Kolumne „Digital total“  Kontrollverlust wird in Kauf genommen

Fabian Scherschel
|
Eine Kolumne von Fabian Scherschel
| 29.04.2025 08:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Fabian Scherschel
Fabian Scherschel
Artikel teilen:

Unser Kolumnist steht so mancher Technik skeptisch gegenüber. Er stellt sich die Frage: Ist es das Bisschen mehr an Bequemlichkeit wert, das wir unsere Geheimnisse an Konzerne verraten?

Falls Sie diese Kolumne schon länger lesen, werden Sie es eventuell schon bemerkt haben, dass ich mich des Öfteren mit Leser-Mails auseinandersetze, in denen ich gefragt werde, warum ich als technikaffiner Mensch so manche Technologie ziemlich negativ sehe. Normalerweise erkläre ich das damit, dass ich einfach zu lange über IT-Sicherheit geschrieben habe und deswegen weiß, wie unsicher jegliche digitale Technik ist. Ich habe in letzter Zeit, nach einigen Mail-Wechseln mit Lesern, allerdings noch einmal tiefer über diesen Umstand nachgedacht und ich glaube, dass ich einen anderen, wahrscheinlich signifikanteren – und tiefergehenden – Grund ausgemacht habe.

Zur Person

Fabian Scherschel, geboren in Duisburg und nun in Düsseldorf lebend, arbeitete bis 2019 als Redakteur für das Tech-Portal Heise-Online und für die Tech-Newsseite „The H“ in London. Als Freiberufler schreibt er unter anderem für das Magazin „c’t“. Mittlerweile hat der begeisterte Podcaster sein eigenes Projekt: fab.industries. Fernseh- und Radiosender schätzen ihn als Experten.

IT-Sicherheit ist das eine Problem. Aber noch skeptischer macht mich die Tatsache, dass wir unsere digitalen Lösungen immer gleich zentralisieren. Dezentrale, offene Technologien wie E-Mail, der bei der Erfindung des World Wide Web angestrebte Aufbau des Internets und die herstellerunabhängige Hardware-Kompatibilität des IBM-PCs sind selten. Dagegen stehen Cloud Computing, zentrale soziale Netzwerke (von AOL bis Facebook und X) und Vendor Lock-in, wie er von Microsoft erfunden und von Apple perfektioniert wurde.

Warum sind zentrale Lösungen ein Problem? Weil sie wenigen die Kontrolle über viele erlauben. Früher konnten der Staat, die Großkonzerne und wenige Superreiche nicht herausfinden, wofür wir unser Bargeld ausgeben, was wir mit unserem Arzt besprechen oder welche politischen Meinungen wir haben. Heute wissen Visa oder Mastercard, wofür jeder von uns sein Geld ausgibt, Google kennt alle unsere Krankheiten und Leiden und Elon Musk und Mark Zuckerberg wissen genau, wie wir politisch ticken. Und die verschiedensten staatlichen Stellen greifen immer gieriger nach diesen Daten. Dass unser Leben in vielen Bereichen ein kleines bisschen bequemer geworden ist, erscheint mir nicht unbedingt ein fairer Tausch gegen die Kontrolle, die wir im Gegenzug abgegeben haben.

Kontakt: kolumne@zgo.de

Ähnliche Artikel