Leipzig  Peter Maffay über Kindheit, Schule und das Leben mit der sechsjährigen Tochter Anouk

Daniel Benedict
|
Von Daniel Benedict
| 18.04.2025 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 10 Minuten
Peter Maffay und seine Ehefrau Hendrikje Balsmeyer stellen neue Bühcher zur Einschulung ihrer Tochte Anouk vor. Foto: Jennifer Többen
Peter Maffay und seine Ehefrau Hendrikje Balsmeyer stellen neue Bühcher zur Einschulung ihrer Tochte Anouk vor. Foto: Jennifer Többen
Artikel teilen:

Mit 75 schult Peter Maffay noch einmal ein eigenes Kind ein. Im Interview sprechen der Sänger und seine Frau Hendrikje Balsmeyer über ihre Tochter Anouk, die Schule und den Moment, als Peter Maffay die Sonne als Mann aufgehen sah.

Zur Leipziger Buchmesse sitzen Peter Maffay und seine Frau Hendrikje Balsmeyer auf einem Hotelsofa, ein Plüschtier auf dem Schoß. Affi ist das Kuscheltier ihrer Tochter Anouk. In gemeinsamen Kinderbüchern erzählt das Paar vom Alltag mit dem Kind, das in diesem Jahr eingeschult wird. Eigentlich, sagt Maffay, wollte er in den Büchern gar nicht selbst auftauchen. Jetzt aber trägt auf den Illustrationen sogar ein Schneemann seine berühmte Lederjacke. Auch beim Interview legt Maffay das Markenzeichen nicht ab. Noch beim Abtippen des Mitschnitts hört man die Jacke bei jeder Bewegung knirschen.

Frage: Herr Maffay, Frau Balsmeyer, was haben Sie da für einen Stoffaffen? Haben Sie den Ihrer Tochter abgenommen? Oder gibt es den Affen aus Büchern auch zu kaufen?

Antwort: Balsmeyer: Der hier ist nachgekauft. Der echte Affi ist zu Hause und ganz schön durch die Mangel genommen. Ich will ihn immer heimlich austauschen, aber Anouk merkt das. Als ich ihn einmal in die Waschmaschine stecken wollte, hat sie gesagt: Dann kannst du mich gleich dazustecken!

Frage: Um Ihre Tochter herum ist ein ganzes Kinderbuch-Universum entstanden, inklusive Musical. Kriegt Anouk als Gute-Nacht-Geschichte die eigenen Abenteuer vorgelesen?

Antwort: Maffay: Anouk hat ein kleines Regal im Zimmer, mit allen Büchern, die sie mag. Was vorgelesen wird, bestimmt sie. Hauptsächlich sind es aber nicht die „Anouk“-Bücher. Ich nehme immer die mit den kürzesten Geschichten. Und sie verlangt dann genau umgekehrt die langen – damit es nicht so schnell vorbei ist.

Frage: Der größte Schritt war bei diesem Projekt sicher das erste Buch – und die Frage, ob Sie Ihre Familie überhaupt öffentlich thematisieren.

Antwort: Balsmeyer: Eigentlich war die Idee, Anouk nur etwas für sie selber zu schreiben – einen kleinen Wegweiser, der sie begleitet und den sie vielleicht mal ihren eigenen Kindern vorliest. Als Freunde uns dann zur Veröffentlichung geraten haben, war unsere einzige Bedingung: Wir sehen im Buch auf keinen Fall so aus wie in Wirklichkeit. Unsere Wunsch-Illustratorin Joëlle Tourlonias hatte allerdings auch eine Bedingung: Was ich zeichne, entscheide ich.

Beim Interview haben wir Peter Maffay eine alte Platte überreicht. Das ist passiert:

Frage: Und jetzt sieht nicht nur der Vater wie Peter Maffay aus, sondern sogar der Schneemann.

Antwort: Maffay: Diesen Ozzy-Osbourne-Effekt, das Spiel mit der Autobiografie, finden wir sogar ganz witzig. Schon weil Hendrikje es sich nicht nehmen lässt, uns alle ein bisschen durch den Kakao zu ziehen. Es war nicht abzusehen. Aber dass der Typ, der sich da mit seiner Tochter die Zähne putzt, dieselben Tattoos hat wie ich – das findet auch das Publikum gut.

Antwort: Balsmeyer: Dass auch Anouk sich ähnelt, ist übrigens Zufall. Die Illustratorin hatte mit meinen Kinderfotos gearbeitet. Es steckt also auch viel von mir selbst in der Figur. Der Öffentlichkeit zeigen wir nur diese fiktive Anouk, ein Kind, in dem sich jeder wiedererkennen kann. Das wirklich Private bleibt privat.

Frage: Es ist ein schöner Gedanke, dass Mutter und Tochter sich überlagern. Das Gefühl hat man mit Kindern ja wirklich – dass man sich selbst oder die eigenen Eltern in ihnen sieht. Geht Ihnen das auch so?

Antwort: Balsmeyer: Meine Großmutter, meine Mutter, ich und Anouk sehen uns sehr ähnlich. Aber eine sehr markante Sache hat Anouk von Peter und das ist die Augenform. Und der wiederum hat sie von seiner Mutter. Wenn er mit Anouk spielt, sagt Peter das ganz oft: Anouk lacht und ich sehe meine Mutter. Das ist ein kleines Gottesgeschenk.

Antwort: Maffay: Meine Mutter ist viel zu früh gestorben. Sie war erst Anfang sechzig. Die hätte an der Kleinen ihre helle Freude gehabt.

Frage: Ihr Vater müsste Anouk als Kleinkind aber noch auf dem Arm gehabt haben, richtig?

Antwort: Balsmeyer: Ja, Anouk hat Peters Papa noch kennenlernen dürfen, darüber sind wir sehr froh.

Frage: Ihr aktuelles Buch handelt von der Einschulung. Wissen Sie noch, was Sie selbst in der Schultüte hatten?

Antwort: Balsmeyer: Auf meiner Schultüte war Paddington-Bär. Was drin war, weiß ich nicht mehr. Peter und ich überlegen noch, was wir Anouk einpacken: Süßigkeiten, vielleicht ein Kuscheltier. Bücher passen ja nicht rein. Peter hatte die Idee, auch einen Kompass einzupacken – für die Orientierung.

Antwort: Maffay: Ich wurde im Rumänien der 50er eingeschult. Schultüten hatten wir damals nicht. Und auch sonst hatten wir nicht viel. Meine Erinnerung an die Schulzeit ist vage. Anfangs bin ich gern hingegangen, später dann nicht mehr. Ich weiß noch, dass mein Klassenlehrer zwei Meter groß war.

Frage: Wie sah Ihr Schulalltag aus?

Antwort: Maffay: Bis mittags haben wir gelernt. Zum Essen ging es nach Hause. Meine Mutter hat gekocht. Nachmittags kam mein Vater aus dem Betrieb, aß, und um die Kasse aufzubessern, ging er noch mal in eine Werkstatt direkt neben meiner Schule. Das war eine Büchsenmacherei, wo Jagdgewehre gerichtet wurden. Er hatte mir da einen kleinen Schraubstock eingerichtet, an dem ich mit Holz gebastelt habe. Es gab gutes Werkzeug und es roch herrlich nach den Materialien, mit denen die Gewehre brüniert wurden – so heißt es, wenn man das Eisen schwarz färbt. Nach Hause gegangen sind wir erst, wenn es dunkel wurde.

Frage: Durften Sie die Gewehre auch benutzen?

Antwort: Maffay: Mein Vater hat mich mitgenommen, wenn er Rehe und Hasen gejagt hat. Ich selbst habe nur zugesehen und hatte still zu sein. Ich habe viel Zeit mit meinem Vater verbracht. Um uns herum war immer viel Natur. Das ist in mir sehr lebendig geblieben.

Frage: Haben Sie von der Mutter kochen gelernt?

Antwort: Maffay: Mein Verhältnis zum Kochen ist etwas gestört. Hendrikje kocht hervorragend. Ich bin der Hiwi, der Kartoffeln schält.

Frage: Mit 14 Jahren ist Ihre Familie von Rumänien nach Bayern gezogen. Wie haben Sie diesen Wechsel empfunden?

Antwort: Maffay: Wenn wir in Bayern ins Lebensmittelgeschäft gingen, starrten einen auf einmal nicht mehr leere Regale an. Man konnte zwischen drei, vier Buttersorten wählen. In Rumänien kaufte man, was es gerade gab – und dann hat man getauscht. Man half sich gegenseitig. Dass mein Vater Ungar war und meine Mutter Siebenbürgen-Deutsche, hat uns überall geholfen. Und natürlich war Rumänien eine kommunistische Diktatur – mit Geheimdienst, Repression, Verhaftungen. Aus dieser Welt kamen wir nach zwei Flugstunden in ein Land, in dem gelacht wurde und in dem es Farben gab, die ich nie gesehen hatte. Es war ein Schock.

Frage: Gab es nur diesen positiven Schreck oder haben Sie auch Ausgrenzung erlebt?

Antwort: Maffay: Der Begriff „Rucksackdeutscher“ wurde schon benutzt. Das war abfällig gemeint: Hier kommen welche, die nichts haben und jetzt auch was abkriegen wollen. Das war aber selten und hat mich nicht beeindruckt.

Frage: Gibt es Lehrerpersönlichkeiten, die Sie geprägt haben? Haben sich Kontakte über die Schulzeit hinaus erhalten?

Antwort: Balsmeyer: Bei mir fängt das schon mit der Mutter und Großmutter an – beides Lehrerinnen. Als ich dann später selbst Lehrerin wurde, hat mich ein tolles Kollegium geprägt. Und als Kind hatte ich eine tolle Grundschullehrerin. Die würde ich, falls sie noch lebt, wirklich gern mal treffen.

Antwort: Maffay: Ich erinnere mich an Herrn Zikeli, meinen Klassenlehrer. Das war ein empathischer und gefühlvoller Mensch. Dem bin ich auch später noch begegnet. In der Schule selbst haben sie mich am Ende nicht mehr so oft gesehen. Das Gymnasium habe ich nicht abgeschlossen. Im letzten Jahr hatte ich über 180 Fehltage. Der Grund war der Probenkeller. Der einzige Lehrer, der Verständnis hatte, war mein Musiklehrer. Dem bin ich später noch ein paar Mal begegnet, als ich schon Platten gemacht habe.

Frage: Hat Ihnen sein Urteil noch etwas bedeutet? Von Lehrern wünscht man sich ja ein Leben lang gute Noten.

Antwort: Maffay: An meine Musiknoten kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Die waren bestimmt nicht verkehrt. Ich habe als Kind sieben Jahre lang Geige gespielt. Bei unseren späteren Begegnungen hat das keine Rolle gespielt. Der war einfach ein cooler Typ und er wollte wissen, wie sich das Musikleben so für mich anfühlt. Besser als das Gymnasium, hab ich gesagt.

Frage: Einer Ihrer Tabaluga-Songs beginnt mit den Worten: „Ich wollte nie erwachsen sein“. Stimmt das wirklich? Zu Ihrer Zeit war man erst mit 21 volljährig. Musste Ihr Vater Sie zur ZDF-Hitparade begleiten, weil sie noch minderjährig waren?

Antwort: Maffay: Ich glaube, bei der ZDF-Hitparade war ich schon über 21. Mein Vater musste nie eine Unterschrift leisten. Zum Glück – meine Eltern haben meine Laufbahn anfänglich mit sehr gemischten Gefühlen verfolg. Weil sie genau wussten, dass das ein kurzer Trip sein könnte. Als ich 20 war, hat mein Vater mir ganz unaufgeregt gesagt: Die Schule ist nach hinten losgegangen. Deine Lehre hast du auch abgebrochen. Jetzt ist Schluss. Wenn du Musik machen willst, mach das. Ich wünsche dir alles Gute, und wenn du mich brauchst, bin ich da. Aber für dich sorgen musst du jetzt selbst.

Frage: Ihr Song „Es war Sommer“ handelt von einem Jungen, der eine Frau trifft und danach „als Mann die Sonne aufgehen“ sieht. Und zwar „am letzten Tag im August“, exakt einen Tag nach Ihrem Geburtstag. Haben Sie sich nach Ihrem ersten Mal wirklich wie auf Knopfdruck erwachsen gefühlt? Oder nach dem ersten Plattenvertrag? Oder etwas ganz anderem?

Antwort: Maffay: Ich glaube, dieses Gefühl von Erwachsenensein hängt nicht von einem einzigen Erlebnis ab. Das ist ein Mosaik von vielen, vielen Einschnitten. Bei mir hatte das mit dem Verlust von Menschen zu tun, mit Brüchen in Beziehungen, Todesfällen in der Familie, Krankheiten und auch mit politischen Vorgängen. Und die Quintessenz aus dem anderen Song – „Ich wollte nie erwachsen sein“ –, die ist eine Auflehnung gegen diesen Mechanismus.

Frage: Warum die Auflehnung?

Antwort: Maffay: Weil in der Kindlichkeit, in der Unbekümmertheit, eine solche extrem schöne Qualität verborgen liegt, die man nie aufgeben sollte. Ich glaube, ich bin auch heute noch ganz gerne ein Kindskopf. Sicherlich nicht durchgehend, das wäre auch nicht zu ertragen. Ich merke das auch an der Kleinen: Es ist so faszinierend, wie offen und unbekümmert sie in ihr Leben hineinstapft, weil sie noch keine Verletzungen hat, weil sie noch nie betrogen wurde und nichts Schlimmes erlebt hat. Darin liegt auch unsere Verantwortung: sie davor zu bewahren in einer Welt, die gerade ziemlich aus dem Leim geht.

Frage: Frau Balsmeyer, gibt es Momente, in denen Sie Ihrem Mann sagen müssen: „Peter, werd‘ erwachsen“?

Antwort: Balsmeyer: Ich bin eigentlich ganz dankbar dafür, dass er mit Anouk noch so kindlich sein kann und die beiden einfach mal freidrehen. Es ist doch wunderbar, wenn Peter und Anouk zusammen Ballett tanzen.

Antwort: Maffay: Diese Ballettnummer ist gegen mein Einverständnis in die Öffentlichkeit geraten. Ich war ziemlich überrascht, als mich die Leute darauf angesprochen haben.

Frage: Ich höre zum ersten Mal davon.

Antwort: Maffay: Die Kleine hat mir mit ihren Flügeln vorgeführt, was im Ballettunterricht passiert. Ich stand daneben und habe mir gesagt: Peter, das probierst du auch mal aus. Und dann ist es recht komisch geworden. Es geht aber noch schlimmer: Vor zwei, drei Tagen, haben Hendrikje und ich uns durch die Wohnung gejagt – bis ich gegen eine Tür gelaufen bin. In dem Moment war das für sie und Anouk natürlich ein großer Spaß, die haben sich totgelacht. Die Beule habe ich allerdings noch immer.

Ähnliche Artikel