Hamburg  Cannabis-Legalisierung: Sind Apotheken der „bessere“ Schwarzmarkt? 

Tim Prahle, Christina Wiesmann
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Von Tim Prahle, Christina Wiesmann
| 25.04.2025 19:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Medizinisches Cannabis aus Apotheken wird immer mehr zum Trend. Foto: Georgios Kefalas/dpa
Medizinisches Cannabis aus Apotheken wird immer mehr zum Trend. Foto: Georgios Kefalas/dpa
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Cannabis einfach online nach Hause bestellen: Die Verschreibung von medizinischem Gras ist weiter auf dem Vormarsch, Apotheken spielen dabei eine zentrale Rolle. Das gefällt nicht jedem, wie ein Blick in die Kleinstadt Melle zeigt.

Die Familie Hoffmann betreibt in der niedersächsischen Stadt Melle ein echtes Traditionsunternehmen. Die Schreibersche Apotheke gehört seit mehr als 250 Jahren fest zum Stadtbild der Kleinstadt bei Osnabrück. Doch die Apothekerfamilie scheut auch keine neuen Geschäftsmodelle.

Vor nicht einmal einem Jahr gründete sie die Allefarben-Apotheke im selben Gebäude. Deren wohl einziger Sinn und Zweck, wie von der Internetseite hervorgeht: der Vertrieb von Cannabis. Kunden können sich online und mit einem entsprechenden Rezept Marihuana und Co. bestellen, es sich per Post nach Hause liefern lassen oder vor Ort abholen.

Die Meller liegen damit voll im Trend. Seit der Teil-Legalisierung von Cannabis vor einem Jahr hat sich für Apotheken bundesweit eine neue Sparte aufgetan. Medizinisches Cannabis gilt seither nicht mehr als Betäubungsmittel, die Verschreibung auf Rezept ist weitaus einfacher als zuvor. Über eine Apotheke mit einem Privatrezept an den Stoff heranzukommen, scheint weniger mühsam als durch Selbstanbau oder über die Mitgliedschaft in einem Cannabis Social Club.

Schätzungsweise halten mittlerweile mindestens 2500 der 17.000 Apotheken in Deutschland Cannabis vor. Die Zahl der Patienten soll von 80.000 auf mehr als 200.000 gestiegen sein, die Branche hat zuletzt rund eine halbe Milliarde Umsatz gemacht. Und versteuert. „Der Trend zeigt beim medizinischen Cannabis ganz eindeutig nach oben, das merken auch die Apotheken“, sagt Thomas Preis, Präsident der Bundesvereinigung der Apothekerverbände (ABDA).

Befeuert wird der Entwicklung von telemedizinischen Plattformen, die die Verschreibung von medizinischem Cannabis als Geschäftsmodell entdeckt haben. Hier können Kunden in Windeseile ein Rezept vom Arzt bekommen. „Cannabis wie vom Lieferdienst“, werben manche Anbieter.

Nicht alles daran ist legal: Öffentliche Werbung mit verschreibungspflichtigen Medikamenten ist gesetzeswidrig. Ärzte stellen Rezepte oft aus, ohne die Patienten vorher untersucht zu haben. Apotheker-Chef Preis kann dem Trend generell wenig abgewinnen: „Es ist wichtig, dass Medikamente nicht zu einem Genussmittel degradiert werden“, sagt er. „Das gilt auch für medizinisches Cannabis.“

Ob das alle Apotheken so sehen? Auch die Allefarben-Apotheke aus Melle kooperiert mit einer bekannten Plattform, die es Patienten besonders leicht macht, an Cannabis-Rezepte zu gelangen. Ein Fragebogen genügt, die verschreibenden Ärzte sitzen teilweise nicht in Deutschland. Das Landgericht Hamburg verurteilte den Betreiber der Plattform bereits wegen Verstößen gegen das Heilmittelwerbegesetz. Die Meller Apotheke ließ Fragen zu der Kooperation mit dem Betreiber unbeantwortet.

Lukrativ ist das Geschäft mit dem Cannabis allemal. Nicht nur für die Apotheken. Albert Schwarzmeier ist CEO der „Enua Pharma GmbH“. Das Kölner Unternehmen, eine Art Vertriebler für medizinisches Cannabis, habe allein im März 2025 1,6 Tonnen medizinisches Cannabis an die mehr als 1000 Partnerapotheken in Deutschland geliefert. Für Schwarzmeier sind „die Apotheken sind nicht nur wegen der Qualität und der strengen Prüfvorgaben besser als der Schwarzmarkt.“ Auch der Preis pro Gramm – je nach Sorte teilweise weniger als fünf Euro – sei mittlerweile niedriger.

Dass die neue Freiheit manches Mal überdehnt wird, bezweifelt Schwarzmeier nicht. Aber: „Wer das Cannabis über die Apotheke nicht bekommt, holt es sich eben auf dem Schwarzmarkt“, sagt er. Vor der Teil-Legalisierung hätten selbst manche Krebspatienten den Stoff illegal besorgen müssen. Es ist ein wiederkehrendes Argument der Befürworter: Ja, im Geschäft mit medizinischem Cannabis sei Missbrauch möglich. So wie bei anderen Medikamenten auch. Aber besser sicheres Gras von der Apotheke als gestrecktes vom Schwarzmarkt.

Generell scheint im „Graumarkt“ des medizinischen Cannabis einiges geduldet: Der Preis für medizinisches Cannabis ist gesetzlich sogar vorgegeben. Dass sich manche Pharmazeuten im wachsenden Markt daran nicht halten, sondern das Cannabis günstiger abgeben, gilt als offenes Geheimnis der Branche.

Allerdings will sich längst nicht in der gesamten Apotheker-Szene eine Goldgräberstimmung einstellen. Im Gegenteil: Es sind vor allem Apothekerverbände, die gegen die Plattformen juristisch erfolgreich vorgehen. ABDA-Präsident Thomas Preis würde den Vertrieb über telemedizinische Plattformen am liebsten ganz untersagen. Gemütlich von zu Hause Cannabis zu bestellen, wäre dann nicht mehr möglich. Es müsste der Weg zur Arztpraxis sein, und eine echte Untersuchung stattfinden.

Doch diese pauschale Verbotsforderung des Apotheker-Präsidenten stößt nicht bei allen Apotheken auf Gegenliebe. „Es wäre gut, wenn unser Dachverband uns zu der Thematik mehr einbinden und mit uns Themen, die Cannabis betreffen, diskutieren würden. Wir stecken deutlich tiefer in der Materie drin“, sagt Christine Neubaur, Geschäftsführerin des noch jungen Verbandes der Cannabis versorgenden Apotheken (VCA). 

Neubaur sieht das Vorgehen mancher telemedizinischen Plattformen selbst kritisch. Vom generellen Nutzen, online an medizinisches Cannabis zu kommen, ist sie jedoch überzeugt. „Es gibt zu wenig Ärzte, die sich mit Cannabis befassen oder befassen wollen. Ohne die Telemedizin wären viele Cannabispatienten wieder auf den Schwarzmarkt angewiesen“, sagt sie.

So sieht es auch Michael Kambeck vom Bund deutscher Cannabispatienten: Im Verein organisieren sich jene schwerkranken Menschen, die auf medizinisches Cannabis wirklich angewiesen sind. Kambeck meint: „Unsere Selbsthilfegruppen berichten inzwischen von Ärzten, die Patienten an die Online-Plattformen verweisen, statt sich selbst mit Medizinalcannabis zu befassen.“

Ärzte und Apotheker pflegen noch ein ambivalentes Verhältnis zum medizinischen Cannabis. Das zeigt sich auch im niedersächsischen Melle. Das lukrative Cannabis-Geschäft ist längst nicht allen Apotheken so geheuer wie der Apothekerfamilie Hoffmann. „Bei uns gibt es medizinisches Cannabis nur auf Rezept von Ärzten hier aus der Region“, sagt Apotheker Ralf Frerichs von der Meller Stadtapotheke. Rezepte, die von Online-Ärzten ausgestellt werden, nehmen Frerichs und seine Kollegen nicht an. „Es hat einen gewissen Beigeschmack und erscheint uns ein wenig dubios.“

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