Bad Essen/Melle  Visitenkarten am Auto: Was unser Reporter mit den Autohändlern erlebt hat

Vincent Buß
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Von Vincent Buß
| 25.04.2025 11:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Ständig werden meinem Auto Karten angesteckt von Händlern, die es kaufen wollen. Foto: Stefan Gelhot
Ständig werden meinem Auto Karten angesteckt von Händlern, die es kaufen wollen. Foto: Stefan Gelhot
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Kennen Sie die Visitenkarten, die Händler an Ihr Auto stecken? Ich habe mehrere bekommen und einfach mal die angegebene Nummer angerufen. Wie das Treffen mit den Händlern ablief – und ob es zum Deal kam.

Anscheinend sieht mein Auto so aus, als ob ich es loswerden will. Sowohl in Bad Essen als auch in Melle wurden mir Visitenkarten ans Fenster gesteckt: Man will mein Auto kaufen – sofort Bargeld. Anstatt die Karten wie sonst erst ins Auto zu legen, um sie irgendwann in den Müll zu werfen, denke ich mir dieses Mal: Ja, warum denn eigentlich nicht?

Zumal ich niemanden kenne, der das schon einmal probiert hat. Ok, ein Freund sagte mir, dass seine Mutter sich mal mit so einem Händler getroffen habe. Zum Deal kam es ihm zufolge nicht. Aber seiner Mutter sei die Preiseinschätzung in Rechnung gestellt worden. Abzocke?

Also recherchiere ich erst einmal im Internet. Auf der Website „pkw.de“, über die auch Autos verkauft werden können, wird vor schwarzen Schafen unter der kartenverteilenden Konkurrenz gewarnt; die das gekaufte Auto beispielsweise nicht abmelden. Dann muss der Verkäufer nicht nur weiterhin Versicherungsgebühren und Steuern zahlen, sondern gerät, wenn das Fahrzeug für kriminelle Machenschaften genutzt wird, auch in den Fokus der Polizei.

Manchmal rücken die Händler angeblich „gleich in Mannschaftsstärke“ an. „Einer führt dann die Verhandlung, der andere steht im Hintergrund und sieht wahlweise bedrohlich drein oder spielt, ganz zufällig, mit großen Summen Bargeld herum.“ Meine Neugierde ist geweckt.

Die beiden Karten, die ich jüngst bekommen habe, sehen so aus, wie die unzähligen davor. Als ob sich jemand mit den limitierten Gestaltungsmöglichkeiten seines Computers ausgetobt hat. Der Inhalt ist auch immer ähnlich: Wir kaufen Gebrauchtfahrzeuge aller Art, holen sie überall ab und zahlen bar. Ach ja, und erreichbar wollen die Händler auch immer sein.

Einer von ihnen wirbt damit, „seriös und zuverlässig“ zu sein. Er gibt sogar einen Firmennamen und eine Festnetznummer an. Ich rufe erstmal ihn an.

Nachdem ich am Telefon auf sein Kärtchen verweise, prasseln die Fragen des Mannes am Telefon auf mich ein. Was für ein Auto? Baujahr? Benziner oder Diesel? 1,6- oder 1,9-Liter-Motor? Hubraum? Kilometerstand? Kombi oder Limousine? Schaltung oder Automatik? Irgendwelche Schäden? Und vor allem: Preis?

Ich muss nachdenken. Mein Auto habe ich erst vor zweieinhalb Jahren gekauft. Es hat mittlerweile zwar ein paar Macken und einige Kilometer mehr, aber ich setze mal hoch an. Fast 90 Prozent des Preises, den ich damals bezahlt habe, will ich haben.

Wo das Auto steht, will der Mann noch wissen und kündigt dann an: „Ich frage meinen Chef, er ruft zurück.“ Nach einer Minute ist das Gespräch beendet. Auf den Rückruf warte ich bis heute.

Ich versuche mein Glück beim anderen Kartenverteiler, der keinen Namen und nur eine Handynummer angibt. Er stellt die gleichen Fragen, beantwortet sogar geduldig meine Rückfragen, bittet dann aber auch zügig um meine Preisvorstellung.

Um meine Chancen auf ein Treffen zu erhöhen, reduziere ich den Preis um weitere 30 Prozent. Und tatsächlich, ein paar Tage später wollen wir uns treffen – kostenlos, wie er versichert. Ich schlage das natürliche Habitat der Kartenverteiler vor: einen Parkplatz.

An der Zufahrt zum Parkplatz treffe ich auf einen kleinen Mann mit hoher Stimme, zwischen 30 und 40 Jahre alt vielleicht. Auf dem Weg zum Auto führen wir ein bisschen Smalltalk. Er erzählt, dass er aus dem Libanon stammt, in welcher Stadt er wohnt und in welchen anderen Städten er arbeitet. Wenn der Mann von seinem Geschäft spricht, redet er von „Wir“.

Es gibt ihm zufolge einen zentralen Standort, er nennt sogar die Stadt. Wie genau man sich den vorzustellen hat, ist ihm nicht zu entlocken. Nur, dass es kein Autohaus ist, das man besuchen kann. So weit, so unklar. Jetzt wird erstmal das Auto begutachtet.

Sofort entdeckt er die Macke, um die ich mich nur provisorisch gekümmert habe. „Was war das hier? Ein Unfall?“, will er wissen. Als er die Autotür öffnet, diagnostiziert er sofort und zutreffend: In diesem Auto fahren Hunde mit. Er startet das Auto, fährt einen halben Meter vor und zurück. Danach wirft er einen Blick in den Fahrzeugschein.

Er macht ein Angebot: Es sind nur Dreiviertel von dem Preis, den ich vorgeschlagen habe. Und weniger als die Hälfte von dem, was ich vor zweieinhalb Jahren bezahlt habe. Die Reinigung würde schon 400 Euro kosten, behauptet der Mann. Und nein, ich selbst würde das Auto nicht so gut saubermachen können. Sowieso, es habe ja auch weder ein Navi noch besondere Sitze.

Er erklärt mir seine Logik hinter dem Preis. Fürs Ausland – „Polen, Litauen, solche Länder ... manchmal Afrika“ – sei mein Auto noch zu gut und dementsprechend zu teuer. Wenn es aber in Deutschland verkauft werden soll, müsse es vernünftig aussehen. Also vernünftiger als jetzt.

Ein Autohaus würde mein Auto auch nicht zu meinem Wunschpreis nehmen, behauptet der Mann. Er hingegen müsse weniger Steuern zahlen, deswegen sei dieser Deal möglich. „Bei uns kriegst du mehr.“ Das Geld könnte ich in bar oder aufs Konto bekommen.

Ich erinnere mich wieder vage an die Warnungen aus dem Internet vor nicht abgemeldeten Autos, mit denen im Namen des Verkäufers Schabernack getrieben wird. „Kannst du einfach in der Stadt abmelden“, sagt der Mann. Hier soll mir wohl keine Falle gestellt werden, denke ich. Auch ein Kaufvertrag wird mir versprochen.

„Sind Sie bereit, zu so einem Preis zu verkaufen?“, fragt er mich. Ich fordere Bedenkzeit und fürchte Bedrängung seinerseits. Aber er nimmt es so hin: „Alles klar!“ Ich soll mich einfach melden. Eine Viertelstunde nach seiner Ankunft zieht er wieder von dannen.

Was soll ich nun davon halten? Ich schaue nochmal ins Internet. „Besonders unerfahrene Menschen verkaufen ihren Gebrauchtwagen oft zu viel zu niedrigen Preisen“, behauptet „pkw.de“. Also hole ich mir eine zweite Meinung auf der Website „Wir kaufen dein Auto“. Die basiert zwar nur auf den Daten, die ich online angebe, liegt aber tatsächlich näher an meiner Vorstellung als an der des Kartenverteilers.

Als ich zusätzlich einen Händler eines Autohauses frage, ob er wirklich mehr Steuern zahlen müsse, verneint dieser. Was der kartenverteilende Kollege meinte, erschließt sich ihm nicht.

Ich rufe den Mann vom Parkplatz zurück und schlage nochmal meinen Wunschpreis vor. Aber nein, er bleibt bei seinem Angebot. „Das ist ein guter Preis, glaub mir!“ Ich bedanke mich und lehne ab, er nimmt es hin.

Eine Sache will ich dann doch noch wissen: Hat er seine Visitenkarte an mein Auto gesteckt, weil es so schäbig aussieht? „Nein, nein“, versichert er. Die steckt er an alle Autos.

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