Osnabrück  Verheizt, vermisst, vergessen: Der verschollene Soldat bekommt ein Gesicht

Maik Nolte, Dirk Fisser, Finja Jaquet
|
Von Maik Nolte, Dirk Fisser, Finja Jaquet
| 03.05.2025 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Hoffnung auf Gefangenschaft: Auszug aus dem Schreiben Thörners an den Türkischen Halbmond vom Mai 1943. Foto: Maik Nolte
Hoffnung auf Gefangenschaft: Auszug aus dem Schreiben Thörners an den Türkischen Halbmond vom Mai 1943. Foto: Maik Nolte
Artikel teilen:

Vor 83 Jahren verschwand der Soldat Theodor Stavermann an der Ostfront. In unserer fünfteiligen Serie gehen wir dem Schicksal des jungen Mannes, an den sich niemand mehr erinnert, nach – und die Puzzlestücke fügen sich allmählich zusammen.

In den wenigen Papieren, die Margret Stavermann über ihren ihr unbekannten Schwager Theodor in der Schublade hat, findet sich auch ein maschinengetipptes Schreiben aus Kriegszeiten, verfasst von einem Bernhard Thörner aus Osnabrück. „Das war ein weiterer Schwager“, erklärt die 87-jährige Bramscherin, Thörner hatte eine Schwester Theodors geheiratet.

Im Mai 1943, drei Monate, nachdem Theodor als Soldat an der Ostfront als vermisst gemeldet wurde, wendet sich Thörner an den Türkischen Halbmond in Ankara, Teil der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung. Betreff: „Nachforschungen nach dem Verbleib des Gefreiten Theodor Stavermann“.

Thörner bezieht sich darin auf die Vermisstenmeldung, vermutet – oder vielleicht besser: hofft –, „dass er sich in russischer Gefangenschaft befindet“ und bittet den Roten Halbmond um Nachforschungen über den Aufenthaltsort des Schwagers. Warum er sich explizit an die türkische Teilorganisation wendet, lässt sich heute nicht mehr klären. Erste Anlaufstelle wären eigentlich deutsche Institutionen gewesen.

Vielleicht hatte Bernhard Thörner im Kriegsjahr 1943, in dem sich die NS-Propaganda immer offensichtlicher bemühte, die desolate militärische Lage schönzureden, mehr Vertrauen in eine Organisation, die in der neutralen Türkei beheimatet ist. 

Bei dem Schreiben handelt es sich nicht um einen Durchschlag, und es trägt Thörners Unterschrift – gut möglich, dass es sich um das einzige Exemplar des Briefs handelt, der dann aus unbekannten Gründen nie abgeschickt worden ist. Für unsere Recherche zum Verbleib Theodor Stavermanns spielt das Dokument indes eine große Rolle, denn der Schwager nennt darin Theodors Einheit und Feldpostnummer. „Stavermann wurde am 14.1.42 zur Infanterie eingezogen und gehörte dem Regiment 580 an. (...) Die letzte Feldpostnummer war 11005.“ Was sich mit den Angaben auf Theodors Karteikarte deckt, die uns das Bundesarchiv mittlerweile zugeschickt hat.

Endlich: eine konkrete Spur. Und ein Hinweis darauf, dass Theodor sich offensichtlich nicht freiwillig gemeldet hat.

Die Feldpostnummer, eine Art Adressanschrift für Soldaten im Einsatz, haben wir nun. Feldpost allerdings nicht. Sicher wird auch Theodor nach Hause geschrieben haben; ob aber noch Briefe existieren, ist nicht bekannt. Im Nachlass ihres Mannes hat Margret Stavermann keine gefunden. Möglich, dass seine Schreiben im Geschwisterzwist um die Erbschaft verschütt gegangen sind, bei Umzügen verloren gingen oder, wie so viele Soldatenbriefe, von irgendwem irgendwann an irgendeinen Sammler verkauft wurden. Theodors Geschwister können wir nicht mehr fragen, sie sind alle mittlerweile verstorben. Mit der Feldpostnummer immerhin können wir den DRK-Suchdienst genauer zu Rate ziehen.   

Das Rote Kreuz begann bald nach dem Krieg, Hinweise auf die rund 20 Millionen Deutsche zusammenzutragen, die am Ende des Krieges als vermisst galten. Das DRK befragte Heimkehrer nach ihren Kameraden, bat Angehörige um Fotos und wühlte sich durch jene Aktenberge, die den Krieg überstanden haben. Entstanden sind so unter anderem Vermisstenbildlisten, die mittlerweile auch digital vorliegen.

Nicht alle Vermissten sind dort mit Bild aufgeführt, aber wir haben bei unserer Suche mit der Feldpostnummer Glück: Theodor Stavermann bekommt endlich ein Gesicht. Ein ernst blickender junger Mann in Uniform, es muss aus dem Jahr 1942 stammen. Geburtstag und Beruf passen, die Vermisstenangabe – „Donezbg. 12.42“ – deckt sich mit unseren bisherigen Ergebnissen. Es ist tatsächlich der junge Oeseder, der da mit verschlossener Miene an der Kamera vorbeischaut. Nach Heldenpose war ihm offenbar nicht zumute.

Vermisst im Donezbogen: eine weit gefasste Angabe und eine Region, in der Ende 1942 praktisch überall gekämpft wurde. Die Karteikarte des Bundesarchivs grenzt die Suche nach Theodors letztem Einsatzgebiet aber näher ein, denn hier wird auch ein Ortsname genannt: „Nishni Astachoff“. Dazu der Hinweis auf ein existierendes Gutachten des DRK, erstellt im Jahr 1971, offenbar auf Antrag von Theodors Vater Heinrich. Auf Anfrage schickt uns das DRK das Gutachten. 

Über das voluminöse Einheitenverzeichnis des Militärarchivs im Bundesarchiv erfahren wir außerdem mehr über Theodors Militäreinsatz. Das 580. Infanterieregiment, dem er angehörte, war Teil der 306. Division. Ein Verband, in dem viele Soldaten aus dem Westfälischen dienten, ihr inoffizielles Wappentier ein rennendes Wildschwein. Aufgestellt 1940, an die Ostfront geschickt 1942, vernichtet 1944 in Rumänien.

Die Münsteranerin Kerstin Ullrich hat sich intensiv mit der Geschichte der 306. Division beschäftigt, der ihr Großvater angehört hatte. Detailliert zeichnete sie den Weg der Einheit bis zu ihrem Ende nach. Und was den Soldaten im Spätherbst 1942 blühte, beschreibt sie so: „Sie sind ins offene Messer gelaufen.“

Wir bekommen Einblick in die letzten Tage im Leben des Theodor Stavermann – und wie die verlaufen sind, lesen Sie hier.

Ähnliche Artikel