Norden  Ostfriesenkrimi-Autor Klaus-Peter Wolf: Ich habe 14 Jahre lang Therapie gemacht

Michael Hengehold
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Von Michael Hengehold
| 31.03.2025 16:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 11 Minuten
Krimiautor Klaus-Peter Wolf hat eine sehr bewegte Lebensgeschichte vorzuweisen. Der Start als Sohn eines Alkoholikers war hart. Foto: www.imago-images.de
Krimiautor Klaus-Peter Wolf hat eine sehr bewegte Lebensgeschichte vorzuweisen. Der Start als Sohn eines Alkoholikers war hart. Foto: www.imago-images.de
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Im April feiern gleich drei Verfilmungen der Ostfriesenkrimis von Klaus-Peter Wolf TV-Premiere. Anlass für uns, mit dem Bestsellerautor über seine schwierige Kindheit als Sohn eines Alkoholikers zu sprechen, lange Jahre der Therapie und ein paar andere Dinge wie den Vornamen von Kommissar Rupert.

Klaus-Peter Wolf hat das Handy in der Hand und läuft durch sein Haus, während er ein Video-Interview mit unserer Redaktion führt. Er wird anschließend fünf Stunden im Auto sitzen und will sich vorher noch etwas bewegen. „Sonst hätte ich das auf der Couch gemacht“, grinst er. Das Gespräch nimmt einen anderen Verlauf als erwartet und schlägt einen weiten Bogen von Träumen über Traumata bis zur Berufskrankheit Sehnenscheidenentzündung.

Frage: Herr Wolf, haben Sie heute Nacht von Schurken oder Helden geträumt?

Antwort: Von Schurken und Helden. Und ich habe ein total schlechtes Gewissen, weil ich meine Kommissarin Ann Katrin Klassen in eine furchtbare Situation gebracht habe.

Frage: Schon wieder ... 

Antwort: Und dann will man sie auch wieder rausholen. Neulich bin ich zum Drehort gefahren, die verfilmen gerade “Ostfriesensturm”. Und ich begrüße Picco von Groote, die Darstellerin der Kommissarin, und sage ihr: Ich habe ein ganz schlechtes Gewissen dir gegenüber. Ich habe dir heute Nacht so Schreckliches angetan. Und merke, dass die Leute drumherum merkwürdig gucken. Das kann man auch falsch verstehen. Aber dann wurde es aus ihrer lachenden Reaktion klar. 

Frage: Verändert sich etwas für Sie dadurch, dass Ihre Figuren nun aus Fleisch und Blut sind? 

Antwort: Ja, ich merke, dass meine Figuren plötzlich so sehr im Leben sind. Dass ich denen gegenüber ein Gefühl habe, das sich in die Literatur überträgt. Oder auch darauf zurückwirkt. 

Frage: Eine Wechselwirkung?

Antwort: Als das nur Erfindungen waren, rein literarische Figuren, hatte ich nie ein schlechtes Gewissen. Nun sehe ich beim Schreiben plötzlich diese Schauspieler vor mir. Ich sehe Barnaby Metschurat als Rupert. Und dann kommt es mir so vor, als würde der mir den Dialog diktieren. 

Frage: War das von Anfang an so? Zunächst hat Christiane Paul die Klaasen gespielt, dann Julia Jentsch. 

Antwort: Das war eine Entwicklung und ging beim dritten Film los; den hatte noch Christiane Paul gemacht. Aber jetzt habe ich Picco von Groote vor mir, wenn ich schreibe. 

Frage: Haben Sie Eingebungen im Schlaf? 

Antwort: Sie meinen, dass ich das träume? Ich werde geweckt, als würde mich eine Figur wecken. Als würde Weller neben meinem Bett stehen und sagen: Klaus-Peter, so wie du das geschrieben hast, würde ich das nicht machen. Mach das noch mal neu.

Frage: Ich habe neulich ein Interview mit Lenny Kravitz gelesen, dem Rockmusiker. Der hat ganz viele Ideen im Schlaf. Aber er sagt, das Schwierigste daran ist, den Hintern hochzukriegen und sie festzuhalten, sonst sind sie am Morgen weg. Wie ist das bei Ihnen?

Antwort: Mich treiben diese Figuren. Das ist dann nicht weg. Die lassen mich nicht los, die laufen hinter mir her. Ich steige gleich ins Auto und fahre fünf Stunden zu einer Veranstaltung. Dann ist das nicht gut, wenn Rupert oder Weller oder Ann Kathrin neben mir sitzen und mir diktieren wollen, was ich zu schreiben habe. Weil ich auf den Straßenverkehr achten muss. 

Frage: Klingt sehr plastisch, jetzt. 

Antwort: Ja, meine Nachbarn kennen das schon. Ich stehe vor dem Auto und sage: Du bleibst jetzt draußen. Und da steht überhaupt keiner. Aber ich rede mit denen. Und die schimpfen auch mit mir. 

Frage: Das geht ja schon in Richtung wunderlicher Alter …

Antwort: Ja, aber so war ich schon als kleiner Junge, da habe ich mir Geschichten erzählt, die ich erfunden habe, auf dem Schulweg oder wo immer ich war. Damals dachten die Leute, ich wäre bekloppt. Das war nicht einfach.

Frage: Ihre Figuren führen also ein Eigenleben? 

Antwort: Heute habe ich das Gefühl, diese von mir geschaffenen und erfundenen Figuren erzählen mir die Geschichte und ich muss alles nur aufschreiben. Manchmal, wenn ich mit meinem Lektorat oder dem Verlag diskutiere, sagen die: Wie kommst du denn darauf? Da bin ich nicht drauf gekommen, das hat Rupert mir diktiert. Ein Teil von mir muss immer auch diese Figur sein. Und wenn dieser Teil dann die Oberhand kriegt, das kann man ja dirigieren – jetzt bist du dran, Rupert – dann lasse ich mich da ganz drauf ein. 

Frage: Kann es sein, dass Sie, wenn Sie nicht schreiben würden, einen Psychiater sehr reich machen könnten?

Antwort: Ganz sicher. Ich glaube, dass das für mich ein Ausweg ist, mit vielen Dingen fertig zu werden und ein schönes Leben zu führen. Ich habe 14 Jahre Therapie gemacht. Was mir beim Schreiben übrigens sehr hilft, ich kann es Autoren nur empfehlen. Ich habe natürlich nicht 14 Jahre Therapie gemacht, um besser schreiben zu können, aber ich kann es dadurch besser. 

Frage: Sondern, warum? 

Antwort: Für mich war es nicht ganz einfach zu Hause. Mein Vater hat schwer getrunken und meine Mutter hat Tabletten besorgt, die hießen Antabus. Wenn man die nimmt,  kann man keinen Alkohol trinken. Die hat sie in Weinbrandbohnen gedrückt und mich gebeten, das dem Vater einzuflößen. Und das habe ich gemacht. Als Kind habe ich mich gefühlt wie eine Mischung aus Held und Verbrecher. Für meine Mutter war ich der Held. Gleichzeitig ist mein Vater zusammengebrochen, hat sich nur noch übergeben und ich hatte Angst, dass er stirbt. Dein Papa ist tot, deine Mama kommt ins Gefängnis, was wird aus dir? Das war eine sehr schwere und schwer zu verarbeitende Zeit. 

Frage: Das bedeutet, Sie waren als Kind schon Held und Schurke …

Antwort: Ich war beides, ganz sicher. Und habe damit gelebt. Auch immer mit der Angst vor Verrat. Wenn das jemand rauskriegt, was dann? In “Ostfriesensturm” habe ich eine Figur geschaffen, die dem Klaus-Peter von damals entspricht. Ich habe daraus einen Jugendlichen gemacht. Das ging auch bei mir weiter, bis ich zur Uni ging.

Frage: Wie meinen Sie das, es ging weiter? Sie haben doch nicht zehn Jahre lang Tabletten in Schnapspralinen gedrückt? 

Antwort: Doch, das habe ich gemacht. 

Frage: Hat Ihr Vater das nie realisiert?

Antwort: Wir haben ihm das nur gegeben, wenn er getrunken hatte und kurz davor war, aggressiv zu werden. Und wenn du eine halbe Flasche Whisky getrunken hast und eine halbe Kiste Bier und danach wird dir furchtbar schlecht, da kommst du nicht als Erstes drauf, dass dein Sohn dir eine Weinbrandbohne gegeben hat, in der eine Tablette war. 

Frage: Wie ist das Ganze geendet? 

Antwort: Meine Mutter ist bis zum Schluss bei meinem Vater geblieben. Ich habe irgendwann damit aufgehört. Das ging nicht mehr, weil man an diese Tabletten nicht mehr rankam. Die verschreibt dir kein Arzt, weil das als Waffe eingesetzt wurde. Das musste illegal beschafft werden. Von daher weiß ich auch, wie Drogenbeschaffung funktioniert, wie man illegal an Sachen kommt. Das habe ich alles als sehr junger Mensch gelernt. 

Frage: Und Ihr Vater, hat der bis zum Schluss getrunken? 

Antwort: Bis es gesundheitlich nicht mehr ging. Und dann ist er halt gestorben. Meine Mutter ist zu uns gezogen und hat noch ein paar gute Jahre in Ostfriesland verbracht. 

Frage: Schön zu hören. Ein Mittel-Happy-End würde ich sagen. 

Antwort: Wir waren beide befreit dadurch, aber natürlich prägt so etwas ein Kind, lastet auf einem Kind. Und die Therapien, die ich gemacht habe, das waren Gruppentherapien. Da spielt man im Psychodrama die traumatisierenden Szenen nach und dann kannst du in jede Rolle schlüpfen. Kannst mal der Vater sein, mal die Mutter, mal das Kind. Jemand anders spielt dich und dann siehst du dich von außen. Wenn ich das nicht erlebt hätte, wäre mein Schreiben ein anderes. Eine gewisse Tiefe der Figuren und der Konflikte, die Ernsthaftigkeit der Auseinandersetzung, der seelischen Prozesse von Menschen, das habe ich dort gelernt. 

Frage: In welcher Lebensphase war das?

Antwort: Ich hatte schon eine erste Tochter und wollte ein guter Papa sein. Ich wollte das, was ich zu Hause erlebt hatte, nicht in irgendeiner Form wiederholen, auf die Kinder übertragen. Ich wollte damit fertig werden.

Frage: Und nach 14 Jahren hatten Sie das Gefühl, das Ziel erreicht zu haben? 

Antwort: Es ging mir schon nach zehn Jahren deutlich besser. Irgendwann habe ich gar nicht mehr so sehr meine Themen bearbeitet, sondern die der anderen mitgestaltet und bin für sie in viele Rollen gegangen. Ich habe also sehr viele Menschen an die Abbruchstellen ihres Lebens begleitet, in die Hölle ihrer Kindheit hinein, und das hilft mir heute beim Schreiben ganz enorm. 

Frage: Gab es jemanden, der Sie besonders gut gespielt hat?

Antwort: Ich habe meine Frau Bettina in dieser Therapiegruppe kennengelernt. 

Frage: Und hat die Sie auch mal gespielt? 

Antwort: Ja, natürlich. 

Frage: Spielt zwangsläufig jeder irgendwann mal jeden?

Antwort: Nö, nicht zwangsläufig. Wenn man sich an den Abbruchstellen des Lebens kennenlernt und nicht schön angezogen ist, fein rausgeputzt, sondern verheult, hat eine Beziehung eine solide Grundlage. 

Frage: Da hat man eine sehr ehrliche Basis. Man muss nachher nicht mehr so viel auspacken. 

Antwort: Und ahnt manchmal, wenn etwas geschieht, welch ungeheure Ursachen das hat. Und kann anders damit umgehen.

Frage: Warum ist Ann-Kathrin Klaasen eine Frau?

Antwort: Ich wollte schon als junger Drehbuchautor immer eine weibliche Kommissarin schaffen. Einfach, weil eine Frau in vielen Gesprächssituationen besser ist. Die meisten schweren Straftäter sind Männer und die kann ich so in ganz andere Konflikte bringen. Entweder er hat das Gefühl, eine Frau kriegt mich sowieso nicht in den Griff und behandelt sie so. Oder er kommt in einen Mutterkonflikt. Und wenn die Kommissarin damit spielen kann, hat sie ihn ganz schnell an der Leine. 

Frage: Wie oft fragen die Leute, wie Ruperts Vorname ist?

Antwort: Ohne Ende. In Norden gibt es jetzt ein Krimi-Museum. Da liegt neben denen der anderen auch Ruperts Polizeiausweis. Und auch da steht nur Hauptkommissar Rupert. 

Frage: Sie schreiben am 20. Band. Wie lange können Sie das noch machen? 

Antwort: Die Figuren werden auch immer ein Jahr älter. Ann Kathrin wird jetzt 57. Als sie angefangen hat, war sie 35. Aber ich glaube, wenn ich aufhören würde zu schreiben, das wäre ganz schrecklich. Nicht nur für Millionen Leser, sondern erstmal für mich. Ich brauche das Schreiben, um ein ausgeglichener, fröhlicher Mensch zu sein. 

Frage: Also ist es denkbar, dass Ann Katrin Klaasen im Ruhestand weiter ermittelt?

Antwort: Auf jeden Fall. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das endet. 

Frage: Im April laufen gleich drei Verfilmungen Ihrer Werke im Free-TV, im ZDF und erstmals auf Arte, alles Premieren. Das hat wohl noch kein Autor geschafft. Bedeutet Ihnen das was? 

Antwort: Ich habe es mit Verwunderung gesehen. Zwei Premieren habe ich jedes Jahr, weil immer zwei Filme gedreht werden. Aber drei, davon zwei auch noch international? Ist schon ungewöhnlich. Das wird dazu führen, dass mehr Touristen aus Frankreich kommen, ganz bestimmt. Die Filme laufen in 32 Ländern, meistens mit Untertiteln. Also, auch in Kambodscha wissen die, ach, in Deutschland sagen die “Moin”.

Frage: Sie haben einen sehr engen Kontakt mit Ihren Fans. Was war die süßeste Fanaktion? 

Antwort: Am meisten berührt hat mich eine Frau, die zu mir kam und sagte: Herr Wolf, mein Mann ist gestorben, der war Ihr größter Fan. Und ich glaube, mit seinem Kolbenfüller können die Kinder nichts anfangen. Es wäre eine große Ehre für ihn, wenn sie Ihren nächsten Roman damit beenden würden. Das hat mich sehr angefasst. Ich habe den Füller genommen, halte den auch in Ehren, und habe damit wirklich den Roman zu Ende geschrieben. 

Frage: Hat sich das anders angefühlt? Spielt es eine Rolle, was für einen Stift Sie in der Hand haben? 

Antwort: Ja, durchaus. Ich kann mit jedem Füller schreiben, weil irgendwann die Geschichte dominant wird. Aber manchmal kriege ich bei einem Füller das Gefühl, der erzählt mir die Geschichte. Oder: Da sind gute Storys drin. 

Frage: Ein besonders guter Füller!

Antwort: Ja, und die müssen gar nicht besonders teuer sein, sondern leicht. Ein befreundeter Arzt hat mir mal gesagt: Wenn ein Roman fertig ist, ist das so, als hättest du einen Lastwagen mit drei Fingern gestemmt. Deswegen habe ich immer mal wieder eine Sehnenscheidenentzündung. Berufskrankheit. 

Frage: Müssen Sie dann eine Zeit lang pausieren?

Antwort: Ja, im letzten Jahr war das so. Da sagte tatsächlich meine Ärztin: Ich lege dir den Arm jetzt mal für drei Wochen still. Da habe ich gesagt: Bist du wahnsinnig, der Mörder läuft noch frei rum. 

Frage: Fangen Sie gleich eine neue Therapie an, wenn Sie drei Wochen nicht schreiben können?

Antwort: Das ist noch nie passiert, dass ich drei Wochen nicht schreibe. Mensch! Mach mir keine Angst! 

Frage: Also hat Ihre Ärztin Sie nicht stilllegen können? 

Antwort: Nein, natürlich nicht. Ich habe weniger geschrieben. Ich habe sogar ein paar Dinge diktiert. Bei Dialogen kann das funktionieren. Du gehst in die eine Rolle, dann in die andere. Ich muss vor allen Dingen in den Figuren und der Geschichte bleiben. Sonst geht es mir nicht gut. Deshalb passiert es manchmal, dass ich unter Schmerzen weiterschreibe. 

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