Ein Leben als Pflegefamilie  Pflegekinder – jedes einzelne macht sie sprachlos

Susanne Ullrich
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Von Susanne Ullrich
| 17.04.2025 18:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Eine Pflegefamilie kann eine Familie auf Zeit sein, aber auch eine dauerhafte Lösung. Im Landkreis Wittmund gibt es aktuell 112 – der Pflegekinderdienst hofft auf weitere. Symbolfoto: Pixabay
Eine Pflegefamilie kann eine Familie auf Zeit sein, aber auch eine dauerhafte Lösung. Im Landkreis Wittmund gibt es aktuell 112 – der Pflegekinderdienst hofft auf weitere. Symbolfoto: Pixabay
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In dieser Pflegefamilie können Jugendliche, die nicht länger in ihrem eigenen Zuhause bleiben können, kurz verschnaufen. Manchmal reicht eine Nacht – andere kehren nie zurück.

Landkreis Wittmund - Das Haus von Heike und Bernd Janssen im Kreis Wittmund ist ein Ort der Zuflucht. Seit gut zehn Jahren nehmen sie Kinder und Jugendliche auf, die dringend ein Dach über dem Kopf benötigen. Die mussten oft kurzfristig, manchmal von einem Moment auf den anderen und ohne jegliches Hab und Gut, ihr Zuhause verlassen. Manche kennen kein Gefühl der Sicherheit, keine körperliche oder seelische Unversehrtheit, keine regelmäßigen Mahlzeiten oder andere Dinge, die für Heranwachsende eigentlich Normalität sein sollten.

Heike und Bernd Janssen heißen eigentlich anders. Aber ihr Name spielt keine Rolle für das, was sie für andere tun. Beide sind um die 60 Jahre alt und wollen sich und vor allem ihre Pflegekinder schützen. Sie geben Halt, schaffen Klarheit. In Zusammenarbeit mit dem Pflegekinderdienst der Wittmunder Kreisverwaltung haben sie sich das zur Aufgabe gemacht. Mittlerweile sind ihre beiden eigenen Kinder aus dem Haus. Als sie ihr erstes Pflegekind aufnahmen, lebte nur eins noch im Haus. „So war da schon ein Zimmer frei“, erinnert sich Heike Janssen. Das Umfeld habe ihnen dazu geraten, es als Pflegefamilie zu probieren. Wer die beiden erlebt, versteht sofort, warum: Das Paar wirkt ruhig, gelassen und geduldig. Es steht beruflich mitten im Leben, lebt Struktur vor.

Pubertät ist eine Findungsphase

Die Anfangsidee wurde schnell konkreter. „Es ist ein großes Haus. Viel Platz“, sagt Bernd Janssen schulterzuckend. Es folgten viele Gespräche. „Wenn man eine Familie ist, muss man das auch zusammen machen.“ Schließlich absolvierten Janssens einen dreitägigen Vorbereitungskursus beim Jugendamt – und entschlossen sich wenig später, es als Bereitschaftspflegefamilie zu versuchen. „So sind wir angetreten“, erinnert sich Heike Janssen. Die Idee: „So kann man da einmal reinschnuppern.“ Janssens legten sich einen Plan zurecht: Sie wollten sich auf die kurzfristige Aufnahme von Jugendlichen im Alter von 14, 15 Jahren konzentrieren. Jüngere sollten die Ausnahme sein. Die Kinder bleiben manchmal nur eine Nacht, einen Tag oder eine Woche.

Andere bleiben drei Monate. Dieser Zeitrahmen ist für eine Klärung vorgesehen – die im Einzelfall aber auch ein Jahr dauern kann. Bei einigen entscheidet sich in dieser Phase, dass sie dauerhaft zu Pflegekindern werden. Teilweise nimmt das Jugendamt die Kinder oder Jugendlichen in Obhut, weil sie in ihren Familien vernachlässigt, misshandelt oder missbraucht wurden. Andere müssen untergebracht werden, weil die alleinerziehende Mutter ins Krankenhaus muss – und es keine Angehörigen gibt. Wieder andere brauchen nur eine Auszeit, damit sich die erhitzten Gemüter abkühlen können – und kehren dann zurück.

Manchmal reicht ein guter Rat

Oft gehe es um eine Art Schlichtung, sagt Heike Janssen. Die Pubertät ist eine Findungsphase. Drogen, falsche Freunde – diese und andere Themen lassen das Familienleben zuweilen implodieren. Ein Mädchen kam zu Janssens, nachdem es von zu Hause abgehauen war. Die Polizei hatte das Kind aufgegriffen. „Sie wollte nicht nach Hause.“ Es habe ein paar Tage gebraucht, damit sich sowohl das Kind als auch die Eltern beruhigen konnten, erinnert sich die Mutter auf Zeit. Heike Janssen baute Vertrauen auf, vermittelte als Schiedsperson. „Manchmal reicht es aus, wenn man einen guten Rat gibt.“

Die Bandbreite sei riesig, kein Kind wie das andere. Keine Geschichte, kein Schicksal ist identisch. Durchschnittlich sind es pro Jahr rund 140 Kinder und Jugendliche, die der Pflegekinderdienst begleitet, in der Kurzzeit- und Bereitschaftspflege oder auf Dauer, in Vollzeit. Der Kreis hat etwa 59.000 Einwohner. Die Kreisverwaltung kann aktuell auf 112 Familien zurückgreifen – ist aber ständig auf der Suche nach mehr. Nur so kann ganz individuell geschaut werden, welche Familie zu welchem Kind passt. Weitere Informationen gibt es auf der Internetseite der Wittmunder Kreisverwaltung.

Die Tücken des Alltags

Für Janssens änderten sich irgendwann mit einem Kind die Vorzeichen: „Man kann nie sagen, wie es sich entwickelt.“ Ein Mädchen war schon eine ganze Weile bei ihnen, als klar wurde, dass sie nicht zurück in die Herkunftsfamilie konnte. Sie hätte in eine Wohngruppe umziehen sollen. „Wir haben ein bisschen Angst gehabt, dass sie da untergeht.“ Eine Vertrauensbasis bestand bereits. Also blieb sie. Sie ist nicht das einzige Kind, das das Paar in Vollzeitpflege teils über Jahre hinweg hat.

Das Leben als Pflegefamilie ist kein Selbstläufer. Es braucht Zeit, bis Vertrauen aufgebaut ist. „Manche ziehen sich sehr zurück“, berichtet Heike Janssen. Oft hätten ihre Pflegekinder Schwierigkeiten, auf andere zuzugehen. „Sie passen häufig nicht in unser soziales System.“ Sie hält engen Kontakt zu den Lehrern. In den Jahren hat sie mehr als 20 Kinder und Jugendliche begleitet: Oft sind es Außenseiter in der Schule – sogar in den eigenen Familien. Es sind Kinder mit Entwicklungsverzögerungen. Systemsprenger. Oder Kinder, die Angst haben. Junge Menschen, die sofort nach der Ankunft im Übergangszuhause Fluchtwege abchecken. „Einige fragen auch: Ist die Tür abgeschlossen?“

Neutralität den Eltern gegenüber

Es sind manchmal Jugendliche, die wissen, was Hunger bedeutet: „Kinder, die sich heimlich in die Küche geschlichen haben.“ Die Essen bunkern. Die körperliche Hygiene kann ebenfalls ein Thema sein: „Da muss man immer wieder individuell gucken.“ Manches könnten die Heranwachsenden erst nach einer Weile in einem neuen Umfeld reflektieren – „Sie kennen es ja nicht anders.“ Janssens haben schon einiges gesehen: „Eine völlig verwahrloste Wohnung mit Schimmel und Maden.“

Es ist ein ständiges Abwägen für Heike Janssen und ihren Mann: „Einen gewissen Rahmen stecken wir ab.“ Einen Erziehungsauftrag haben sie nicht – aber ohne Strukturen und Grenzen funktioniere das Zusammenleben nicht. Bei allem, was die Janssens erleben: Neutralität den leiblichen Eltern gegenüber ist Pflicht. Ihre Aufgabe: „Zuhören. Und benennen, was nicht richtig ist. Aber nicht drin herumrühren und nachbohren“, stellt die Frau klar. „Wenn ein Kind etwas erzählt, hat es schon viel Vertrauen gefasst. Da muss man immer ganz sensibel sein.“

Verhaltensmuster erkennen und einordnen

Manchmal brauchen auch die erfahrenen Pflegeeltern Unterstützung. Man müsse viel Toleranz mitbringen, stellt Bernd Janssen klar. Und Geduld und Gelassenheit, ergänzt seine Frau. Auch die eigenen Grenzen muss jede Familie erkennen und akzeptieren: Manchmal passt es einfach nicht zwischen Pflegefamilie und Pflegekind. Auch dafür gibt es Lösungen, das Netzwerk im Kreis Wittmund sei gut. Dieser Pflegefamilie helfen zudem Erfahrung und Fortbildungen, Verhaltensmuster besser zu erkennen und einzuordnen. Denn, auch das ist Heike Janssen zufolge die traurige Realität: „Mit jedem Kind gibt es wieder die Situation, die Sprachlosigkeit verursacht.“

Aber Janssens wissen auch, dass sie einen Unterschied im Leben dieser Kinder ausmachen können. Es sind die kleinen Erfolge, die das Paar motiviert, berichtet Bernd Janssen: „Wenn mittags ein Kind nach Hause kommt – und lächelt.“ Wenn Kinder zum ersten Mal seit langer Zeit wieder lachen, Kind sein, spielen können, ergänzt seine Frau. „Dann macht es Spaß. Dann freut man sich, dass man denen das geben konnte.“ Sie sagt, sie sei dankbar dafür, wenn die Kinder etwas annehmen, was sie ihnen mitgeben. Manchmal kommt Jahre später noch ein Anruf. Von anderen Kindern hören sie nie wieder etwas. Dankbarkeit der Kinder erwarten sie nicht: „Man lernt ein anderes Verständnis für Kinder“, sagt der Pflegevater. „Es ist auch für einen selbst ein Lernprozess, den man nicht missen möchte.“ Der strahlt auf das gesamte Umfeld aus, sind sich die beiden einig. „Man sieht den Menschen mit anderen Augen. Man macht vieles bewusster.“

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