London  Pickelhaube, Preuße, Panzermann: So blicken die Briten auf Deutschland

Susanne Ebner
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Von Susanne Ebner
| 28.04.2025 12:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
So stellt sich der ein oder andere Brite die Deutschen vor: mit Pickelhaube. Foto: IMAGO / Depositphotos
So stellt sich der ein oder andere Brite die Deutschen vor: mit Pickelhaube. Foto: IMAGO / Depositphotos
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Wie das Klischee vom Deutschen als Nazi in Großbritannien entstand und welche stereotypen Vorstellungen bis heute fortbestehen, beeinflusst von Propaganda und Medien.

Der ehemalige englische Fußballspieler und -Trainer Harry Redknapp hatte es auf Thomas Tuchel abgesehen. „Ich glaube, er ist ein deutscher Spion“, sagte er über den Deutschen, der gerade als Coach der englischen Nationalmannschaft übernommen hatte. „Er wurde geschickt, um uns fertigzumachen“, fuhr er fort.

Die Gäste der Wohltätigkeitsveranstaltung in London lachten. Offenbar ermutigt legte Redknapp nach, inszenierte eine Art Befehl: „Geh rüber und ruiniere dieses Team.“ Mit übertriebenem deutschem Akzent rief er zum Abschluss: „Ja!“, und hob den Arm zu einer Geste, die an den Hitlergruß erinnert. Das Video von dem Auftritt ging im März dieses Jahres viral und die Empörung ließ nicht lange auf sich warten.

Wie kann es sein, dass 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs solche Kategorien noch öffentlich aufgegriffen werden? Viele Deutsche wissen nur zu gut, welche Bilder die britischen Boulevard-Medien jahrzehntelang von ihnen zeichneten: der steife Preuße, der ewige „Kraut“, der Nazi mit Helm und Akzent. Ob in Schlagzeilen oder Filmen – die Klischees hielten sich lange hartnäckig. Doch wie entstand dieses Bild und ist es heute noch aktuell?

Bereits vor dem Ersten und Zweiten Weltkrieg gab es Stereotypen, nur waren sie damals positiv, wie Frank Trentmann, Historiker am Birkbeck College der Universität London und Autor des Buches „Aufbruch des Gewissens: Eine Geschichte der Deutschen von 1942 bis heute“ im Gespräch mit unserer Redaktion sagt.

Im Vorfeld der Reichsgründung 1871 seien die Deutschen auf der Insel als „gemütlich, etwas langsam, freundlich und einfach im Umgang“ wahrgenommen worden. Deutschland galt als eine Kulturnation, die für Musik, Literatur und Wissenschaft stand. Doch dabei blieb es nicht. Das Deutsche Reich wurde zunehmend als wirtschaftliche und geopolitische Bedrohung wahrgenommen.

Im Ersten Weltkrieg bezeichnete die britische Propaganda die Deutschen oft als „Huns“ – eine Anspielung auf eine Rede Kaiser Wilhelms II. im Jahr 1900, in der er seine Truppen aufforderte, so rücksichtslos wie die Hunnen unter Attila vorzugehen. Plakate zeigten sie als barbarische Feinde. Im Zweiten Weltkrieg kam das Bild des SS-Mannes hinzu und „legte sich quasi obendrauf“, so Trentmann. „Die Stereotypen sind somit nicht plötzlich, sondern allmählich entstanden.“

Interessant daran: Die Deutschen werden häufig als das „Andere“ dargestellt, als Nation also, von der sich die Briten unterscheiden, wie der Historiker betont. Im Jahr 1941 analysierte der britische Schriftsteller George Orwell den englischen Charakter und stellte fest, dass seine Landsleute im Unterschied zu Nationen wie Deutschland keine beeindruckenden Militärparaden abhalten, dafür aber durch Unabhängigkeit, Widerstandskraft und Pragmatismus überzeugen.

Die britische Kultur drehe sich um Dinge, die zwar gemeinschaftlich, aber nicht staatlich sind – das Pub, Fußball, die Leidenschaft für Gärten oder die Liebe zur schönen Tasse Tee. Die Briten können nicht marschieren, so Orwell.

Auch der britische Kriegsfilm jener Jahre trägt zur klaren Abgrenzung bei. Deutsche Figuren erscheinen meist als gefühllose und überdisziplinierte Gegner mit steifem Auftreten und hartem Akzent. Dem gegenüber stehen britische Charaktere, die oft als überlegt und moralisch gefestigt inszeniert werden.

Deutlich wird dies etwa in dem Kriegsfilm „Went the Day Well?“ („Ist der Tag gut verlaufen?“) aus dem Jahr 1942, in dem sich vermeintlich britische Soldaten als brutale deutsche Invasoren entpuppen. Die Bewohner eines Dorfes auf der Insel treten mutig für ihre Heimat ein – ein Sinnbild für den Gegensatz zwischen Barbarei und aufrechter Nation.

Vor allem der Boulevard griff diese existierenden Feindbilder in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder auf. Besonders deutlich wurde dies etwa während der Fußball-Europameisterschaft 1996: Der Daily Mirror titelte vor dem Halbfinale gegen Deutschland mit „Achtung! Surrender“ („Achtung! Ergeben Sie sich“) und zeigte unter anderem den englischen Fußballstar Paul Gascoigne, Symbol für Englands Kampfgeist, im Stahlhelm – eine unverhohlene Anspielung auf den Zweiten Weltkrieg.

Die umstrittene Titelseite führte jedoch zu heftiger Kritik, woraufhin sich der damalige Chefredakteur des Blatts öffentlich entschuldigte. Mit dem wirtschaftlichen Aufstieg der Bundesrepublik in den 1950er- und 1960er-Jahren verschob sich das öffentliche Bild der Deutschen auf der Insel. Aus dem marschierenden Gegner wurde eine effiziente, pünktliche und technikaffine Nation, so Trentmann.

Dabei kam neben Bewunderung auch ein gewisser Neid auf. „Viele Briten fühlten sich unfair behandelt, da die Bundesrepublik durch das Wirtschaftswunder und die Marshallhilfe schneller aufstieg, während Großbritannien nach dem Krieg mit Schulden kämpfte.“

Doch das Bild von den Deutschen, „die es besser machen“, wie es der britische Autor John Kampfner vor einigen Jahren beschrieb, bröckelt. Die Flüchtlingspolitik von Ex-Kanzlerin Angela Merkel, die viele Briten als weltfremd empfanden, der Aufstieg der AfD, sowie die stagnierende Wirtschaft, „haben das positive Image spürbar ins Wanken gebracht“, sagt Trentmann.

Hinzu kommt: Großbritannien sucht nach dem Brexit weiterhin nach einer neuen Rolle. Eine engere Anbindung an die USA habe sich nicht verwirklicht und eine Rückkehr in die Europäische Union zeichne sich ebenfalls nicht ab. So habe auch Deutschland als Referenzpunkt an Relevanz verloren.

Obwohl die alten Bilder von marschierenden Nazis im britischen Boulevard kaum mehr auftreten, zeigen Seitenhiebe wie jene auf Thomas Tuchels Herkunft: Verschwunden sind die Klischees bisher nicht.

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