Osnabrück "Allen wurde unterschwellig geraten, sich nicht öffentlich zu outen"
Wieso Schauspieler Godehard Giese sich aktiv für die Belange von queeren Kolleginnen und Kollegen einsetzt und keine Angst vor KI hat, lesen Sie hier.
Seit rund 20 Jahren ist Godehard Giese ein bekanntes Gesicht in Film und Fernsehen. Ob in Krimis wie „Tatort“, Serien wie „Babylon Berlin“ oder Kinoproduktionen wie „Liebmann“ – meistens sieht man ihn in ernsten Rollen. Für seine komödiantische Rolle im Kinofilm „Sad Jokes“ ist er nun bereits zum dritten Mal für eine Lola beim Deutschen Fernsehpreis nominiert, der am 9. Mai über die Bühne geht.
Neben seinem künstlerischen Schaffen hat Giese vor vier Jahren mit zwei Kolleginnen die Initiative #actout ins Leben gerufen, die sich für mehr gesellschaftliche Akzeptanz von lesbischen, schwulen, bisexuellen, queeren, nicht-binären und trans* Schauspielern einsetzt. Im Fernsehen ist er derzeit in der ZDF-Mediathek im Film „Fossil“ zu sehen.
Frage: Hallo, Herr Giese. Wie ich hörte, stecken Sie gerade in Dreharbeiten?
Antwort: Ja, ich drehe gerade den Debütfilm von Jannis Lenz, ein Absolvent der Wiener Filmakademie.
Frage: Wo finden die Dreharbeiten denn gerade statt?
Antwort: Wir drehen in Stuttgart und Karlsruhe.
Frage: Können Sie bereits grob verraten, was für eine Rolle Sie da spielen und worum es da geht?
Antwort: Ich spiele einen Lehrer, der nach einer Auseinandersetzung zwischen Schülern in einen Interessenkonflikt gerät. Auf der einen Seite ist er in seiner Funktion den Eltern und der Schulleitung verpflichtet. Auf der anderen Seite versucht er loyal gegenüber seinem Sohn zu handeln, der mit einem der involvierten Schüler befreundet ist.
Frage: In der ZDF Mediathek sind Sie derzeit in dem Filmdrama „Fossil“ zu sehen. Da geht es um Malocher im Tagebau, die wegen des Strukturwandels ihren Job verlieren, richtig?
Antwort: Es geht vor allem um das Aufeinanderprallen von Generationen und Lebensrealitäten. Es geht um Arbeitsplätze, Verlust von Identität, aber auch um Utopien und Zukunftsperspektiven. Und um die Angst vor Veränderung.
Frage: Ungewöhnlich, das Thema aus der Perspektive der betroffenen Arbeiter im Tagebau erzählerisch zu thematisieren, oder?
Antwort: Ich fand es eigentlich ziemlich schlüssig. Der Titel „Fossil“ bezieht sich ja nicht nur auf die abgebauten Rohstoffe, sondern eben auch auf das Gefühl der Arbeiter nicht mehr gebraucht zu werden und aus der Zeit zu fallen.
Frage: Die Dreharbeiten fanden offenbar an Originalschauplätzen statt.
Antwort: Wir haben auf einem Eimerkettenbagger im Lausitzer Braunkohlerevier gedreht. Das war eine fast surreale Erfahrung. Als ob ein riesiges Ufo auf der Mondoberfläche gelandet wäre. Visuell ein spektakuläres Filmmotiv. Das ganze Gebiet dort wird, wie im Film, in den nächsten Jahren renaturiert.
Frage: Der nächste Strukturwandel steht in der Kulturbranche vor der Tür. KI bedroht immer mehr Jobs dort. Was würde es mit Ihnen machen, wenn Sie aufgrund von KI nicht mehr als Schauspieler arbeiten könnten?
Antwort: Es gab schon immer Computerprogramme, die in der Filmproduktion eingesetzt wurden, um Arbeitsprozesse zu vereinfachen. Wenn ich es richtig verstanden habe, ist KI ja auch nur eine Software, die bereits vorhandene Dinge reproduziert. Sie eben nicht neu verknüpft, entdeckt oder erfindet. In dieser Hinsicht erscheint sie mir zumindest für einen gemeinschaftlichen künstlerischen, kreativen oder schöpferischen Prozess relativ uninteressant.
Frage: Nicht wegen KI, aber aufgrund ihrer sexuellen Orientierung fürchten in der Filmbranche immer noch viele queere Personen um ihre Jobs, wenn Sie sich outen, richtig?
Antwort: Unsere Aktion #actout hat in dieser Hinsicht einiges in Bewegung gesetzt. Trotzdem bleibt nach wie vor Handlungsbedarf.
Frage: Die Initiative #actout wurde vor vier Jahren mit einem Manifest ins Leben gerufen, zu dessen Mitinitiatoren Sie gehören. Darin haben sich 185 Schauspielerinnen und Schauspieler geoutet. Gab es einen konkreten Auslöser?
Antwort: Es gab einen Vorfall auf dem Münchner Filmfest. Karin Hanczewski und ich hatten dort eine gemeinsame Filmpremiere und Karins damalige Agentin fragte, ob es denn unbedingt nötig sei, dass Karin ihre Freundin mit auf den roten Teppich nimmt. Das hat uns sehr verärgert. Als wir dann mit anderen queeren Schauspieler*innen sprachen, tauchten immer wieder dieselben ausgrenzenden Erfahrungen auf, die wir alle in der Branche gemacht hatten. Allen wurde unterschwellig geraten, sich nicht öffentlich zu outen.
Frage: Gibt es denn heute in der Branche immer noch Ressentiments gegen LGBTQIA+-Menschen?
Antwort: Schon die abwehrende Frage „Warum müssen die das denn unbedingt sagen, dass sie homosexuell sind? Ich will das gar nicht wissen! Das ist doch privat“ beinhaltet ja schon ein Ressentiment. Denn wenn ein heterosexuelles Paar auf dem roten Teppich erscheint, sagt ja auch niemand „Warum müssen die mir jetzt aufs Auge drücken, dass sie heterosexuell sind?“
Frage: Hat sich die Situation dank #actout verbessert?
Antwort: Ich denke, es hat sich vor allem der Druck gelöst, sich nicht einfach so zeigen zu können, wie man ist. Es gibt eine Webseite, auf der alle, die wollen, das Manifest unterschreiben können. Dadurch muss niemand mehr allein diesen Schritt gehen und das war letztlich auch das Anliegen. Dass man mit seinem Coming out nicht allein ist und Unterstützung erfährt. Dass es eben nicht um das Private geht, sondern um die Benennung von Strukturen der Ausgrenzung. Ich würde mir außerdem wünschen, dass die begonnene Entwicklung mehr queere Lebensrealitäten in Filmen zu zeigen auch weiterhin anhält. Unterschiedliche Lebensentwürfe zu zeigen, ist ja generell eine Bereicherung für uns alle.
Frage: Für Ihre Leistung in der außergewöhnlichen Dramödie „Sad Jokes“ sind Sie in der Kategorie bester Nebendarsteller beim diesjährigen Deutschen Filmpreis nominiert. Es ist ein Film über queere Lebensentwürfe und er spielt in der Filmbranche. Sie spielen einen übergriffigen Produzenten. Wie überzeichnet ist dieser Gero?
Antwort: Die Figur ist dramaturgisch als komödiantisches Element geschrieben und in sofern natürlich auch überspitzt. Inhaltlich vereint sie diverse Klischees über Personen in Machtpositionen. Überheblichkeit, Unsensibilität, Egozentriertheit. Wir haben aber versucht, dass immer wieder auch ein echter Mensch mit wirklichem Interesse, Anteilnahme und Verletzungen zum Vorschein kommt. Ich bekomme leider sehr selten komödiantische Rollen angeboten, deshalb hat mir diese Figur auch so große Freude gemacht.
Frage: Haben Sie vor lauter Dreharbeiten überhaupt Zeit, dem Filmpreis am 9. Mai entgegenzufiebern?
Antwort: Es freut mich einfach für meine Arbeit so eine Wertschätzung aus den eigenen Reihen zu erfahren. Das allein ist schon sehr beglückend.
Frage: Abschließend gefragt – können Sie schon etwas über zukünftige Projekte verraten?
Antwort: Letztes Jahr habe ich den neuen Film von Markus Schleinzer „Rose“ gedreht mit Sandra Hüller in der Hauptrolle. Der ist gerade in der Postproduktion und wird dieses Jahr seine Premiere feiern. Außerdem drehe ich demnächst die fünfte Staffel von „Babylon Berlin“.
Frage: Herr Giese, dann danke ich Ihnen sehr für dieses Interview!