Osnabrück Schauspielerin Julia Koschitz im Interview: „Das ist eine gemeine Frage“
Was schön anfängt, wird zum Albtraum: Der Psychothriller „Ewig Dein“ wirft einen intensiven Blick auf manipulative Beziehungsmuster. Vor der ZDF-Ausstrahlung haben wir mit Schauspielerin Julia Koschitz über toxische Beziehungen und intensive Drehmomente gesprochen – und darüber, wie sie von ihren Filmen selbst überrascht wird.
Selbst wenn Julia Koschitz bereits losgesprochen hat, hält sie immer wieder inne und nimmt sich bewusst Zeit, über ihre Antwort nachzudenken. Für sie sind diese Momente eine Errungenschaft, verrät die österreichische Schauspielerin.
Während sie in Berlin das nächste Projekt dreht, sprechen wir über das Bedürfnis sich in Themen reinzufuchsen, toxische Beziehungen und warum der Film am Ende nicht ganz so aussah, wie erwartet.
Frage: Frau Koschitz, im Psychothriller “Ewig Dein” baut ihre Rolle Judith Löbmeyr beruflich Lüster, also Kronleuchter. Was haben Sie zuletzt selber gebaut oder gebastelt?
Antwort: Oh Gott, mir fällt nichts ein. Also ich habe ein großes Herz für Recycling und Refurbishing jeder Art. Ich habe eine Lieblingsjeans, die wohl zwölf Jahre alt ist und fast auseinander fällt, so dünn ist der Stoff. Ich habe sie schon fünf Mal zur Änderungsschneiderei getragen, um sie flicken zu lassen. Gerade vor ein paar Tagen habe ich sie wieder aus dem Schrank genommen und gedacht ‚ach komm, einmal geht noch’. Ich bewahre alte Dinge gerne und verwerte sie wieder, statt Neues zu kaufen. Aber ich selbst bin handwerklich nicht so geschickt.
Frage: Gibt es Fähigkeiten, die Sie nur für Rollen erworben haben, die Sie jetzt noch nutzen?
Antwort: Klettern, das hat mich begeistert. Damit habe ich ein bisschen weitergemacht bis heute.
Frage: Ich weiß, dass Sie gerne lesen – welches Genre hat es Ihnen dabei angetan?
Antwort: Ja, leider fehlt mir beim Drehen oft die Zeit dafür. Ich lese Literatur und Sachbücher, da meist sozial-politische, historische und philosophische Beiträge.
Frage: Der Film “Ewig Dein” basiert auf dem gleichnamigen Roman von Daniel Glattauer. Anfang des Jahres haben Sie ihn bei szenischen Lesungen begleitet – was verbindet Sie beide?
Antwort: Uns verbinden zwei seiner Roman-Verfilmungen. Die erste hieß „Geschenkt“, in der ich vor sieben Jahren mitgespielt habe. Da sind wir uns aber kaum begegnet. Bei “Ewig Dein” hat Daniel uns aber nach Venedig begleitet, wo wir einen Drehtag hatten. Das war ein sehr lustiger Ausflug. Manuel Rubey und er kennen sich auch schon lange persönlich. Und letzten Sommer hat er mich gefragt, ob ich bei der Lesereihe seines neuen Romans mit ihm gemeinsam lesen möchte. Wollte ich! Also haben wir in Wien, Linz und München gemeinsam sein neues Buch vorgestellt.
Frage: Daher vermute ich mal, dass Sie auch ganz gerne vorlesen: Jetzt mit Daniel Glattauer, aber auch Poesie und ein WDR-Hörspielprojekt – Können Sie sich vorstellen, ein ganzes Hörbuch einzulesen?
Antwort: Ja!
Frage: Dann eher Unterhaltungsliteratur, also Belletristik oder eher ein Sachbuch?
Antwort: Mich würde Literatur eher interessieren, weil mich die Sprache reizt. Aber auch ein Sachbuch kann ich mir vorstellen, wenn mir das Thema ein Anliegen ist.
Frage: Wenn Sie ein Buch in Vorbereitung auf eine Rolle lesen, können sie das Schmökern genießen oder gleicht es eher einem intensiven Studium ihrer Figur?
Antwort: Eher zweiteres. Ich muss auch zugeben, dass ich den Roman erst nach dem Drehbuch gelesen habe. Wir waren in der glücklichen Lage, dass die Regisseurin Johanna Moder, Manuel Rubey und ich uns schon Monate im Vorfeld mehrere Male treffen konnten, um über das Drehbuch, die Figuren und die Dialoge zu sprechen. In dem Fall war die Lektüre des Romans eine Überprüfung dessen, was wir in den Film unbedingt einbringen wollten.
Antwort: Der Roman hat den Vorteil, dass er eine viel längere Zeitspanne erzählt, in der die Beziehung entsteht und sich langsam zu einem Albtraum entwickelt, in dem er sie in den Wahnsinn treibt. Was mich an dieser Geschichte fasziniert, ist, dass es diesem Mann gelingt, ihr Umfeld so zu manipulieren, dass ihre nächsten Vertrauten ihr Verfolgungswahn attestieren, statt sie zu schützen. Man fragt sich im Roman – und ich hoffe, das ist uns im Film ebenso gelungen – eine ganze Weile: Wer denn hier eigentlich der Verrückte ist? Ist ihre Sichtweise auf ihn stimmig oder missinterpretiert sie die Lage komplett?
Frage: War das auch das, was Sie an der Rolle gereizt hat?
Antwort: Ja, auf jeden Fall. Es hat mich fasziniert, dass es eine selbstbewusste, autarke Frau ist, die in so eine kranke Situation gerät. Eine Frau, die gar nicht auf der Suche nach einem Mann ist, um ihr Leben komplett zu machen, die vermeintlich zufällig an diesen Typen gerät, der sie nicht mal richtig entflammt bzw. überzeugt, sondern sie eher mit seiner Begeisterung und seiner Verliebtheit mitreißt. Von dem sie sich nach dessen ersten Eifersuchtsattacken trennt – weil sie schnell sein besitzergreifendes Verhalten spürt. Und die dann erkennen muss, dass ausgerechnet ihr das nicht gelingt. Die sich selbst bald nicht mehr trauen kann und sich immer mehr von ihrem Umfeld isoliert und damit noch angreifbarer für ihn macht. Das finde ich brutal.
Sehen Sie hier Einblicke in Julia Koschitz Psychothriller „Ewig Dein“, neu im ZDF:
Frage: Zwischen Hannes und Judith werden typische Manipulationsmuster toxischer Beziehungen dargestellt. Solche Dynamiken finden überall statt. Wir alle müssen davon ausgehen, dass wir Personen kennen, die selber Täter oder Opfer sind. Haben Sie in Ihrem Umfeld ähnliches mitbekommen?
Antwort: Nicht in dieser krassen Form, aber abgeschwächt kenne ich das schon. Wo Besitzansprüche gestellt werden, die mir ungesund erscheinen oder wo „Gaslighting“ an der Tagesordnung steht. Gut ist jedenfalls, dass man mittlerweile offen darüber spricht. Ich habe das Gefühl, dass viele sensibilisiert auf das Thema sind. Trotzdem erschreckend, dass beispielsweise die Zahl an Femiziden in Deutschland im Vergleich zu den Vorjahren steigt.
Frage: Kann der Film den Zuschauern helfen, diese manipulativen Muster im eigenen Kontext zu erkennen?
Antwort: Ein bisschen schon, denk ich. Ich hoffe, dass wir diesen relevanten Aspekt mittransportieren, auch wenn die Geschichte als Thriller verpackt ist und vielleicht auch die eine oder den anderen – das bezieht sich jetzt nicht nur auf Frauen in der Opferrolle – auf ein paar Warnsignale aufmerksam machen können.
Frage: Der Film beinhaltet Sexszenen und Szenen mit sexueller Gewalt. Gab es bei Ihnen dafür eine Intimitäts-Koordinatorin?
Antwort: Ja, das ist mittlerweile Usus in Österreich und Deutschland. Ich habe in den letzten zwei Jahren mehrmals mit Intimitäts-Koordinatorinnen gearbeitet.
Frage: Inwiefern erleichtert das Ihre Arbeit?
Antwort: Es ist gut und richtig, dass es dieses Angebot gibt, auch wenn man es nicht immer nutzt. Bei “Ewig Dein” hatte die Intimitäts-Koordinatorin eher wenig zu tun. Sie war da, um ihre Hilfe und ihren Schutz anzubieten, aber in dieser Konstellation war es nicht unbedingt notwendig, da alles sehr transparent und respektvoll ablief. Johanna, Manuel und ich hatten uns vorher genau überlegt, was wir mit den Sexszenen erzählen wollen. Jeder konnte seine Grenze ganz klar mitteilen und dann haben wir die Szene erarbeitet, wie jede andere Szene auch.
Frage: Ist es trotzdem manchmal schwieriger, aus solchen Szenen, die sehr emotional sind oder tief hineingehen, wieder herauszukommen?
Antwort: Mir ist Glaubwürdigkeit in einer Darstellung extrem wichtig. Ich fliege aus jeder Geschichte raus, wenn ich einem Schauspieler nicht glaube. Um das zu erreichen, hat jeder andere Mittel. Ich komme nicht drumherum, mich wirklich auf die Situation einzulassen oder manchmal meinen Erinnerungsfundus anzuzapfen. Das kann beim Drehen intensiv und nicht so leicht sein, sofort wieder abzuschütteln.
Antwort: Aber ich bilde mir ein, immer den Unterschied zwischen der Rolle und mir ziehen und irgendwann auch wieder loszulassen zu können. Aber klar: Alles, was wir erleben, erzeugt Nachwirkungen in uns – wie Wellen, die ein Stein auf der Wasseroberfläche verursacht. Diese Wellen entstehen auch beim Spielen und führen am besten zum nächsten Motiv oder Momentum, aus dem die Figur wieder handeln würde. Das ist gleichzeitig das Schöne an diesem Beruf, dass man die Chance hat, wirklich in die Verhaltensmuster, in das Denken einer anderen Person zu tauchen.
Frage: Inwiefern hat das Ihre Beziehungen zu anderen verändert?
Antwort: Was mich am nachhaltigsten an diesem Beruf begeistert, ist der ständige Perspektivwechsel. Es ist die eine Sache, auf intellektueller Ebene verstehen zu wollen, warum eine Person etwa eine bestimmte Partei wählt oder eine mir völlig fremde Meinung hat.
Antwort: Als Spielerin mache ich mir die Mühe, mich wirklich in diesen Menschen hineinzuversetzen und seine Gefühlswelt zu verstehen, seine Muster zu durchdringen – bis ich emotional die Sichtweise einnehme, bis ich sie spüre, was einen großen Unterschied macht. Das bereichert meinen Blick auf die Welt, auf mich und auf andere.
Frage: Haben Sie Systeme für sich selbst entwickelt, wie Sie immer bei sich bleiben?
Antwort: Vielleicht eins. Ich versuche, mich nicht hetzen zu lassen, weder von anderen, noch von mir selbst. Also nicht immer direkt zu handeln, wenn ich eigentlich schon merke, dass etwas nicht stimmt. Das überhaupt zu erkennen, ist eine Errungenschaft für mich. Ich gehe aus dem Automatismus des Handelns heraus und gebe mir davor einen Moment zum Nachdenken.
Frage: Nochmal zurück zu „Ewig Dein“: Sah der Film am Ende so aus, wie er sich beim Drehen anfühlte?
Antwort: (lacht) Das ist eine gemeine Frage. In Teilen ja, in Teilen nein.
Frage: Warum?
Antwort: Das hat mehrere Gründe: Manchmal liegt es an mir – es gibt bestimmte Dinge, die ich transportieren wollte und die mir nicht gelungen sind. Manchmal liegt es an meiner Vorstellung, die ich hatte, zum Beispiel visuell oder atmosphärisch. Ich versuche zwar beim Drehen schon ein Gefühl dafür zu kriegen, wie die Geschichte letztlich rüberkommen wird, aber das hat seine Grenzen. Insofern gibt es immer wieder Überraschungen – auch bei diesem Film.
Frage: Haben Sie sich denn selber bereits auf der anderen Seite, also im Sinne von Kamera und Schnitt, ausprobiert?
Antwort: Ich habe mal einen Kurzfilm gemacht. Ich habe ihn geschrieben, inszeniert und mit jemandem zusammen geschnitten. Das war eine spannende und sehr gute Erfahrung für mich, weil man die andere Seite mit ihren Herausforderungen sofort versteht. In meinem Freundeskreis gibt es aber auch viele, die Regie führen oder schreiben, wodurch ich mittlerweile einen guten Einblick darin habe, was es bedeutet, eine Geschichte von Grund auf zu erzählen.
Frage: Welcher Kurzfilm war das?
Antwort: (lacht) Den kennt niemand. Ich wollte ihn damals bei Filmfestivals einreichen, habe es aber nie gemacht.
Frage: Der Film “Ewig Dein” dauert etwa eineinhalb Stunden. Zu Beginn haben Sie gesagt, dass es anspruchsvoll war, die Thematik und Handlung des Romans in dieser Kürze der Zeit rüberzubringen. Beim Anschauen habe ich gemerkt, dass ich mittlerweile sehr die Langform von Serien und längeren (Kino-)Filmen gewohnt bin. Wie geht es Ihnen damit?
Antwort: Als Zuschauerin bin ich eher ein Fan von Filmen als von Serien. Das liegt aber auch daran, dass ich das Kino liebe. Serien erreichen bei mir nicht die gleiche intensive Aufmerksamkeit. Meistens erschlafft meine Konzentration irgendwann und dann konsumiere ich sie eher weg. Natürlich kommt es dabei auf die Qualität an, so was wie “White Lotus” sauge ich mit allen Poren auf.
Antwort: Letzten Endes kommt es immer auf die Geschichte an. Es gibt etliche Geschichten, in diesem Serienboom, die nicht unbedingt in diesem Format hätten erzählt werden müssen. Die könnten dramaturgisch viel dichter erzählt werden. Andererseits gibt es ganz fantastische Geschichten, die nur als Serie und nicht als Spielfilm funktionieren würden.
Frage: Wie ist denn Ihre Sicht als Schauspielerin – was drehen Sie lieber: Serie oder Spielfilm?
Antwort: Eine meiner wichtigsten Arbeiten war eine Serie, die leider untergegangen ist. Sie hieß „Souls“, wurde für Sky produziert und war eine wirklich beglückende Zusammenarbeit mit Alex Eslam, dem Regisseur, ich finde ein Ausnahmetalent. Gleichzeitig gibt es Spielfilme, die mir sehr am Herzen liegen.
Frage: Den sozialen Medien wird nachgesagt, dass sie unsere Aufmerksamkeitsspanne verkürzen. Erwischen Sie sich beim endlosen Scrollen?
Antwort: Ich ertappe mich eher beim Anhalten und dem Gedanken: „Jetzt möchte ich mehr zu dem Thema wissen, die Doku dazu sehen, ein Buch oder einen Artikel dazu lesen“. Wenn ich etwas von einer Information haben will, muss ich tiefer eintauchen. Aber klar kenne ich den Sog, den soziale Medien ausüben können. Nur spüre ich danach auch sehr deutlich, wie unzufrieden mich dieser Konsum macht.
Frage: Noch eine letzte Frage: “Ewig Dein” war ein ernsteres Projekt. Muss für Sie das nächste Projekt danach ein anderes Genre sein, zum Beispiel eine Komödie?
Antwort: Abwechslung ist für mich wichtig, aber in dieser Regelmäßigkeit funktioniert das nicht immer. Wenn ich das auch noch in meine Auswahlkriterien aufnehmen würde, dann würde es schwierig werden. Aber ja, ich suche Abwechslung im Genre, in den Themen, in den Rollen. Daher ist mein Bedürfnis nach Theater oder neuen Projekten wie einem Hörspiel nicht erloschen. Das brauche ich, um immer wieder was Neues zu lernen, um wach zu bleiben.