Hilfe für Angehörige Demenz – der gemeinsame Weg im „Andersland“
Demenz ist eine Krankheit, die das Gedächtnis schwächt. Für Angehörige und Freunde kann das zu einer Herausforderung werden. Eine kostenfreie Kursreihe in Weener soll Unterstützung geben.
Weener - Über Jahrzehnte hinweg war die Frage, was es denn zum Essen gibt, ein gepflegtes Ritual. Doch plötzlich ist alles anders: „Ich habe dich schon mein Leben lang bekocht, sieh zu, dass Du Dir was selber machst“, raunzt die Frau ihren langjährigen Partner an. Entweder hat dieser sich an diesem Tag etwas Schwerwiegendes zuschulden kommen lassen, oder aber - es könnte ein Warnzeichen sein. Ein Signal, dass sich eine beginnende Demenz ankündigt. Häufig sind es solche Kleinigkeiten, minimale Veränderungen im Verhalten, die Angehörigen Hinweise auf eine Erkrankung geben, weiß Sigrid Ubben, Dozentin bei der Osnabrücker Gesellschaft Wörheide, die mit der Kursreihe „Begleitung im Andersland“ Angehörige von Demenz-Betroffenen unterstützt.
„Wir merken immer noch, dass Demenz ein Tabu-Thema ist“, sagt Andreas Cramer, Leiter des Altenzentrums Rheiderland. Dabei leben Angaben der Deutschen Alzheimergesellschaft zufolge rund 1,8 Millionen Menschen in Deutschland, die von der Krankheit betroffen sind. Häufigste Ursache der Demenz ist dabei eine Erkrankung an Alzheimer – und die Zahlen dürften bei der zunehmenden Alterung der Gesellschaft weiter steigen. „Demenz ist eine Krankheit, die häufig unsichtbar ist, die auch vom Umfeld nicht wahrgenommen wird. Aber: Sie ist da“, betont Cramer.
Eine Krankheit, die das Gedächtnis schwächt
Aus diesem Grund bietet das Altenzentrum Rheiderland die Kursreihe in Weener an. Angesprochen sind dabei nicht nur Angehörige, sondern auch andere Personen aus dem Umfeld der Betroffenen wie Nachbarn und Freunde. Bei einem Informationstermin am Mittwoch, 24. April 2015, um 19.30 Uhr werden im Altenzentrum Rheiderland, Mühlenstraße 10, die Inhalte der Kursreihe vorgestellt und erste Absprachen zum Verlauf getroffen. Die Teilnahme an der Kursreihe ist kostenlos. Inhalte sind neben Informationen zum Verlauf einer Demenz sowie zum adäquaten Umgang mit den Erkrankten auch Aspekte zur Pflegeversicherung und zu Themen wie gesetzliche Betreuung und Vollmachten.
Demenz ist eine Krankheit, die das Gedächtnis schwächt. An Demenz erkrankte Menschen können sich häufig nicht an jüngere Ereignisse erinnern, aber auch alltägliche Dinge wie etwa das Kochen können in Vergessenheit geraten. Angesprochen darauf reagierten von Demenz Betroffene nicht selten harsch, die Sprache werde härter, berichtet Sigrid Ubben. Hintergrund seien zumeist Ängste oder der Versuch, die Maskerade aufrechtzuerhalten. „Demenzkranke ziehen sich zurück und gehen auf Distanz, etwa weil sie Freund oder Kinder nicht mehr erkennen und sich daraus Unsicherheiten und Ängste entwickeln“, erklärt Ubben.
Erinnerung an Kindheit und Jugend bleibt
Andererseits blieben Erinnerungen an weit zurückliegende Zeiten wie die eigene Kindheit und Jugend meist erhalten. Und so tauchen demente Menschen langsam ab in Ihre eigene Realität – in das „Andersland“, wie es die Dozentin nennt. „Kann man das fassen? Wie geht man damit um? Auch das sind Fragen, die mit den Angehörigen beantwortet werden sollen“, sagt Ubben. Im Idealfall so, dass die Angehörigen oder Freunde die Menschen mit Demenz mit viel Humor in deren „Andersland“ begleiteten.
Etwa indem das direkte Lebensumfeld an die Bedürfnisse der dementen Personen angepasst wird, damit sich die Menschen auch in ihrer Realität zurechtfinden. „Warum bleiben die Mutter oder der Vater auf einmal mitten im Flur stehen“, fragt Ubben und gibt auch gleich die Antwort: „Weil für den dementen Menschen alle Türen gleich aussehen.“ Piktogramme an Türen und Schränken könnten eine Lösung sein. Wenn auch diese nicht mehr helfen, geht es auch drastischer. „Warum nicht eine Klobrille an die Toilettentür hängen, damit der Demente seinen Weg findet?“ Wenn die Betroffenen einen Weg nicht gehen sollen, könnten schwarze Fußmatten hilfreich sein. „Diese werden als Loch wahrgenommen und folglich nicht überschritten.“ Auf Glastüren könnten Bilder von Büchern geklebt werden. „In Bücherschränke läuft man nicht hinein. Auch das kann wirken“, empfiehlt die Dozentin.
Die Sichtweise des Erkrankten annehmen
Es gebe auch demente Menschen, die nicht mehr zu Bett gehen wollten, beschreibt Ubben weiteres seltsam anmutendes Verhalten. Verbunden sei dies meist mit der Befürchtung, dass sich im Schlafzimmer oder unter dem Bett sonderbare Sachen abspielen könnten. Helfen könnte hier, das Bett an den Seiten zuzustellen, oder mit einem Besen darunter sauberzumachen. „Dann ist alles weg, der Betroffene kann sich beruhigt ins Bett legen“, so der Tipp der Fachfrau. Irritiert? „Dass demente Personen nicht mehr mitkriegen, ist dummes Zeug“, betont Ubben: „Gefühle und Empfindungen sind genauso vorhanden wie vor der Erkrankung. Als Angehöriger muss ich aber die andere Sichtweise des Erkrankten annehmen.“
Einfach ist das für Angehörige nicht, besonders wenn sie sich noch selbst um die betroffene Person kümmern. „Das ist ein 24-Stunden-Job, das schlaucht ganz schön“, weiß Ubben aus unzähligen Gesprächen. Wer diese leite, müsse Schuldkomplexe ablegen und sich auch eingestehen, dass es auch einmal zu viel werden könne. „Es ist keine Schande, sich professionelle Hilfe an die Seite zu holen“, betont die Dozentin: „Das ist immer noch besser als gemeinsam unterzugehen.“ Auch hier soll die Kursreihe unterstützen und Menschen, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen, im Gespräch zusammenführen.