Hamburg  Das Leid der Verschickungskinder: „Geht darum, dass die erfahrene Ungerechtigkeit anerkannt wird“

Ankea Janssen
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Von Ankea Janssen
| 02.04.2025 16:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Zahlreiche Kinder wurden in der Nachkriegszeit in Kinderheilstätten verschickt. Das Bild zeigt Verschickungskind Beatrix Höttger-Schiffers. Foto: dpa/Oliver Berg
Zahlreiche Kinder wurden in der Nachkriegszeit in Kinderheilstätten verschickt. Das Bild zeigt Verschickungskind Beatrix Höttger-Schiffers. Foto: dpa/Oliver Berg
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Sie waren wochenlang von den eigenen Eltern getrennt, haben zum Teil Traumatisches erlebt: Viele Verschickungskinder leiden bis heute unter ihren Erfahrungen in Kinderheilstätten. Psychotherapeutin Katharina Drexler weiß, wie das Erlebte aufgearbeitet werden kann.

Über Jahrzehnte wurden Kinder in der Nachkriegszeit bis in die 1990er Jahre in sogenannte Kindererholungsheime verschickt. Viele kehrten verstört und traumatisiert zurück und leiden bis heute unter den Erlebnissen weit weg von zu Hause.

Die Fachärztin und Psychotherapeutin Katharina Drexler hat bereits viele Patienten mit einer Verschickungsbiografie behandelt und ist Vorsitzende von EMDRIA Deutschland e.V, einem wissenschaftlichen Fachverband für EMDR-Therapeuten. Im Interview erklärt sie, warum es auch Jahrzehnte später noch wichtig ist, das Erlebte zu verarbeiten.

Frage: Frau Drexler, in Ihrer Arbeit als Ärztin und Psychotherapeutin haben Sie bereits viele Menschen behandelt, die als Kinder verschickt wurden. Was treibt diese Patienten um?

Antwort: Viele beschäftigt bis heute die Erfahrung, ausgeliefert zu sein. Sie empfinden eine Verlorenheit und Ohnmacht. Während der Zeit in den Heimen durften die Kinder meist nicht frei mit ihren Eltern kommunizieren, Briefe und Karten wurden diktiert oder zensiert. Sie konnten ihre Vertrauenspersonen nicht um Hilfe bitten.

Frage: Wie hat sich die Verschickung auf das Verhältnis von Eltern und Kind ausgewirkt?

Antwort: Das kommt darauf an. Ist es bei einer einmaligen Verschickung geblieben und konnten die Kinder das, was sie erlebt haben, bei ihren Eltern ansprechen, dann konnten die traumatischen Erfahrungen in vielen Fällen auch heilen, beziehungsweise vernarben. Allerdings wurden die furchtbaren Erfahrungen der Kinder zu Hause oft nicht gehört. Viele Eltern haben die Kinder wieder verschickt. Es fand eine wiederholte Traumatisierung mit gegebenenfalls weitreichenden Folgen für eigene Beziehungen und die Beziehungsfähigkeit statt.

Frage: Inwiefern? 

Antwort: Primäre Bezugspersonen – also meist Eltern – sollen Kindern Schutz und Geborgenheit vermitteln. Wenn Kinder nicht oder unzureichend gesehen, versorgt und getröstet werden, hat das Folgen für das Bild von Beziehungen. Es kann der Eindruck entstehen, dass die Welt kein sicherer Ort ist und auch Beziehungen nicht verlässlich sind. 

Frage: Wiegen negative Erfahrungen in der Kindheit besonders schwer?

Antwort: In der Kindheit sind wir besonders verletzlich und schutzbedürftig. Wer als Kind gute Erfahrungen gemacht hat und dann als erwachsene Person etwas Traumatisches erlebt, ist ganz anders gewappnet. Wurden aber bereits in der Kindheit schlechte Erfahrungen gemacht, dann hat das besondere Auswirkungen. Gerade Beziehungstraumatisierungen sind beispielsweise ein wesentlicher Faktor bei der Entwicklung von Depressionen.

Frage: Viele Verschickungskinder sprechen im Zusammenhang mit den Kur-Aufenthalten von einem Trauma. Was genau passiert bei einer Traumatisierung?

Antwort: Ein traumatisches Ereignis, das kurz oder länger andauern kann, geht mit einer außerordentlichen Bedrohung der eigenen körperlichen Unversehrtheit oder auch der anderer einher. Somit kann auch Zeugenschaft traumatisieren. Potenziell traumatische Ereignisse sind verbunden mit Kontrollverlust und Verzweiflung, Gefühlen von Hilflosigkeit und Ohnmacht. Wir befinden uns in einer Situation, der wir hilflos ausgeliefert sind und in der die Bewältigungsmöglichkeiten versagen. Viele Verschickungskinder befanden sich über Wochen in solch einer Situation. Wir wissen mittlerweile, wie sadistisch in den Heimen teilweise vorgegangen wurde. Kinder mussten beispielsweise ihr Erbrochenes essen. Die reine Verschickung und die Art, wie vor Ort mit Kindern umgegangen wurde, ist schon für sich betrachtet eine potenziell traumatische Situation.

Frage: Für wen ist es sinnvoll, eine Psychotherapie zu machen?

Antwort: Um eine Traumatherapie sollten sich jene bemühen, die merken, dass da etwas trotz der Jahrzehnte nicht aufgelöst werden kann und sich bespielsweise immer wieder durch Albträume oder Flashbacks meldet. Einige Verschickungskinder beschreiben auch unwillkürlich einschießende Erinnerungsfragmente, können beispielsweise bestimmte Gerüche – etwa von Essen – nicht ertragen, ohne dass ihnen schlecht wird. Es handelt sich dabei um einen wirklich wichtigen Hinweis, das noch etwas ungetröstet ist. Daneben können auch depressive Symptome als Folge der Verschickung bestehen, deren Behandlung ebenfalls durch eine traumatherapeutisch ausgerichtete Therapie erfolgen sollte. Insbesondere die EMDR-Therapie (Sensibilisierung und Neubearbeitung mit Augenbewegungen, Anm. d. Redaktion) ist eine gut erforschte und gleichzeitig schonende Traumatherapie. 

Frage: Was ist das Ziel der Traumatherapie?

Antwort: Typisch für eine Traumafolgestörung ist, dass es sich trotz des Wissens um die zeitliche Distanz anfühlt, als hätte das traumatische Ereignis gerade erst stattgefunden. Mithilfe von Traumatherapie kann es gelingen, die traumatischen Erinnerungen aufzulösen, und richtig in der Zeitachse zu verorten und in die eigene Geschichte zu integrieren. Es geht nicht darum, Erinnerungen auszulöschen, sondern dafür zu sorgen, dass sie heute nicht mehr weh tun. 

Frage: Initiativen kämpfen seit Jahren dafür, dass das Thema Kinderverschickung aufgearbeitet wird, Krankenkassen und Politik Verantwortung übernehmen. Beschäftigt das auch Ihre Patienten?

Antwort: Ja, es ist sehr wichtig, dass dieses Thema gesellschaftlich gewürdigt und um Entschuldigung gebeten wird. Es geht darum, dass diese erfahrene Ungerechtigkeit gesehen und anerkannt wird.

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