Windenergie in Ostfriesland Treibhausgas SF6 – der Klimakiller im Windrad?
In Windrädern steckt mit SF6 ein extrem langlebiges Treibhausgas, das die Atmosphäre belastet. Ist das ein Grund gegen Windenergie? Tatsächlich stammt das meiste SF6 aus einer ganz anderen Quelle.
Ostfriesland - Windenergie ist in Ostfriesland ein großes Thema – und es gibt sowohl Befürworter als auch Gegner. In jüngster Zeit erreichen diese Zeitung immer wieder Zuschriften, dass Windenergieanlagen (WEA) aus einem ganz besonderen Grund nicht nur nicht nachhaltig, sondern sogar umweltschädlich sein sollen: SF6. Dahinter versteckt sich das aus Schwefel und Fluor bestehende Gas „Schwefelhexafluorid“.
Was ist SF6?
Das Gas ist farb- und geruchslos, ungiftig und fünfmal so dicht wie Luft. Aufgrund seiner Eigenschaften wird SF6 unter anderem als Isoliergas in der Mittel- und Hochspannungstechnik eingesetzt, aber auch in der Halbleiter-Herstellung, bei der Magnesium-Gewinnung, in der Medizin – und eben auch in WEA als Isolator.
Was ist das Problem an SF6?
SF6 ist träge, löst sich nicht in Wasser, lässt sich nicht anzünden. Das sind erstmal positive Eigenschaften – solange das Gas nicht in die Atmosphäre gelangt. Dort hält es sich nämlich für rund 1000 Jahre – manchmal wird auch eine Verweildauer von bis zu 3000 Jahren angegeben – und wirkt hier als besonders starkes Treibhausgas. Ein Kilogramm SF6 in der Atmosphäre entspricht ungefähr 24.300 CO2-Äquivalenten.
Warum die Kritik an Windrädern?
Die Kritik an Windenergieanlagen geht in diesem Zusammenhang in diese Richtung: Bis zu drei Kilogramm SF6 sind in den Schaltungen einer Windenergieanlage verbaut. Durch Defekte oder den Abbau könnte das Gas entweichen. Pro WEA könnten so theoretisch rund 75 Tonnen COA-Äquivalent freigesetzt werden. Zum Vergleich: In Umspannwerken kommen mehrere Tonnen SF6 zum Einsatz.
Ist die Kritik berechtigt?
Die Zahlen stimmen auf den ersten Blick, aber es sind verschiedene Faktoren zu bedenken. Nicht in allen WEA SF6 ist verbaut. Die Betreiber von Schaltanlagen sind außerdem „gesetzlich zur SF6-Rückgewinnung durch sachkundiges Personal verpflichtet“, so das Umweltbundesamt in einer Broschüre. Selbst wenn eine WEA abgebaut wird, gelangt das Gas also nicht einfach in die Umwelt. Zudem müsste man die CO2-Einsparung durch Windenergieanlagen gegenrechnen. Laut Umweltbundesamt spart eine große WEA „im Laufe ihrer Betriebszeit weit über 100.000 Tonnen CO2 ein“.
Es stimmt also, dass SF6 ein Problem ist und den Klimawandel verstärkt. Daraus zu schlussfolgern, dass WEA automatisch klimaschädlich sind, stimmt aber nicht.
Welche Rolle spielt SF6 bei den Treibhausgasen?
Ein Austritt von SF6 kann dennoch passieren. „Insgesamt wurden 2020 in Deutschland 3,0 Millionen Tonnen Kohlendioxid-Äquivalente an SF6 emittiert. Dies entsprach 0,4 Prozent an den gesamten Treibhausgasemissionen in Deutschland von rund 728,7 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten“, schreibt das Umweltbundesamt auf Nachfrage dieser Zeitung. Die Quelle dafür liegt aber nicht in Windenergieanlagen, sondern in Fenstern. Erst ab den 1990er Jahren wurde der Einsatz des Gases zunächst stark reduziert und dann ab 2006 verboten. Laut Studien wird davon ausgegangen, dass die Fenster pro Jahr ein Prozent des eingesetzten Gases verlieren – und durch unsachgemäße Entsorgung dann meist der Rest freigesetzt wird. Fenster seien entsprechend aktuell noch die stärksten Emittenten von SF6 in Deutschland. Der Anteil der SF6-Emissionen aus Produktion, Anlagenbetrieb und Entsorgung von elektrischen Betriebsmitteln liege bei etwa acht Prozent der Gesamtemissionen an SF6, so das Umweltbundesamt. Windräder sind hier nur ein Teil, der nicht genau beziffert werden könne. „SF6-Schaltanlagen finden sich an vielen Stellen im Stromnetz, neben WEA auch in Umspannwerken, Kraftwerken jeder Art, bei großen Gebäuden und anderen Knotenpunkten der Verteilernetzebene“, schreibt das Umweltbundesamt auf Nachfrage.
Wird uns SF6 noch lange beschäftigen?
Die Gefahr, die von freigesetztem SF6 ausgeht, wurde schon vor längerer Zeit erkannt. Seit 2005 gibt es zum Beispiel eine freiwillige Selbstverpflichtung für Unternehmen in der Energiewirtschaft. Seitdem „konnten die Emissionen bei der Produktion massiv reduziert werden“, so der Verband der Elektro- und Digitalindustrie (ZVEI) auf Nachfrage. Und weiter: „Aktuell spielt SF6 noch eine sehr große Rolle in der Energietechnik, da alle gasisolierten Schaltanlagen der vergangenen 40 Jahre mit SF6 befüllt wurden und eine Nutzungsdauer von ca. 40 Jahren haben. Somit wird SF6 auch in Zukunft noch eine große Rolle spielen. Mit dem Inkrafttreten der neuen F-Gas Verordnung im März 2024 wurde aber ein klarer Ausstiegspfad aus der Verwendung von SF6 in der Energietechnik in der EU vorgeschrieben.“ Die Verordnung regelt die weitere Senkung von SF6 und ähnlichen Gasen.
„Die Regelungsvorschläge zur Verordnung betreffen in erster Linie neue Anlagen ab frühestens 2026. Erfahrungsgemäß wird dieser Zeitraum von vielen Betreibern ausgereizt“, so das Umweltbundesamt. Daher werde das „Problem SF6 in Schaltanlagen“ noch einige Jahre bestehen bleiben, da die durchschnittliche Lebenszeit solcher Anlagen 50 Jahre beträgt. Dennoch sollte der Verzicht auf SF6 kein unlösbares Problem sein: „In allen Spannungsebenen gibt es oder wird es zukünftig Alternativen mit Vakuum und Luft (in unterschiedlichen Zusammensetzungen) geben“, so das Amt weiter.