Kolumne „Alles Kultur“ Im Leben geht es nicht immer um das Ziel
In „Forrest Gump“ beginnt die Hauptfigur mit dem Laufen. Aber warum eigentlich? Und wohin? Unsere Kolumnistin fragt sich, ob wir im Leben überhaupt ein Ziel brauchen, um uns in Bewegung zu versetzen?
Ich sitze in einer Wohnküche, irgendwo zwischen einem riesigen Fernseher, einer Mikrowelle und einer Spülmaschine. Die Küche ist in einer Einrichtung, in der Menschen leben, die sich vieles zurückerobern müssen: Sprache, Beweglichkeit, Selbstbestimmung, Privatsphäre. Ein Schlaganfall, ein Unfall, ein kurzer Moment – und plötzlich ist alles anders. Ich bin zum Reportagedreh hier. Mit weiteren Menschen, einer Kamera, Mikrofonen und einem straffen Drehplan.
In einer kurzen Pause klappe ich meinen Laptop auf, während jemand neben mir Tee kocht. Er ist vielleicht Mitte 40 und witzelt mit allen herum. Dann stellt er mir auf einmal eine Frage: „Warum ist Forrest Gump eigentlich losgelaufen?“
Ich überlege und sage, halb abgelenkt: „Na ja..., weil seine Mutter gesagt hat: ‚Lauf, Forrest, lauf!‘“ Er schüttelt den Kopf: „Nee. Glaub ich nicht. Ich denke, der wollte einfach nur weg. Von dem ganzen Scheiß. Von allem. Bis er dann irgendwann angekommen ist.“
Ich schreibe das sofort in die auf dem Laptop geöffnete Datei, ungeachtet ihres Zwecks, der eigentlich eine plattdeutsche Übersetzung eines Kirchenlieds dienen sollte.
Vielleicht laufen wir alle manchmal einfach los – nicht, weil wir wissen, wohin. Sondern weil wir wegmüssen. Weil es zu laut ist, zu viel, zu eng. Und vielleicht merken wir erst auf halber Strecke, dass uns das Laufen nicht nur weg, sondern auch weiter bringt. Wir sind in Bewegung.
Forrest Gump – bekannt aus dem gleichnamigen Film – ist eine Figur, die uns durch ihre Schlichtheit berührt. Er läuft los und läuft immer weiter – ohne Plan, ohne Ziel. Zudem wird er Teil von Geschichten und Geschichte, inspiriert viele andere und entdeckt am Ende seinen eigenen Platz in der Welt. Er kommt an.
Die Menschen in dieser Einrichtung laufen nicht weg – nicht, weil manche von ihnen es erst wieder lernen müssten. Sie sind in Bewegung, legen Wege zurück, jeden Tag. Kleine, tapfere Schritte. Und sie stellen Fragen, die hängenbleiben, die auch etwas in mir bewegen.
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