Facharztmangel Zwei HNO-Ärzte – „Wie kann das für Emden genug sein?“
Eben schnell eine Abklärung beim HNO-Arzt? Unmöglich, berichtet Peter Hartwig. Der Emder telefoniert sich durch ostfriesische Praxen und den KVN-Terminservice. Wie soll es weitergehen?
Emden - Peter Hartwig hat ein Problem, das viele in Ostfriesland nur zu gut kennen: Er bekommt einfach keinen Termin beim Facharzt. „Es ging schon letztes Jahr los“, sagt der Emder im Gespräch mit dieser Zeitung. Auf dem linken Auge konnte er plötzlich nicht mehr so gut sehen. Beim Optiker stellte sich heraus, dass er nur noch 35 Prozent Sehkraft hatte. Eben schnell ein Termin beim Augenarzt? Das erwies sich zunächst als unmöglich, ein Zufall erlaubte es dann aber doch. Diagnose: grauer Star.
So viel Glück hatte der 71-Jährige mit einem akuten Ohrenproblem erst mal nicht. Im vergangenen Jahr musste er nach vielem Hin und Her erst in ein Krankenhaus außerhalb Ostfrieslands fahren, bis ihm die Diagnose Hörsturz mitgeteilt wurde. Für sechs Tage wurde er stationär aufgenommen, sagt der Emder. Geholfen wurde ihm dort schnell und ohne Termin, was zuvor bei einem Facharzt in der Region unmöglich erschien, hebt er hervor. „Danach ging es auch erst einmal wieder besser.“ Aber: Seit Kurzem fühlt sich die ganze linke Kopfhälfte „dicht“ an. Er macht sich Sorgen, möchte das Problem schnell abgeklärt wissen.
„Dass überhaupt jemand rangegangen ist, war die Ausnahme“
Er telefonierte alle HNO-Praxen in der Region ab. „Dass überhaupt jemand rangegangen ist, war die Ausnahme“, sagt der Emder. Aus einer Auricher Praxis hieß es, er solle den Terminservice der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) anrufen, also die 116117. „Sie sind gesetzlich versichert und suchen einen Termin bei einem niedergelassenen Arzt oder Psychotherapeuten? Mit dem Terminservice der 116117 können Sie rund um die Uhr schnell und einfach Termine vereinbaren, einsehen und wenn notwendig auch wieder absagen“, so wirbt die KVN auf ihrer Website.
„Schnell und einfach“? Das kann Peter Hartwig so nicht bestätigen. „An drei Tagen habe ich fünfmal angerufen und war jeweils bis zu 35 Minuten in der Warteschleife“, sagt der Emder. „Wegen Überlastung können wir zurzeit keine Anrufe entgegennehmen. Bitte rufen Sie später wieder an“, sei jedes Mal die Ansage gewesen. Beim sechsten Mal sei er tatsächlich durchgekommen. Eine nette Mitarbeiterin habe aufgrund seiner Postleitzahl nach möglichen Praxen mit Terminen geschaut, doch Fehlanzeige. Lingen und Cloppenburg habe sie höchstens als Möglichkeit genannt. „Aber sie meinte selbst, dass das zu weit weg ist, vor allem, wenn man noch Anschlusstermine hätte.“
MRT-Termin? Wie wäre es im November?
Wieder beim Hausarzt stellte dieser ihm eine ärztliche Überweisung mit einem Dringlichkeitscode aus, durch die man innerhalb von vier Wochen einen Facharzttermin bekommen soll. In der Hausarztpraxis ging es sogar weiter: „Die freundlichen Mitarbeiterinnen am Empfang haben für mich in Praxen in Aurich, Emden und Leer angerufen“, so Peter Hartwig. Er klingelte in Norden durch. Doch auch das half nichts. Auch der Hausarzt wusste sich keinen anderen Rat und stellte eine Überweisung an ein Krankenhaus für ihn aus. Dort – wieder in einem Krankenhaus außerhalb Ostfrieslands – „wurde ich freundlich aufgenommen“, sagt der Emder.
Dort sei ihm zwar vorerst geholfen worden, doch ihm sei auch noch eine MRT-Untersuchung empfohlen worden. Bei einer Magnetresonanztomographie werden mithilfe von einem starken Magnetfeld Bilder vom Körper gemacht, in diesem Fall vom Kopf. Zu Hause in Emden setzte er sich ans Telefon. Ein Termin Mitte November wäre in einer Emder Praxis möglich, in einer anderen kam er bislang nicht durch. Einen Termin für eine Computertomographie (CT), bei der mit Röntgenstrahlen in den Körper geschaut wird und oft weniger Details zu erkennen sind als beim MRT, bekam er aber zumindest für Ende März.
So gut ist die Hausarzt-Versorgung in Emden
Das Ergebnis der CT-Untersuchung bekommt er erst vom Hausarzt, wo er diese Woche vorstellig werden kann. Wenn dadurch bereits eine Diagnose möglich ist, wäre das natürlich gut, sagt Peter Hartwig. Ansonsten müsste er sich weiter für einen MRT-Termin engagieren. Er ärgert sich. „Selbst Menschen mit Krebs kommen nicht dran. Das System ist doch kaputt“, sagt er. In Emden habe es mal fünf HNO-Ärzte gegeben, jetzt nur noch zwei – und einer davon werde im Winter voraussichtlich in Rente gehen, sagt er. „Wie kann das für Emden genug sein?“
Wir haben bei der KVN nachgefragt, wie sie aktuell den Versorgungsgrad in Emden einschätzt. Sprecher Detlef Haffke antwortet schnell und ausführlich: Bei der Hausarzt-Versorgung steht die Stadt Emden, die mit der Gemeinde Krummhörn in einen Mittelbereich zusammengefasst wird, gut da. Demnach gibt es aktuell 41 Hausärztinnen und Hausärzte, davon 33 in Emden. Der Versorgungsgrad liege demnach bei 98,5 Prozent. Zwei weitere Ärzte braucht es für die 100 Prozent. Allerdings: Die Hälfte der Hausärzte ist über 60 Jahre alt und im niedersächsischen Durchschnitt gehen die meisten Ärzte mit 68 Jahren in den Ruhestand. Ob neue dazukommen, ist offen. Detlef Haffke schreibt: „In den vergangenen zehn Jahren war die Anzahl weitgehend konstant (zwischen 45 und 40).“
So gut ist die Facharzt-Versorgung in Emden
Bei der Facharzt-Versorgung sieht es anders aus. Zum einen sind dabei der Landkreis Aurich und die Stadt Emden ein Planungsbereich, erklärt der Sprecher. Sechs HNO-Ärzte, wobei zwei in Emden sind, gibt es für den Bereich. „Hier liegt der Versorgungsgrad bei ,nur′ 77,5 Prozent“, schreibt Haffke. Drei Kassenarztsitze sind frei. Und: Zwei der aktuell vorhandenen sechs HNO-Ärzte sind über 60 Jahre alt. Wie deren Eintritt in den Ruhestand aufgefangen wird, kann aktuell nicht beantwortet werden.
Auf Nachfrage, ob das Problem mit dem KVN-Terminservice, das Peter Hartwig beschrieben hat, öfter auftritt, erklärt Haffke: „Die Meldung freier Termine der Ärztinnen und Ärzte ist freiwillig. Die KVN fordert alle Ärztinnen monatlich auf, freie Termine der Termin-Servicestelle zu melden. Die Anfragen übersteigen bei Weitem das Angebot.“ Im Verhältnis zu den angebotenen Terminen habe es in den vergangenen Jahren einen überdurchschnittlichen Anfrageanstieg bei fast allen Fachärztinnen und Fachärzten gegeben. Ärgerlich dabei: Rund 20 Prozent der vermittelten Termine werden nicht wahrgenommen, wie eine KVN-Untersuchung 2022 ergeben habe, so Haffke.
So viel Fahrtstrecke bis zum Arzt ist erlaubt
Er erklärt, dass ein mehrmaliger Kontakt zur 116117 sinnvoll sei, da oft täglich neue freie Termine gemeldet würden und dann vermittelt werden könnten. Dabei gilt es aber zu bedenken: „Tatsächlich vermittelt die Termin-Servicestelle keine Wunschärzte, an Wunschtagen, Wunschzeiten oder Wunschorten“, so Haffke. Auf Nachfrage, was laut KVN vertretbar bei der Fahrtstrecke ist, schreibt er: „Laut der allgemeinen Rechtsprechung ist eine Fahrzeit (motorisierter Verkehr) von 30 Minuten zwischen Wohnort und Praxis nicht zu beanstanden.“ Heißt: Lingen und Cloppenburg wären viel zu weit gewesen.
Auf die Frage, wie viel Wartezeit man trotz eines dringlichen medizinischen Problems erwarten soll, erklärt der Sprecher: „Grundsätzlich ist es schwierig,‚dringlich medizinische Probleme‘ zu definieren. Patientinnen und Patienten sehen das anders als Ärztinnen und Ärzte.“ Studien hätten allerdings ergeben, dass es in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern kurze Wartezeiten auf einen Termin gebe, so Haffke.