Osnabrück Zwischen Damengambit und Frauenhass - Der neue "Tatort: Zugzwang" aus München
Im neuen "Tatort: Zugzwang" ermitteln Leitmayr und Batic gemeinsam mit Gerichtsmediziner Steinbrecher zwischen Schachmeistern und anderen Frauenhassern. Was gut ist an dem Krimi – und was stört.
Schachmatt in Oberbayern. Jahrelang hat Lars Kändler (Robert Dölle) auf die Austragung des Kandidatenturniers, einer Art „Wimbledon des Schachsports“, hingearbeitet. Jetzt ist es soweit. Die Weltelite der Schachspieler trifft sich auf Schloss Elmau am Fuß des Wettersteingebirges zu einem der wichtigsten Turniere der Welt. Als einzige Frau unter den Spielern mischt die hoch favorisierte wie auch umstrittene „Königin“ Natalie Laurent (Roxane Duran) die Männerdomäne auf.
Vor ihr zittern alle Spieler. Einige behaupten gar, sie sei eine Betrügerin. Laurent schlägt nicht nur unverhohlener Hass entgegen. Auch Morddrohungen sind beinahe schon an der Tagesordnung. Insbesondere Kamran Hasanov (Husam Chadat), Präsident des internationalen Schachverbandes, trägt seine Verachtung für Laurent offen zur Schau. „Frauen sind mental einfach nicht so stabil wie Männer“ gehört noch zu seinen „freundlicheren“ Äußerungen.
Das Turnier hat noch gar nicht richtig begonnen, da stürzt Laurents Sekundantin vom Dach des Hotels in den Tod. Unfall? Selbstmord? Mord? Gerichtsmediziner Mathias Steinbrecher (Robert Joseph Bartl), der sich zur Überraschung aller als großer Schachfan und -kenner unter den Zuschauern befindet und lange für das Großereignis sparen musste, ruft umgehend die Münchener Kommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl), Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) an den Ort des Geschehens.
Während die Ermittlungen gerade erst Fahrt aufnehmen, kommt es zu einem weiteren Zwischenfall. Die Assistentin des Veranstalters landet mit schweren Vergiftungserscheinungen im Krankenhaus. In Steinbrecher wächst ein böser Verdacht.
Irgendetwas ist nicht nur oberfaul in Oberbayern, sondern auch im Schachsport, wie dieser neue Münchener „Tatort: Zugzwang“ wieder und immer wieder andeutet. Tatsächlich stellen Frauen im Schach eine krasse Minderheit dar, die zudem mit teils schlimmen Vorurteilen wie aus einer anderen Zeit zu kämpfen hat. Es gebe eine eklatante Kluft zwischen den Fähigkeiten von Männern und Frauen, Frauen seien mental einfach nicht so stark wie Männer und ähnlicher Unsinn gegen Frauen im Schach findet in diesem Krimi seinen Widerhall.
Gegen derlei Humbug hat offenbar auch die äußerst beliebte Netflix-Serie „Das Damengambit“ nicht viel ausrichten können. Jetzt versucht der neue „Tatort: Zugzwang“ von Robert Löhr (Buch) und Nina Vukovic (Regie), eine Lanze für Frauen im Schachsport zu brechen. Wobei sich insbesondere Episodenhauptdarstellerin Laurent als Glücksgriff erweist.
Ihr gelingt es mit wunderbarer Leichtigkeit, die Rolle der umstrittenen Schachmeisterin Laurent mit einer geheimnisvollen Doppelbödigkeit zu garnieren, die die eigentliche Krimihandlung beinahe in den Hintergrund drängt. Dabei widerlegt die Figur der nahezu unschlagbaren Schachspielerin freilich auch alle angedeuteten und ausgesprochenen Vorurteile.
Drehbuchautor Löhr, der sich bereits vor zwanzig Jahren mit seinem Romandebüt „Der Schachautomat“ dem Spiel der Könige gewidmet hat, überfrachtet seinen Krimi allerdings leider mit teilweise überkonstruiert wirkenden Wendungen, Rochaden und überflüssigen Details, zu denen sich dann auch noch der Bergkarabachkonflikt gesellt.
Aber Regisseurin Nina Vukovic gelingen starke Bilder, mit denen der „Tatort“ auf ein spannendes Finale zusteuert. Wobei das eigentliche Ende dann doch mehr als nur eine Frage offen lässt. Aber vielleicht ist dieser „Tatort“ seinen Zuschauern auch einfach nur zehn Schritte voraus, so wie Schachspieler „normalen“ Menschen, wie es im Film formuliert wird?
„Tatort: Zugzwang“. Das Erste, Sonntag, 27. April, 20.15 Uhr und in der ARD Mediathek.