Mitte 30, Single, kinderlos Eizellen einfrieren – Ostfriesin vor schwerer Entscheidung
Nina aus Ostfriesland steht vor einer schweren Entscheidung: Soll sie ihre Eizellen einfrieren lassen? Dr. Grita Hasselbach vom Kinderwunschzentrum in Leer erklärt, warum das Timing entscheidend ist.
Ostfriesland - Nina ist Mitte 30, erfolgreich in einer Führungsposition in einem mittelständischen Unternehmen. Sie hat ein Haus, einen großen Garten, einen Hund, familiären Rückhalt und liebe Freunde. Aber zwei Dinge hat sie nicht: einen Partner – und ein Kind. Der Partner lässt sich noch finden, selbst mit 80. Doch wenn Nina, die eigentlich anders heißt und ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, noch ein Kind bekommen will, dann bleiben ihr nicht mehr so viele Jahre.
Mittlerweile bietet die Medizin dafür Hilfestellungen: zum Beispiel lassen sich Eizellen einfrieren – und zu einem späteren Zeitpunkt befruchten und wieder einsetzen. Das ist eine Methode, mit der sich auch Nina auseinandergesetzt hat. Seit mehr als fünf Jahren ist sie nun Single. Und mit zunehmendem Alter wusste sie, dass sie sich Gedanken über ihre Familienplanung machen muss. „Ich habe dann einen Essay über das Einfrieren von Eizellen in der Süddeutschen Zeitung gelesen und gedacht: Ist das eigentlich für mich auch ein Thema?“
Das Thema begegnet Nina nun öfter, vor allem in den sozialen Medien reden Frauen darüber, sich ihre Eizellen einfrieren zu lassen, sie hört darüber in Podcasts. „Es ist ein Thema, das viele Frauen in meinem Alter umtreibt, die keinen Partner haben“, sagt sie.
Eizellen einfrieren in Ostfriesland
Auch in Ostfriesland gibt es eine Klinik, die Frauen in solchen Situationen helfen kann: das Kinderwunschzentrum Ostfriesland in Leer. Dr. Grita Hasselbach leitet die Klinik, seit 2012 unterstützt sie Frauen und Familien mit Kinderwunsch in der Region. Und nach ihrer Einschätzung sollten Frauen wie Nina nicht mehr allzu lange warten, falls sie ihre Eizellen einfrieren möchten. „Die Chance auf eine Schwangerschaft ist abhängig vom Alter der Frau“, erklärt die Gynäkologin. Ausschlaggebend sei daher, in welchem Alter man einer Frau die Eizellen entnehme.
Nina sei natürlich immer klar gewesen, dass sie nicht unendlich lange Kinder bekommen kann, erzählt sie im Gespräch mit der Redaktion. „Ich habe mit Anfang 30 immer mal wieder über Kinderwunsch nachgedacht. Anfang 30 habe ich gesagt: Ich habe noch fünf gute Jahre und fünf schlechte Jahre, was das Kinderkriegen betrifft“, erzählt sie. „Rein rechnerisch sind wir schon in den schlechten Jahren angekommen.“
Schwangerschaftschance sinkt mit dem Alter
So schreibt es auch das Deutsche IVF-Register (DIR). Das DIR ist ein Forschungsinstitut in Düsseldorf und erhebt seit 1982 Daten aus dem Bereich der humanen Reproduktionsmedizin in Deutschland. Dem DIR sind 141 Kinderwunschzentren angeschlossen – in den jährlich erscheinenden Statistiken werden Zahlen aus allen Zentren genutzt. Im vom DIR herausgegebenen Jahrbuch aus 2023, in dem Daten aus 127.973 Behandlungszyklen ausgewertet wurden, steht: „Beachtenswert ist die Altersabhängigkeit von Schwangerschafts- und Geburtenraten. Haben Frauen in der Altersgruppe von 30-34 Jahren pro Embryotransfer (...) eine Geburtenrate von 31,2 Prozent zu erwarten, sinken in der Altersgruppe von 41-44 Jahren die (...) Geburtenrate auf 8,4 Prozent.“ Dabei handelt es sich um Zahlen zu Embryotransfers, also der Übertragung von Embryonen.
„Idealerweise lässt man Eizellen bis zum 35. Geburtstag einfrieren“, sagt Dr. Hasselbach. „Desto jünger die Frau ist, desto besser sind ihre Chancen auf eine spätere Schwangerschaft“, fasst es die Fachärztin zusammen. „Aber zu uns kommen auch Frauen, die 38, 39 oder auch 40 Jahre alt sind, wo wir die Behandlung auch durchführen können. Es gibt in dem Sinne keine Altersgrenze. Nur ist die spätere Schwangerschaftswahrscheinlichkeit dann nicht mehr so gut.“
Soziale oder medizinische Gründe?
Dass Nina keine Kinder hat, liege nicht ausschließlich am fehlenden Partner. „Ich wäre nicht in meiner jetzigen Position, wenn ich Kinder hätte“, sagt sie. Sie ist in einer Führungsposition tätig, leitet ein Team. Allerdings habe sie sich auch nie aktiv gegen Kinder und für ihre Karriere entschieden. Es habe sich eben so ergeben. „Ich wollte durchaus immer Karriere machen. Ich bin immer engagiert und strebsam in meinem Job gewesen. Und hab schon immer das Bedürfnis gehabt, Dinge nach vorne zu treiben und Menschen dabei mitzunehmen“, erzählt sie. Damit wolle sie nicht sagen, dass man nicht in einer solchen Führungsposition arbeiten könne, wenn man Kinder habe. „Ich glaube, dass man auch in einer Teilzeitstelle Führung übernehmen kann, nur dann muss man eben auch ein Unternehmen haben, das diesen Mut aufbringt. Und das sehe ich in Ostfriesland an wenigen Stellen.“
Laut Dr. Hasselbach sind soziale Themen wie der Beruf oder ein fehlender Partner häufig Gründe für das Einfrieren von Eizellen. „Wir müssen unterscheiden zwischen Social Freezing, also dem Einfrieren von Eizellen aus sozialen Gründen, und dem Medical Freezing. Medical Freezing sind Maßnahmen zur Erhaltung der Fruchtbarkeit, wenn Therapien notwendig sind, die die Fruchtbarkeit schädigen können, zum Beispiel Chemotherapien“, erklärt die Gynäkologin. Das Medical Freezing komme in ihrer Klinik häufiger vor.
Bei einer medizinischen Notwendigkeit übernimmt laut Dr. Hasselbach die Krankenkasse die Kosten der Behandlung. Seit 2021 übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für das Einfrieren von Ei- oder Samenzellen, wenn aufgrund einer Erkrankung und deren Therapie das Risiko besteht, dass eine Patientin oder ein Patient unfruchtbar wird. Gibt es allerdings auschließlich soziale Gründe, – wie bei Nina – müssen die Kosten selbst getragen werden.
Eine Behandlung kostet im Schnitt 3000 Euro
„Ja, die Kosten spielen für mich auch eine Rolle. Und da bin ich vielleicht auch ein bisschen kaufmännisch unterwegs“, sagt Nina und lacht. Sie frage sich, ob diese Investition es wirklich wert sei, obwohl sie selbst gar nicht so genau wisse, ob sie unbedingt Kinder möchte.
„Im Schnitt kostet eine Behandlung circa 3000 Euro. Eine Behandlung heißt eine Hormonbehandlung und die Entnahme der Eizellen“, sagt die Leiterin der Kinderwunschklinik. Wie viele Eizellen dabei entnommen werden, hänge davon ab, wie die Frau auf die jeweilige Behandlung reagiere – und maßgeblich von ihrem Alter. „Manchmal sind zwei oder drei dieser Behandlungen nötig. Denn wir möchten mindestens 15 Eizellen einfrieren. Sehr oft bekommen wir diese 15 Eizellen aber bereits mit einer Behandlung.“ Und dann kämen noch Lagerungsgebühren dazu, „circa 350 Euro im Jahr“, sagt Dr. Hasselbach.
Wann ist der perfekte Zeitpunkt für ein Kind?
Generell wirkt Nina glücklich. Es sei eben auch nicht so, dass ihr etwas fehle in ihrem Leben. „Hätte ich jetzt einen innerlichen Wunsch oder würde ich daran zerbrechen, dass ich keinen Partner, keine eigene Familie haben könnte, dann wäre es mir das wert.“ Doch es wäre eine Investition für etwas, hinter dem sie nicht hundertprozentig stehe. Deshalb hat sich Nina mittlerweile dazu entschieden, ihre Eizellen nicht einfrieren zu lassen. Aber hat sie deshalb mit der Familienplanung komplett abgeschlossen? „Wäre ich gedanklich komplett mit dem Thema durch, würde ich vermutlich gar nicht mehr darüber nachdenken“, sagt sie. „Ich kann es mir in meiner Zukunft im Moment nicht vorstellen. Aber ich würde es im Leben nicht ausschließen, weil ich weiß, wie sehr sich das Leben ändern und drehen kann“, so die Mitte-30-Jährige.
„Den optimalen Zeitpunkt für eine Schwangerschaft im Leben auszuwählen, ist für Frauen nicht einfach, und manchmal sogar ein großes Problem“, sagt Dr. Hasselbach. „Wir haben auch Patientinnen, die ihre Eizellen einfrieren lassen, sie dann aber nicht abholen. Weil der richtige Zeitpunkt einfach nicht kommen will“, so die Fachärztin. „Leider können wir als Kinderwunschklinik den Frauen nur helfen, ihre Fruchtbarkeit durch das Einfrieren der Eizellen zu erhalten. Die Unterstützung der Frauen im Beruf und in der Familie, um ihnen die Entscheidung für das Wunschkind zu erleichtern, bleibt eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“
Social Freezing als Plan B
Im Endeffekt müsse jede Frau diese Entscheidung für sich selbst treffen, sagt Dr. Hasselbach. „Aber alle Frauen sollten wissen, dass ab dem 35. Lebensjahr die Fruchtbarkeit deutlich abnimmt. Ab dem 30. Lebensjahr beginnt bereits der Fruchtbarkeitsverlust. Leider tickt die biologische Uhr einer Frau immer noch wie vor 5000 Jahren“, warnt die Gynäkologin.
„Als Reproduktionsmedizinerin würde ich mir wünschen, das Frauen sich ihren Kinderwunsch auf ganz natürliche Weise erfüllen können“, sagt Dr. Hasselbach. Aber weil die Realität leider anders aussehe, gebe es für Frauen zum Glück den Plan B: Social Freezing.
Nina habe sich Zeit gelassen und dann eine andere Entscheidung getroffen, sagt sie – auch, wenn das vielleicht bedeutet, dass sie nie Mutter wird.