Todestag von Max Windmüller  Emder Widerstandskämpfer starb beim Todesmarsch nach Dachau

Werner Jürgens
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Von Werner Jürgens
| 19.04.2025 14:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Max Windmüller als junger Mann: Der gebürtige Emder flüchtete vor den Nazis in die Niederlande und schloss sich Widerstandskämpfern an. Foto: privat
Max Windmüller als junger Mann: Der gebürtige Emder flüchtete vor den Nazis in die Niederlande und schloss sich Widerstandskämpfern an. Foto: privat
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Am 21. April 1945 starb Max Windmüller: Blick auf einen Ostfriesen, der in den Untergrund ging und vielen Juden zur Flucht vor den Nazis verhalf. Bis er selbst verraten wurde.

Emden - Seine Biografie klingt so spannend wie ein Agentenfilm. Für Max Windmüller gab es aber kein Happy-End. Der aus Emden stammende Widerstandskämpfer hat während des Zweiten Weltkriegs viele jüdische Flüchtlinge vor dem sicheren Tod bewahrt. Er selber starb kurz vor der Kapitulation der deutschen Wehrmacht.

Wie Max Windmüller als Kind war

Geboren wurde Max Windmüller am 7. Februar 1920. Damals lebten fast 1000 Juden in Emden. Sein Vater Moritz Windmüller war Viehhändler und betrieb eine Schlachterei. Mutter Jette erzog ihre fünf Kinder im Geiste des Humanismus. Max galt als aufgeweckter Lausbub, der gern Streiche ausheckte. Dies mag ein Grund gewesen sein, warum er nach der vierten Klasse nicht an die Realschule oder das Gymnasium wechselte, sondern bis August 1933 weiter die jüdische Volksschule besuchte.

Was die Windmüllers in Emden erlebten

Allerdings kam es zu Beginn der 1930er Jahre auch in Emden an den höheren Schulen verstärkt zu rassistischen Diskriminierungen. Manche jüdische Schüler waren davon dermaßen frustriert, dass sie von sich aus zu ihrer Volksschule zurückkehrten. Vielleicht wollte Max sich diesen Stress ersparen. Immerhin war er couragiert genug, während seines letzten Schuljahres der Sozialistischen Arbeiterjugend beizutreten. Nachdem Ende März 1933 ein SA-Trupp vor dem Geschäft der Windmüllers erschienen war, um die Gewerbeerlaubnis einzukassieren, setzte sich die Familie nach Groningen ab. Vater Moritz starb 1937 im Exil.

Mit diesem gefälschten SD-Dienstausweis reiste Max Windmüller unter dem Namen Aart van Norden kreuz und quer durch das besetzte Frankreich. Foto: privat
Mit diesem gefälschten SD-Dienstausweis reiste Max Windmüller unter dem Namen Aart van Norden kreuz und quer durch das besetzte Frankreich. Foto: privat

Max und sein Bruder Isaak wollten eigentlich nach Palästina emigrieren. 1939 war Max bereits an Bord eines Auswandererschiffes, wurde aber in letzter Minute überredet zu bleiben, um jüdischen Flüchtlingen zu helfen.

Wie es Max Windmüller in den Niederlanden erging

Als die Deutschen 1940 in die Niederlande einmarschierten und ab 1941 mit der systematischen Verhaftung der Juden begannen, überschlugen sich auch bei den Windmüllers die Ereignisse. Während die kranke Mutter und Bruder Salomon mit Frau und Kind nach Auschwitz deportiert wurden und dort später sterben sollten, ging Max in den Widerstand.

Er schloss sich einer Gruppe um den Pazifisten Joop Westerweel an. Die versorgte aus dem Untergrund jüdische Flüchtlinge mit Lebensmitteln, Verstecken und gefälschten Papieren.

Bei einer Fahrt nach Amsterdam geriet Max Windmüller 1943 in eine Razzia und wurde ins KZ Westerbork gebracht. Versteckt in einem Wäschewagen konnte er fliehen.

Wie gefälschte Dokumente ihm halfen

Ausgestattet mit gefälschten Dokumenten führte der Ostfriese seinen Widerstandskampf fort. Sein Name lautete nun Cornelius Andringa, wobei seine Freunde ihn meistens nur Cor nannten. Mit seiner niederländischen Identität begab er sich auf Jobsuche und wurde Anwerber bei der berüchtigten Organisation Todt, die in den von den Nationalsozialisten besetzten Gebieten militärische Anlagen baute.

Max Windmüller pendelte von Paris aus zwischen Frankreich, Belgien und den Niederlanden hin und her, um untergetauchte Juden auf die Baustellen zu vermitteln. Auch die französische Résistance und spanische Antifaschisten beteiligten sich an dem Netzwerk.

Anfang 1944 erhielt Max Windmüller einen gefälschten Dienstausweis, der auf den Namen Aart van Norden ausgestellt war und ihn als Repräsentanten des berüchtigten Sicherheitsdienstes (SD) auswies. Offensichtlich wusste er die damit verbundenen Privilegien für sich und seine Schützlinge gut zu nutzen.

Ein Gymnasium in Emden erinnert heute noch an Max Windmüller. Foto: privat
Ein Gymnasium in Emden erinnert heute noch an Max Windmüller. Foto: privat

Wie Windmüller den Flüchtenden half

Augenzeugen erzählten später, dass der Ostfriese so manche brenzlige Situation, beispielsweise bei Kontrollen während einer Zugfahrt, durch sein selbstbewusstes Auftreten entschärfen konnte. Das letzte Stückchen der Untergetauchten auf dem Weg in die Freiheit war weniger bequem. Es führte über einen 2000 Meter hohen Passweg in den Pyrenäen nach Spanien. Trotz zahlreicher Todesopfer kamen 393 Juden durch, davon rund ein Viertel mit Hilfe von Max Windmüller.

Wie kräftezehrend diese Einsätze waren, verrät ein Brief, den er im Februar 1944 verfasst hat. „Ich mußte hier den ganzen Sonntag warten, weil kein Zug in das Nest ging, wo ich hin muß“, schreibt Max Windmüller. „Gestern morgen bin ich um acht Uhr aus Paris losgefahren, kam nachts um ein Uhr an, mußte mir im nächtlichen Marseille mein Hotel suchen, wobei ich ständig aufs Neue von der Polizei angehalten und nach meinen Papieren gefragt wurde. Lag endlich um zwei Uhr im Bett, wo ich sofort in den Schlaf fiel, weil ich die letzten Tage doch allzuwenig Schlaf gekriegt habe. Am nächsten Tag war ich um sechs Uhr wieder aus den Federn.“

Wie Max Windmüller die Nerven behielt

Die permanenten Kontrollen kosteten Nerven. Die gefälschten Papiere und nicht selten auch große Mengen Bargeld zur Bezahlung von Schleusern wurden in Geheimfächern von Kleidung oder Gepäck geschmuggelt. Wenn das aufflog, kam dies praktisch einem Todesurteil gleich.

Als ein französischer Zollbeamter in seinem Koffer einen doppelten Boden entdeckte, wäre auch Max Windmüller um ein Haar dran gewesen. Denn darin waren 300.000 Francs versteckt.

Laut der Erinnerung eines Mitreisenden verschwand der Ostfriese daraufhin mit dem Beamten ins Zollgebäude und kehrte erst nach einer Weile zurück zum Zug, der die ganze Zeit gewartet hatte. Das Geld war zwar weg. Dafür konnten beide ihre Fahrt unbehelligt fortsetzen.

Was Max Windmüller zum Verhängnis wurde

Trotz der Anstrengungen versuchte sich Max Windmüller stets seinen Optimismus zu bewahren. „Während der letzten zwei Jahre habe ich die Bekanntschaft vieler Menschen gemacht“, notierte er kurz vor seiner Verhaftung in sein Tagebuch. „Ich bin glücklich, sie kennengelernt zu haben. Sie waren eine Quelle des Glaubens, und der Idealismus, der sie stimuliert hat, schuf Freundschaftsbande zwischen ihnen und uns. Es ist gut zu wissen, dass wir nicht alleine sind.“

Ein Doppelagent wurde Max Windmüller zum Verhängnis. Er verriet ein heimliches Treffen mit der Résistance, das am 18. Juli 1944 in Paris stattfand. Einer der Festgenommenen wurde so heftig gefoltert, dass er noch während der Verhöre im Pariser Gestapo-Hauptquartier verstarb. Max Windmüller und die übrigen Gefangenen brachte man in ein rund 20 Kilometer entferntes Durchgangslager.

Wie Max Windmüller sich als Gefangener verhielt

Angesichts der näher rückenden alliierten Truppen bekam der Lagerkommandant kalte Füße. Er ließ an den Zug, in dem er sich selber aus dem Staub machen wollte, einen Waggon mit 51 Gefangenen koppeln. Darunter befand sich auch Max Windmüller. Dieser hätte bei einem Zwischenstopp fliehen können, tat es aber nicht. „Es ist wahrscheinlich, dass das Verhalten von Cor und seinen Kameraden verursacht wurde von einer Mattigkeit und Ermüdung physischer und moralischer Art, die sie zerbrochen hat“, mutmaßte später einer der 21 Gefangenen, denen damals die Flucht gelang. „In der Situation, in der wir uns befanden, konnte das kleinste Geräusch fatal die Aufmerksamkeit der Wachmannschaft auf sich ziehen und unser Vorhaben scheitern lassen.“

Max Windmüller als junger Mann: Der gebürtige Emder flüchtete vor den Nazis in die Niederlande und schloss sich Widerstandskämpfern an. Foto: privat
Max Windmüller als junger Mann: Der gebürtige Emder flüchtete vor den Nazis in die Niederlande und schloss sich Widerstandskämpfern an. Foto: privat

Am 25. August 1944, als Paris die Befreiung von den Nazis feierte, erreichte der Zug seine Endstation: das Konzentrationslager Buchenwald. Max Windmüller wurde als Neuzugang unter der Häftlingsnummer 54573 als staatenloser Jude und „Landarbeiter“ registriert. Zusätzlich zum gelben Dreieck musste er den roten Winkel als Zeichen für politische Gefangene tragen.

Am 16. September 1944 wurde Max Windmüller zur Zwangsarbeit in eine Rüstungsfabrik nach Bochum verlegt. Er sollte als Aufseher die 16 Mithäftlinge in seiner Kammer überwachen. Weil er sich weigerte, sie strenger zu behandeln, bestrafte man ihn mit den allerschwersten Arbeiten, was in Anbetracht der kärglichen Verpflegung für ihn kaum noch zu leisten war. Die tägliche Essensration bestand nur aus einem dreiviertel Liter Suppe und 200 Gramm Brot.

Nach dem 7. März 1945 tauchte der Name Windmüller erneut in der Lagerkartei von Buchenwald auf. Unmittelbar vor der Befreiung des Konzentrationslagers durch die Alliierten wurden Tausende von Häftlingen in offenen Güterwagen nach Flossenbürg abtransportiert. Anschließend ging es zu Fuß nach Dachau. Alle, denen die Kraft zum Gehen fehlte, wurden auf der Stelle exekutiert. Von rund 4000 Häftlingen kamen nur etwa 300 in Dachau an. Auch der fieberkranke und abgemagerte Max Windmüller überlebte den Todesmarsch nicht. Augenzeugen berichteten, dass er nicht mehr aufstehen konnte, nachdem er sich gebückt hatte, um aus einer Pfütze zu trinken. Er wurde von einem Wachsoldaten erschossen. Max Windmüller starb am 21. April 1945, einen Tag vor Befreiung der Häftlingskolonne durch US-Panzereinheiten.

Was heute an MaxWindmüller erinnert

Nach seinem Tod ist Max Windmüller vielfach geehrt worden. So erhielt er 1946 posthum die französische „Médaille de la Résistance“. In der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem wird ebenfalls ihn erinnert. Seine Heimatstadt Emden hat 1998 eine Straße nach ihm benannt. Ein Gymnasium trägt seit 2015 seinen Namen. Der Filmemacher Eike Besuden zeichnete in einer Dokumentation seinen dramatischen Lebensweg nach. Die Max-Windmüller-Gesellschaft engagiert sich im Sinne ihres Namensgebers für die Förderung der Völkerverständigung und kulturellen Toleranz.

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