Versuchter Mord  26-jähriger Leeraner schlug Großvater den Schädel ein

Bettina Keller
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Von Bettina Keller
| 15.04.2025 18:27 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Vor dem Landgericht Aurich geht es um versuchten Mord. Foto: Archiv/Klaus Ortgies
Vor dem Landgericht Aurich geht es um versuchten Mord. Foto: Archiv/Klaus Ortgies
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Ein Mann aus Leer steht wegen versuchten Mordes in Aurich vor Gericht. Er hat seinem Großvater mit einem Hammer den Schädel eingeschlagen. Der Angeklagte leidet an Schizophrenie.

Aurich/Hesel - Ein 26-jähriger Leeraner hat seinem Großvater mit einem Hammer den Schädel zertrümmert. Der 80-Jährige aus der Samtgemeinde Hesel überlebte dank einer Notoperation. In dem Prozess um versuchten Mord vor dem Landgericht Aurich berichtete der Mann am Dienstag, 15. April 2025, von dem Tag im November 2024, als sein Enkel ihn unvermittelt angriff. Die Schwurgerichtskammer hat in einem sogenannten Sicherungsverfahren zu entscheiden, ob der Beschuldigte dauerhaft in einer psychiatrischen Klinik untergebracht werden muss.

Laut Anklage hielt sich der Leeraner am Nachmittag des 24. Novembers bei seinem Opa auf. Nach dem gemeinsamen Tee im Wohnzimmer soll er plötzlich einen hinter seinem Rücken liegenden Hammer ergriffen haben. Mehrfach soll er auf den Kopf des Großvaters eingeschlagen haben, bis dieser ihn abwehren konnte. Der Beschuldigte soll aufgrund eines akut psychotischen Anfalls gehandelt haben. Oberstaatsanwältin Annette Hüfner sah das Mordmerkmal Heimtücke als gegeben an. Das Opfer sei arg- und wehrlos gewesen. Die Gefährlichkeit des Beschuldigten für die Allgemeinheit erfordere eine Unterbringung.

Opfer schleppte sich blutüberströmt zu den Nachbarn

Michael Schmidt, Verteidiger des Angeklagten, gab für seinen Mandanten eine kurze Erklärung ab: „Er räumt das Tatgeschehen ein. Es tut ihm leid. Er weiß, was er getan hat, aber kann es nicht rückgängig machen.“

Der Großvater berichtete im Zeugenstand, er habe sich nach vorne gebeugt, um die beiden Teetassen abzuräumen. Unvermittelt habe sein Enkel hinter sich gegriffen und kraftvoll mit einem Hammer auf seinen Kopf eingeschlagen. „Ich habe seinen Arm festgehalten, aber er tätigte aus dem Handgelenk weitere Schläge“, sagte der Zeuge. Schließlich sei sein Enkel weggelaufen. Er selbst habe sich blutüberströmt zu den Nachbarn geschleppt. Nach einer ersten Diagnose in Leer sei er mit dem Hubschrauber nach Meppen geflogen und operiert worden. „Die Ärzte meinten, ich hatte sieben Schlaglöcher“, sagte der 80-Jährige. Den Hammer müsse sich sein Enkel vor dem Teetrinken aus seiner Werkzeugschublade im Flur zurechtgelegt haben.

Angeklagter bittet Opfer um Entschuldigung

Der Angeklagte ergriff das Wort und bat seinen Großvater um Entschuldigung. Der wusch ihm den Kopf. Er habe ihn immer unterstützt, erwiderte der 80-Jährige. Er hätte arbeiten können – „nun sitzt du hier“.

Nachbarn des Opfers berichteten, der 26-Jährige habe sich öfter auffällig verhalten. „Ich kenne ihn nicht, aber er wirkte aggressiv“, meinte ein Zeuge. Der Beschuldigte habe Schattenboxen auf der Straße gemacht und richtig laut geflucht, „wie wenn er das Dorf zusammenschreien wollte“. Ein weiterer Zeuge meinte, man habe meistens nicht gut über den Beschuldigten gesprochen, „dass seine Familie es sehr schwer mit ihm habe“.

Splitter drangen in das Gehirn des Opfers ein

Der Großvater erlitt nach Erkenntnissen der Rechtsmedizin Schädelbrüche rechts und links frontal. „Dabei drangen Splitter in das Gehirn ein“, führte die Oldenburger Rechtsmedizinerin Dr. Vanessa Preuß aus. Diese Verletzungen sprächen für wuchtige Einwirkungen. Zusätzlich habe das Opfer eine Hirnblutung und mehrere Platzwunden am Kopf davongetragen. „Es hätte den Vorfall ohne zeitnahe Operation nicht überlebt“, lautete ihre Einschätzung. Die Heilung sei komplikationslos verlaufen.

Der Angeklagte leidet nach den Ausführungen des psychiatrischen Gutachters Professor Dr. Wolfgang Trabert seit früher Kindheit an einer Störung der Persönlichkeitsentwicklung mit fehlender Impulskontrolle. In seiner Jugend begann er mit dem Konsum von Cannabis und dem Ausprobieren weiterer Drogen. Er hat keinen Beruf erlernt und war zum Tatzeitpunkt arbeitslos. Weil er 2021 zu Hause randaliert sowie seine Mutter bedroht hatte, musste er ausziehen. Seinen Tag bestritt er damit, zu seinem Großvater zu fahren, herumzusitzen und Bier zu trinken. Der Senior missbilligte das, hielt aber trotzdem zu seinem Enkel.

Er hört Stimmen und leidet an Verfolgungswahn

Seit etwa zwei Jahren kamen bei dem Leeraner Symptome einer paranoiden Schizophrenie hinzu. Er hört Stimmen und leidet an Verfolgungswahn: Fremde Wesen sitzen in seinem Körper. Er hat mehrere Aufenthalte in der Emder Psychiatrie hinter sich und nimmt seine Medikamente nicht regelmäßig ein.

„Er war zum Tatzeitpunkt in einem psychotischen Erleben“, so Trabert. Der Leeraner habe ihm von einem Trigger berichtet, einem merkwürdigen Zwicken an der Halsseite, das ihn immer wieder überfalle. Er habe erzählt, er sei nicht Herr seiner Sinne gewesen, „eine Entität habe die Kontrolle über ihn übernommen“. Dann habe er auf einmal den Hammer in der Hand gehabt und zugeschlagen.

In der Untersuchungshaft habe der Beschuldigte Beamten von Stimmen erzählt, die ihn zur Eigen- und Fremdtötung aufgefordert hätten. Inzwischen sei er in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht. Der Gutachter sprach sich für eine dauerhafte Unterbringung des 26-Jährigen in einer Psychiatrie aus: „Die Krankheit besteht weiter.“ Man könne weiterhin annehmen, dass der Leeraner gefährlich sei.

Der Prozess wird am Donnerstag, 17. April 2025, um 9 Uhr in Saal 003 mit den Plädoyers fortgesetzt.

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