Osnabrück  Mit zwei Kindern in der Trotzphase: „Du bist gerade richtig sauer, oder?“

Christian Ströhl
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Von Christian Ströhl
| 19.04.2025 06:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Zwei Kinder, zwei Trotzphasen – und mittendrin ein Vater zwischen Wut, Tränen und dem Versuch, ruhig zu bleiben. Foto: IMAGO/YAY Images
Zwei Kinder, zwei Trotzphasen – und mittendrin ein Vater zwischen Wut, Tränen und dem Versuch, ruhig zu bleiben. Foto: IMAGO/YAY Images
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Wutausbrüche, Türknallen, Tränen: In unserer Familie wird es in letzter Zeit öfter laut. Unsere Kinder befinden sich beide in der Trotzphase. Das ist anstrengend für die Kids – und für uns Eltern. Was hilft, wenn Geduld zur Mangelware wird?

Es ist 7.15 Uhr. Draußen dämmert der Morgen, drinnen ist Weltuntergang. „Den Pullover zieh’ ich nicht an!“ – und schon fliegt besagter Pulli einmal quer durchs Zimmer. Es ist nur ein harmloses Kleidungsstück, sollte man meinen. Doch für mein fünfjähriges Kind ist dieser Pullover eine persönliche Beleidigung. Ein Affront. Eine Kriegserklärung.

Aus dem Badezimmer höre ich währenddessen ein lautes und vehementes „Ich kann das schon alleine!“ Eine Tür geht auf und wird wieder zugeschmissen. Das kleine Kind will unbedingt alleine Zähneputzen. Es brüllt. Ich lächele angestrengt. Willkommen in der Trotzphase. Im Doppelpack.

Viele Eltern kennen solche Situationen nur zu gut. Und die meisten kennen auch die ganzen Ratschläge: Tief durchatmen, ruhig bleiben, bis zehn zählen. Wir sollen die Emotionen der Kinder annehmen. Einfühlsam sein. „Du bist gerade richtig sauer, oder?“

Die Autonomiephase (oder auch „Trotzphase“) klingt ja erstmal nett. Autonomie! Selbstständigkeit! Persönlichkeitsentwicklung! Auch evolutionsbiologisch gesehen ist sie sinnvoll: Kinder entwickeln ihren eigenen Willen, sie lernen, ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu erkennen und zu äußern.

Dabei stoßen sie an Grenzen und erfahren Frustration. Und ab spätestens da kommen wir Eltern ins Spiel. Wir sollen die Kinder in dieser hochexplosiven Stimmung begleiten, damit sie aus der „Trotzphase“ selbstbewusst, stark und emotional stabil herauskommen. Einige von uns wollen es anders machen, als es unsere Eltern vielleicht gemacht haben. Na super, wenn das mal keinen Druck aufbaut.

Mit den Wutausbrüchen der Kinder umzugehen, fällt vielen Eltern schwer – mir auch. Wir Eltern wollen ja verständnisvoll sein. Wir wissen, dass Wut ein Gefühl ist, das Ausdruck finden muss. Wir wissen, dass unsere Kinder in dem Moment keine Wahl haben. Dass ihr Gehirn gerade im Ausnahmezustand ist. Dass es unsere Ruhe braucht, unsere Führung. Darum sagen wir uns Mantra-ähnlich vor: Alle Gefühle sind okay.

Das gelingt oft, aber sicher nicht immer. Manchmal, da können wir einfach nicht mehr. Da werden wir selbst wütend. Nicht so ein bisschen genervt. Sondern wirklich wütend. Auf die Situation. Auf unsere Kinder. Und – das ist der schlimmste Teil – auf uns.

Weil wir laut werden, obwohl wir es nicht wollen. Weil wir dann so Sachen sage wie: „Jetzt reicht’s aber!“ Oder: „Stell Dich nicht so an!“ – was natürlich völliger Quatsch ist. Kein Kind stellt sich morgens absichtlich an. Es fühlt einfach zu viel. Manchmal, da kommen dann bei allen die Tränen – und dann habe ich Juli Krokodil im Kopf, ein Charakter aus einem Kinderbuch, und sage: Die Tränen rollen, wie sie wollen. Sie machen stark, wenn wir sie weinen.

Es ist das einzig Tröstliche an dieser wilden Phase: Unsere Kinder lernen, mit ihren Gefühlen umzugehen – und ja, wir auch. Manchmal gelingt uns das mit bewundernswerter Geduld. Manchmal eben nicht. Dann entschuldigen wir uns, nehmen uns in den Arm und atmen alle gemeinsam einmal tief durch.

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