Tradition in Gefahr Greetsieler Krabbenfischer bangen um Nachwuchs
Seit zwei Jahren warten die Krabbenfischer in Greetsiel auf Nachwuchs – offenbar möchte sich niemand mehr zum Fischwirt ausbilden lassen. Was sind die Gründe dafür und was tun die Fischer dagegen?
Greetsiel - Man stellt es sich romantisch vor: Morgens aufs Meer hinausschippern, später mit einer Kiste Krabben wieder reinkommen, sie am Hafen verkaufen und sich dabei an einer heißen Tasse Ostfriesentee aufwärmen. Die Realität sieht anders aus: viele Stunden auf See, keine geregelten Arbeitszeiten. Das schreckt insbesondere junge Leute ab. Niemand möchte sich mehr zum Fischwirt ausbilden lassen.
Diese Erfahrung macht auch Gerold Conradi. Der 63-jährige Fischer aus Greetsiel ist 2. Vorsitzender des Verbands der Kleinen Hochsee- und Küstenfischerei im Landesfischereiverband Weser-Ems und Sprecher der örtlichen Fischer. Über Jahrzehnte hat er nicht nur Krabben aus der Nordsee gezogen, sondern auch den Nachwuchs an Bord geholt. Doch daran hapert es inzwischen gewaltig. „Wir hatten sonst immer drei bis fünf Azubis pro Jahrgang“, erzählt Conradi. „Jetzt hatten wir seit zwei Jahren niemanden mehr.“ Zwar habe er zwischendurch Anfragen aus dem Rheinland bekommen. „Das waren alles Angler. Zwischen Angeln und Fischen liegen aber keine Welten. Das sind Dimensionen!“
Knochenjob auf hoher See
Einen Grund dafür sieht Conradi vor allem beim Thema Work-Life-Balance. Mit der Vereinbarkeit von Freizeit und Beruf sieht es in der Fischerei nämlich eher mau aus. Nicht jeder Teenager sehnt sich nach einer 80-Stunden-Woche. Doch gefischt wird immer, mindestens 40 Wochen im Jahr. Dabei ist der Job eh einer mit Risikofaktoren. Das weiß auch Conradi, der seinen Bruder vor 21 Jahren bei einer Schiffskollision vor Borkum verlor.
Er selbst war 40 Jahre auf der Nordsee unterwegs. Seit 2019 fährt der 63-Jährige nicht mehr raus. Er hat seinen Kutter namens „Friedrich Conradi“ – benannt nach seinem Vater – verkauft. Trotzdem dreht sich sein Leben noch immer um den Fischfang – nur eben an Land. Neben seinem ehrenamtlichen Engagement repariert er Netze für seine Greetsieler Berufskollegen. Denn immer mal wieder werden diese von Felsbrocken, Wrackteilen oder verlorenen Ankern zerrissen. Eine wahre Marktlücke für Conradi, denn es gibt nicht mehr viele Netzmacher wie ihn.
Schulweg führt nach Schleswig-Holstein
Dabei ist Netzkunde ein Teil der dreijährigen Fischwirt-Ausbildung und steht in der Fischereischule in Rendsburg neben Fächern wie Fangtechnik, Motorenkunde, Navigation, Vermarktung und fachbezogenes Englisch auf dem Lehrplan. „Auch Meeresbiologie gehört dazu“, weiß Gerold Conradi. Denn: „Wir kümmern uns um die Nordsee. Was die Bienen in Bayern machen, interessiert uns nicht.“ Ursprünglich seien die Auszubildenden in Eckernförde beschult worden. Mangels Auslastung ist die dortige Fischereischule aber mit der in Rendsburg zusammengelegt worden. Hier erhalten die Azubis Blockunterricht – in jedem Lehrjahr sind insgesamt zehn Unterrichtswochen zu absolvieren, inklusive Zwischen- und Abschlussprüfung.
„Man muss schon fit sein im Kopf“, sagt Conradi. Er selbst habe insgesamt 16 Auszubildende betreut, vor allem aus der Krummhörn und Emden. An seinen ersten Lehrling erinnert er sich noch genau. „Das war der Sohn vom ersten Azubi meines Vaters“, berichtet der 63-Jährige, dessen Familie bereits in sechster Generation zur See fährt. Fast alle seiner Schützlinge sind dem Meer nach der Lehre treu geblieben – wenn auch in anderen Bereichen. „Fischwirte sind bei der ‚Weißen Flotte‘ ziemlich gefragt“, weiß der Greetsieler. Mit diesem Begriff sind Passagierschiffe und die Gesellschaften dahinter gemeint, in Ostfriesland beispielsweise die AG Ems. Auch in der Zucht oder im Handel können ausgebildete Fischwirte unterkommen.
Wenn die Lehrlinge nicht gerade die Schulbank drücken, sind sie mit ihrem Ausbildungsbetrieb und dessen Besatzung auf See. Dabei lernen sie nicht nur Fachliches, sondern auch fürs Leben. Soziale Verträglichkeit, Kameradschaft – und Kochen. „Da steht nicht wie bei Mama das Essen auf dem Tisch. Darum müssen sie sich schon selbst kümmern“, erklärt Gerold Conradi. „Bei mir an Bord haben wir auch immer zusammen gegessen. Das war mir sehr wichtig.“
2030 als Schicksalsjahr
Gut bezahlt ist dieses Vergnügen allerdings nicht. Je nach Fachrichtung und Ausbildungsjahr bekommen die Azubis zwischen 780 und 900 Euro im Monat. Mit Blick auf einen 2023 von der EU-Kommission initiierten Aktionsplan stellt sich Conradi außerdem die Frage: „Welche Eltern schicken ihr Kind noch in die Ausbildung, wenn bald alles vorbei sein könnte?“ Der Hintergrund: Besagter Aktionsplan forderte ein Verbot von Grundschleppnetzen in Meeresschutzgebieten ab 2030. Ein Vorhaben, für das die Greetsieler Krabbenfischer wenig Verständnis hatten: „Wir machen doch kein Kartoffelroden! Wir wühlen den Boden nicht auf, sondern fischen kurz darüber“, erklärt Conradi. Der Aktionsplan sei nach zahlreichen Protesten inzwischen vom Tisch – zumindest auf EU-Ebene, hierzulande gibt es weiterhin entsprechende Absichtserklärungen.
Das macht auch die Banken nervös – die Fischer bekommen immer schwieriger Kredite. Jedes Jahr müssen sie viel Geld in die Wartung und Reparatur ihrer im Durchschnitt über 40 Jahre alten Schiffe stecken, da sie sich keine neuen leisten können. So meldet das Thünen-Institut, dass es seit 2004 nur sechs Neubauten gegeben habe, das jüngste Fahrzeug sei von 2010. „Die für einen Neubau notwendige Summe wagt kaum ein Betrieb zu investieren, weil die Aussichten als zu unsicher angesehen werden“, heißt es seitens der Forschungseinrichtung.
Das Thünen-Institut, benannt nach dem Agrarwissenschaftler Johann Heinrich von Thünen, ist eine Oberbehörde des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft mit Hauptsitz in Braunschweig. Es wurde 2008 aus den Bundesforschungsanstalten für Fischerei, Forst-, Holz- und Landwirtschaft gebildet. Das Ziel des Instituts ist es, diese Wirtschaftszweige nachhaltig weiterzuentwickeln. Dafür forscht es fachgebietsübergreifend und erarbeitet wissenschaftliche Grundlagen, die der Bundesregierung als Entscheidungshilfe in ihrer Politik dienen.Was ist das Thünen-Institut?
Fanggebiete werden knapp
Die Entscheidungen der EU-Politik sind jedoch nicht die einzigen Herausforderungen, vor denen die Fischer Ostfrieslands aktuell stehen. So heißt es im letzten Jahresbericht des Landesfischereiverbands Weser-Ems: „Der anhaltende Kampf um die Fanggebiete und steigende Betriebskosten bei gleichzeitig stagnierender Kaufkraft belasten die Zukunftsaussichten.“ Durch den Ausbau erneuerbarer Energie seien bereits viele Gebiete verloren gegangen. Den Greetsieler Fischern machen insbesondere die Windparks rund um die Insel Borkum zu schaffen.
Doch nicht nur die Windräder verschlingen Platz, auch Pipelines und Plattformen zwingen die Fischer, für ihre Jagd nach Krabben einen neuen Kurs zu nehmen – teilweise weit entfernt. Das vergangene Jahr war laut Landesfischereiverband das sechste unterdurchschnittliche in Folge. Allein im Vergleich zum Vorjahr fing die lokale Kutterflotte 44 Prozent weniger Krabben. Dazu kommen die Unwägbarkeiten beim Erlös. Kurzum: Jede Fahrt ist ein wirtschaftliches Risiko, die Zukunftsaussichten sehen düster aus.
Kein Wunder, dass der Nachwuchs auf Abstand geht – entgegen jahrhundertealter Greetsieler Tradition. Nachnamen wie Looden, Oltmanns, Poppinga oder eben Conradi gehören hier zur Fischerei wie der Kluntje in den Tee. Die alteingesessenen Familien setzen alles daran, dem Abwärtstrend entgegenzusteuern – sei es über die Arbeitsagentur oder soziale Netzwerke. Warum man heute noch Fischer werden sollte? Gerold Conradi weiß es ganz genau: „Aus Liebe zur Natur, zu den Schiffen und natürlich den Menschen! Wer in Greetsiel Fischwirt wird, wird Teil einer guten Seemannschaft und ist mittendrin im Seefahrtsleben.“
In einer früheren Version des Artikels hieß es irrtümlich, dass Gerold Conradis Bruder vor elf Jahren auf See verunglückt ist. Die Autorin hat sich jedoch verrechnet, tatsächlich ereignete sich der Unfall vor 21 Jahren, im Jahr 2004.