Einzelhandel in Emden  Emder Tradition geht zu Ende – Fisch Klaassen schließt

Stephanie Tomé
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Von Stephanie Tomé
| 23.04.2025 13:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Am Donnerstag ist Schluss: Die beiden Verkäuferinnen Yvonne Smit (von links) und Michaela Rodig sowie Inhaber Dieter und Petra Klaassen verabschieden sich von ihren Kunden an der Auricher Straße. Foto: Stephanie Tomé
Am Donnerstag ist Schluss: Die beiden Verkäuferinnen Yvonne Smit (von links) und Michaela Rodig sowie Inhaber Dieter und Petra Klaassen verabschieden sich von ihren Kunden an der Auricher Straße. Foto: Stephanie Tomé
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Der Abschied von Fisch Klaassen fällt vielen Emdern schwer. Für viele war der kleine Laden mehr als nur ein Ort zum Einkaufen.

Emden - Diese Nachricht kam für viele überraschend: Der letzte stationäre Fischhandel der Stadt – Fisch Klaassen – schließt für immer seine Türen. Für viele Kunden endet damit eine Ära. Sie kamen nicht nur zum Einkaufen, sondern vor allem auch für Gespräche über Fisch, Familie und das Leben.

Am Donnerstag, 24. April 2025, um Punkt 12 Uhr wird der Laden für immer seine Türen schließen. Ein wenig überraschend kommt dies auch für die Inhaber, die ein Kaufangebot bekommen haben, das sie nicht ablehnen konnten. Der Greetsieler Krabbenhändler Berend de Beer hatte die Idee, zusammen mit dem niederländischen Garnelenlieferanten van Belzen aus Arnemuiden und Jakob Smit eine neue Firma zu gründen.

Online-Shop soll weiter wachsen

Interesse hatten die Unternehmer vor allem an dem Online-Handel, mit dem Junior-Chef Matthias Klaassen in den vergangenen Jahren großen Erfolg feierte. Vor allem die Corona-Zeit brachte den virtuellen Verkauf stark ins Rollen. Der Versandhandel von Frischfisch aus Emden fand zuletzt deutschlandweit so großen Anklang, dass die Abwicklung der Bestellungen in den beengten Räumen an der Auricher Straße immer wieder an ihre Grenzen stieß.

Mit dem Angebot aus Greetsiel hat Familie Klaassen nun die Möglichkeit, ihren Online-Shop weiter wachsen zu lassen. Einziges Manko: Das Ladengeschäft an der Auricher Straße bleibt damit auf der Strecke.

Das Gebäude an der Auricher Straße steht seit wenigen Tagen zum Verkauf. Foto: Stephanie Tomé
Das Gebäude an der Auricher Straße steht seit wenigen Tagen zum Verkauf. Foto: Stephanie Tomé

Familie ist zukünftig angestellt

Dieter, Petra und Matthias Klaassen verabschieden sich zudem aus der Selbstständigkeit und wechseln ins Angestelltenverhältnis, das sie bereits lange herbeigesehnt haben. Sie berichten von Arbeitswochen mit mehr als 70 Stunden. Freie Tage oder Urlaub hatten sie schon lange nicht mehr. Das soll sich nun ändern. „Für uns war das Angebot wie ein Sechser im Lotto, da mussten wir zugreifen“, sagt Dieter Klaassen.

Die schnelle Schließung des Geschäfts hat vor allem logistische Gründe. „Der zeitliche Ablauf läuft wahrscheinlich nicht nach den Wünschen der Kunden“, so Klaassen, der zusammen mit seiner Frau in den letzten Tagen viele Gespräche mit Stammkunden über die Schließung geführt hat. Auf die Marke Klaassen müssen sie künftig jedoch nicht verzichten. Sowohl im Online-Shop als auch in Greetsiel und Norddeich wird die Ware weiterhin verkauft.

Nach 37 Jahren an der Auricher Straße verabschiedet sich Fisch Klaassen von seinen Kunden. Am Donnerstag, 24. April 2025, schließt das Geschäft für immer seine Türen. Foto: Stephanie Tomé
Nach 37 Jahren an der Auricher Straße verabschiedet sich Fisch Klaassen von seinen Kunden. Am Donnerstag, 24. April 2025, schließt das Geschäft für immer seine Türen. Foto: Stephanie Tomé

So frisch, dass der Fisch noch zuckte

Der Fischverkauf an der Auricher Straße hat eine Tradition, die bis in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg zurückreicht. 1932 gründeten Hillrich und Almuth Wilken in einer hölzernen Baracke unweit des heutigen Standorts ein Geschäft, das neben Fisch und Feinkost auch Obst und Gemüse im Angebot hatte. Nach der Fertigstellung des damals neuen Geschäftshauses an der heutigen Adresse zog der Laden um. 1953 stieg Schwiegersohn Johann Müller mit seiner Frau Erna in das Geschäft ein. Wenige Jahre später übernahm er es als Inhaber. Nach einem großen Umbau und einer Modernisierung der Ladenräume konzentrierten sich die neuen Inhaber ausschließlich auf den Verkauf von Frischfisch.

Heiko Müller erinnert sich noch gut an seine Kindheit als Sohn eines Fischhändler-Paars zurück. Seinerzeit habe es in der Weihnachtszeit ein großes Aquarium mit lebenden Karpfen im Geschäft gegeben, die sich die Kunden direkt ansehen und aussuchen konnten, sagt der 65-Jährige. Die Tiere wurden sogleich geschlachtet und ausgenommen. Der Fisch war so frisch, dass die Karpfen in der Tüte noch nachzuckten, als die Kunden mit ihnen das Geschäft verließen. Dieses Bild hat Müller noch bis heute in nostalgischer Erinnerung.

Erna und Johann Müller führten bis 1988 das Fischgeschäft an der Auricher Straße unter dem Namen „Fisch Wilken“. Foto: Heiko Müller/Archiv
Erna und Johann Müller führten bis 1988 das Fischgeschäft an der Auricher Straße unter dem Namen „Fisch Wilken“. Foto: Heiko Müller/Archiv

Zukunft des Gebäudes ist ungewiss

1988 übernahmen schließlich Dieter und Petra Klaassen den Betrieb und knüpften damit auch an ihre eigene rund 150 Jahre alte Familientradition an, die auch für ihren langjährigen Standort eines Fischgeschäfts an der Großen Straße bekannt ist. Matthias Klaassen arbeitet inzwischen in fünfter Generation in dem Unternehmen. Gegründet worden war das Unternehmen im Jahre 1874, als Dieter Klaassens Ur-Opa den Verkauf von Norddeicher Angel-Schellfisch startete.

Was aus dem Gebäude an der Auricher Straße wird, weiß auch Dieter Klaassen nicht. Es steht seit wenigen Tagen zum Verkauf. Freuen würde er sich sicherlich, wenn sich ein Fischhändler fände, der den Laden übernimmt. Allzu große Hoffnung darauf macht er sich allerdings nicht.

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