Hamburg  Forscher über Verschickungskinder: „Bettnässer waren Störungen im Betriebsablauf”

Marie Busse
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Von Marie Busse
| 10.04.2025 16:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Millionen Kinder wurden in Deutschland verschickt. Für einige war die Kur eine furchtbare Erfahrung. Foto: dpa/ Christoph Sandig
Millionen Kinder wurden in Deutschland verschickt. Für einige war die Kur eine furchtbare Erfahrung. Foto: dpa/ Christoph Sandig
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Millionen von Kindern wurden von 1945 bis in die 1990er Jahre in Heime geschickt, um sich zu erholen. Doch viele von ihnen kamen mit traumatischen Erlebnissen zurück. Warum kam es immer wieder zu Übergriffen?

Warum wurden Millionen Kinder in Deutschland zur Kur geschickt? Über die Geschichte der sogenannten Verschickungskinder ist bislang nur wenig bekannt. Der Historiker Hans-Walter Schmuhl hat sich intensiv mit dem Thema beschäftigt und erklärt im Interview, die Gründe der Verschickung und dem System dahinter.

Frage: Herr Schmuhl, Millionen von Kindern wurden in der Bundesrepublik verschickt. Warum wurde das eigentlich gemacht?

Antwort: Die Verschickung von Kindern hatte ihre Wurzeln bereits im frühen 20. Jahrhundert und war ursprünglich darauf ausgerichtet, Kinder aus städtischen Umgebungen vor den vermeintlich schlechten Lebensbedingungen und der schlechten Luftqualität zu schützen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das System verstärkt fortgeführt, um den durch den Krieg geschwächten Kindern Erholung und bessere Entwicklungsbedingungen in gesünderen Umgebungen zu bieten.

Frage: Wie haben sich die Kinderkuren im Laufe der Jahrzehnte verändert?

Antwort: Mit den verbesserten Lebensbedingungen in Deutschland verschoben sich auch die Gründe für die Verschickungen. Die medizinischen und gesundheitlichen Indikationen wurden zunehmend breiter und unspezifischer. Auch das pädagogische Element wurde verstärkt, indem man zunehmend Wert auf soziales Lernen und die Anpassung an Gemeinschaftsleben legte. 

Frage: Viele sogenannte Verschickungskinder berichten von furchtbaren Erfahrungen aus ganz unterschiedlichen Orten. Wie erklären Sie sich, dass Kinder offenbar unabhängig vom Heim die gleichen Erfahrungen gemacht haben?

Antwort: Das lässt sich durch das Konzept der totalen Institution erklären. Die Strukturen in den Kinderkurheimen ähnelten denen anderer geschlossener Einrichtungen, wie Psychiatrien, wo viele Menschen mit minimalen Ressourcen betreut werden mussten. In solchen Strukturen kann nichts geduldet werden, was aus der Reihe tanzt. Für Kinderkurheime waren das zum Beispiel Kinder, die Bettnässer waren. Sie waren eine Störung des Betriebsablaufs und wurden oft streng behandelt. Die Heime waren ähnlich strukturiert, also ähnelten sich auch die Erfahrungen. 

Frage: Zwischenzeitlich gab es ja über 1000 Heime. Wie war das denn organisiert?

Antwort: Wir sind gerade dabei, diesen Kosmos der vielen beteiligten Akteure zu erschließen. Es steht fest, dass es eine sehr vielfältige Landschaft an Kinderkurheimen gab, von privaten Betreibern bis hin zu kommunalen Einrichtungen und Organisationen wie dem Deutschen Roten Kreuz oder kirchlichen Trägern. Die Organisation der Verschickungen war komplex, involvierte zahlreiche Entsendestellen wie Gemeinden, Jugendämter, Wohlfahrtsverbände und Krankenkassen, sowie verschiedene Kostenträger.

Frage: Wurde mit den Verschickungsheimen Geld verdient?

Antwort: Die Forschenden, die aus der Perspektive der Betroffenen kommen, vermuten oft, dass mit den Verschickungen viel Geld verdient wurde. Ich selbst nehme an, dass kleinere, privat betriebene Heime durchaus profitabel sein konnten. Größere Heime, die von anderen Trägern geführt wurden, strebten meist eine Kostendeckung an. Krankenkassen, die eigene Heime betrieben oder mit Kurheimen Verträge hatten, versuchten, die Belegung effizient zu steuern, um wirtschaftlich zu arbeiten, was auch die Bewerbung von Winterkuren einschloss, um die ganzjährige Auslastung zu gewährleisten.

Frage: Und wie wichtig waren diese Heime für die Orte an den Küsten oder auf den Inseln. Da gab es in einigen Gemeinden ja dutzende davon. 

Antwort: Die lokale Wirtschaft profitierte von den regelmäßigen Belegungen, die stetige Einnahmen sicherten. Ein Beispiel ist Norderney in den 50er Jahren, wo die Gemeinde erhebliche Anstrengungen unternahm, um den Kurbetrieb nach der Räumung von Flüchtlingen und Evakuierten schnell wieder aufzunehmen, was die wirtschaftliche Bedeutung dieser Heime unterstreicht.

Frage: Wie steht es um die Aufarbeitung?

Antwort: Die Forschung zu diesem Thema ist noch relativ neu und die Aufarbeitung steht erst am Anfang. Viele Unterlagen wurden nach Ablauf der gesetzlichen Aufbewahrungsfristen vernichtet, was die Rekonstruktion individueller Schicksale erschwert. Es gibt jedoch einige laufende Projekte, die sich dieser Herausforderung stellen und versuchen, ein umfassenderes Verständnis der Geschehnisse und ihrer Auswirkungen zu entwickeln.

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