsgründer van Gerven. Er suchte auch dort, wo Theodor Stavermann wohl starb, bei Nishni Astachow.
Trotz aller Widrigkeiten konnte van Gerven viele Schicksale klären, nicht nur von Deutschen. Von der russischen Botschaft wurde er für sein Engagement ausgezeichnet: Durch seine Arbeit konnten 1388 Rotarmisten identifiziert und anschließend – „mit allen erdenklichen Ehren“, wie er selbst erlebt hat – auf russischen Kriegsgräberstätten beigesetzt werden.
Wie viele deutsche Soldaten er insgesamt gefunden hat, kann er nicht mehr ganz genau sagen; es wird eine ähnliche Größenordnung gewesen sein, sagt van Gerven. Auch sie wurden, im Zusammenspiel mit dem Volksbund und dem DRK, umgebettet. Zum Beispiel nach Charkiw, wo Theodors Name im Grabbuch steht.
Ist ihm der Name auf seiner Suche je untergekommen? Nein, der Name Stavermann sage ihm leider nichts, sagt van Gerven. Was auf Theodors Erkennungsmarke steht, ist aus den Akten bekannt und auf der Karteikarte des Bundesarchivs vermerkt. Die Marke selbst ist bislang allerdings nicht aufgetaucht. Falls Theodor irgendwo in der Steppe gestorben ist, fernab von Ansiedlungen, sei die Wahrscheinlichkeit sehr gering, dass er je gefunden werde, sagt van Gerven.
An dieser Stelle kommt auch die Recherche unserer Redaktion an ihr vorläufiges Ende. Theodor Stavermann bleibt verschollen. Aber das Schicksal des jungen Soldaten hat ein Gesicht und eine Geschichte bekommen.
Stavermann starb in einer Region, in der heute – 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa – wieder gekämpft wird. Wo beim Ausheben neuer Stellungen die Überreste der Soldaten von damals zum Vorschein kommen. Es wäre ein tröstliches Ende dieser Recherche, wenn Theodor Stavermanns Schicksal denn wenigstens Mahnung wäre. Die Gegenwart des russischen Angrifskrieges auf die Ukraine zeigt, dass dem nicht so ist.