Osnabrück „Wackelkontakt“-Hit-Sänger Oimara: „Stand mit nacktem Hintern in der Sterneküche auf Mallorca“
Oimara beherrscht mit „Wackelkontakt“ die Charts und Social Media. Im Interview spricht der Musiker über seine Kindheit auf der Alm mit Alpenzoo, die Koch-Ausbildung auf Mallorca, Begegnungen mit Jürgen Klopp – und seine Familie in Osnabrück.
„Wär ich ein Möbelstück, dann wär’ ich eine Lampe aus den Siebzigern“: Das Lied „Wackelkontakt“ von Oimara mit dieser Anfangszeile ist bisher der größte Partyhit des Jahres. Beim Après-Ski, Karneval, in den Charts oder auf Social Media: An dem Lied kommt man derzeit schwer vorbei.
Beni Hafner, wie Oimara eigentlich heißt, genießt derzeit folglich viel Aufmerksamkeit. Dabei ist er schon seit zehn Jahren als Profi-Musiker unterwegs. Sein Stil lässt sich schwer festlegen: Gitarre, Bläser, Disco-Beats. Mal sind die Texte luftig albern, mal kommentieren sie augenzwinkernd das Zeitgeschehen. Oimara übrigens ist bayerisch für „Almerer“ – denn auf einer Alm am Tegernsee ist Beni Hafner, Jahrgang 1992, aufgewachsen. Doch er hat auch Wurzeln in Norddeutschland. In lockerer Atmosphäre ist man bei diesem Interview schnell beim „Du“.
Frage: Man liest ja neuerdings in Zusammenhang mit deinem Chart-Erfolg, eine Lampe sei laut Gerichtsurteil kein Möbelstück. Was machen wir jetzt, dichtest du deinen Nr. 1-Hit um?
Antwort: Muss ich wahrscheinlich, wenn ich so dem Knast entgehen kann.
Frage: Was wäre also das zweitliebste Möbelstück, mit dem du dich identifizierst?
Antwort: Da würde ich an den Text nur ein K dranhängen: „Wär ich kein Möbelstück, dann wär’ ich eine Lampe aus den Siebzigern“ – Problem gelöst!
Frage: Am Ende von deinem Partyhit „Wackelkontakt“ singst du, wenn du feiern gehst, dann am liebsten mit Lampen aus den Sechzigerjahren. Warum?
Antwort: Ich habe den Eindruck: Wenn die Midlife-Crisis erstmal vorbei ist, werden die Leute feierwütiger und lustiger, je älter sie werden. Merke ich ja an meiner Oma.
Frage: Es fällt auf, dass du in manchen Liedern weniger bayerisch sprichst als in anderen. Woran liegt das? Singst du die Stücke mit hohem kommerziellen Potenzial auf Hochdeutsch ein?
Antwort: Es darf ja keiner wissen, aber ich bin ja zu einem gewissen Prozentsatz „Preiß”, weil meine Mutter aus Niedersachsen kommt. Aber natürlich bin ich in Bayern geboren, wie ich jetzt unbedingt betonen muss. Jedenfalls fühle ich manche Songs in tiefem Bayerisch, andere in etwas kommerziellerem Dialekt und wieder andere dann fast auf Hochdeutsch. Das ist keine Kalkulation, sondern eine Gefühlssache. Dass ausgerechnet diese Songs dann so abgehen, wusste ich vorher nicht.
Frage: Wie fühlt man denn bitte einen Song?
Antwort: Das ist wahrscheinlich das Geheimnis: Das kann man nicht ausdrücken. Wie fühlt man es, zu sprechen, zu atmen? Sobald man versucht, das zu analysieren, funktioniert es nicht mehr. Musik ist wie jede andere Leidenschaft auf der Welt Gefühlssache.
Frage: Kannst du eigentlich nachvollziehen, wie dein Song viral gegangen ist? Heute tanzen Vereine, Messdienergruppen und Bürogemeinschaften auf Social-Media-Kanälen zu „Wackelkontakt”. Aber wer hat damit angefangen?
Antwort: Ich habe versucht, das zu rekonstruieren, aber es nicht geschafft. Der Song ging steil nach oben, dann habe ich angefangen, das mit Social Media-Clips zu befeuern, und dann ist es explodiert. Aber wo die Initialzündung war, weiß ich nicht.
Frage: In einem, ganz neutral gemeint, albernen Song thematisierst du das Henne-Ei-Problem mit Blick auf Zebra und Zebrastreifen. Wie entsteht so ein Gaga-Lied?
Antwort: Ich saß im Auto auf dem Weg zu einem Auftritt. Da dachte ich an die Sache mit der Henne und dem Ei. Wahrscheinlich habe ich gerade einen Beatles-Song gehört und eine Synapse ist angesprungen, jedenfalls habe ich das Problem auf das Zebra umgemünzt. Zunächst hatte ich nur diesen einen Satz: „Was war zuerst da, war es das Zebra – oder doch der Zebrastreifen? Weil dann hieße ja das Zebra Zebrastreifenpferd.“ Später bei dem Auftritt habe ich einfach die erstbesten vier Akkorde gespielt und den Text dazu gesungen – ich improvisiere gerne bei meinen Konzerten. Da merkte ich: „Das kommt grad richtig gut an bei den Leuten“. Der Song ist dann live auf der Bühne entstanden. Und dann habe ich den schon ein Dreivierteljahr live gespielt, bevor wir den mal aufgenommen haben.
Frage: Im Lied „Bonzenkarre“ beschreibst du liebevoll-spöttisch, wie das Distinktionsmerkmal der Reichen aus München, der Porsche, am Tegernsee an Bedeutung verliert: „Weil Ich kein’ kenn’, weil ich wirklich kein’ kenn’, der keinen Cayenne fährt. Der Scheißkarr’n is am Tegernsee doch nix mehr wert, den schmeißen’s dir doch mittlerweile hinterher“ – Fährst du mittlerweile eigentlich selbst Porsche?
Antwort: Nein. Für die Musik habe ich einen Transporter. Und privat für den Sommer einen alten BMW als Cabrio, der bald ein historisches Kennzeichen bekommt.
Frage: Und im Winter?
Antwort: Da nehme ich das Auto meiner Freundin oder eines aus der Familie.
Frage: Wie ist es, am Tegernsee zwischen atemberaubender Natur und den Reichen und Schönen aufzuwachsen?
Antwort: Ich hab erst im Nachhinein gemerkt, wie speziell es ist. Ich bin auf einer Alm ohne Nachbarn aufgewachsen, quasi am Ende der Welt. Gastronomisch war bei uns immer die Hölle los. Einerseits bin ich da oben mit ganz vielen Tieren im Paradies aufgewachsen, aber manches hat auch genervt. Allein zu Nachbarn oder Freunden zu kommen, war nicht einfach so möglich.
Frage: Und Tiere gab es auch?
Antwort: Ja, aber die hatten nur ein schönes Leben bei uns. Wir hatten eine Auffangstation für gestrandete exotische Tiere. Kein Huhn, kein Hase wurden je geschlachtet. In den besten Zeiten hatten wir bis zu 80 Tiere: von Gelbbrustaras und Graupapageien über vietnamesische Hängebauchschweine, Mini-Ponys, Äffchen bis zu Eichhörnchen.
Frage: Nicht das klassische Almvieh. Ihr hattet also eher einen Alpenzoo?
Antwort: Ja, und da haben wir halt ganzjährig gelebt. Es war voll im Sommer und im Winter. Mal zwei Wochen Betriebsferien machen zu können, war schon Luxus.
Frage: Wie kamst du dann zur Schule?
Antwort: Mein Dad hat mich jeden Tag gebracht. Im Winter hieß das: Um 5 Uhr aufstehen und erstmal die Straße räumen mit dem Radlader. Dann wurde ich in die Schule gefahren, das dauerte eine halbe Stunde bis ins Tal. Nachmittags fuhr dann ein Bus zumindest auf den Berg; das letzte Stück Schotter- oder Kiesweg ging es zu Fuß oder ich wurde abgeholt.
Frage: Wie lebt es sich heute für dich am Tegernsee?
Antwort: Für Einheimische ist es schwierig, hier eine Wohnung zu finden. Viele Reiche leisten sich hier einen Zweit- oder Drittwohnsitz, sodass viele Häuser leerstehen, während die Einheimischen keine Bleibe finden. Zu beschweren brauchen wir uns zwar nicht, wir leben ja vom Tourismus. Aber so schön es auch ist, es ist mittlerweile auch ziemlich bonzig.
Frage: Zerstört der Tourismus also die Idylle?
Antwort: Das ist überall das gleiche, am Tegernsee, in Venedig oder in Thailand. Die Orte passen sich dem Tourismus an. Neulich war ich in Thailand, da ist vieles vom Tourismus abgelebt. Ecken zu finden, in denen wir das Gefühl hatten, in Thailand zu sein, war wirklich schwierig.
Frage: Vor deiner Zeit als Berufsmusiker hast du eine Koch-Ausbildung auf Mallorca gemacht. Wie kam das?
Antwort: Ich habe schon daheim häufig in der Küche gestanden und etwas gekocht. Das lag in einer Wirtsfamilie ja auch nahe und es hat mich immer interessiert.
Frage: Wieso dann eine Ausbildung auf Mallorca?
Antwort: Ich war anderthalb Jahre im Internat am Chiemsee, dann bin ich rausgeflogen, weil ich zu viel Mist gebaut habe. Dann bekam ich das Angebot, im damals besten Restaurant auf Mallorca ein sechsmonatiges Praktikum zu machen: das „Tristan“ mit zwei Michellin-Sternen. Daraus wurde eine Ausbildung. Aber ich blieb der erste und einzige Auszubildende in dem Restaurant. Offenbar wollten sie sich das nach mir doch nicht mehr antun.
Frage: Und wie krass war das für einen Jugendlichen? Das Wetter, die Arbeit, andauernd Party?
Antwort: Das war die vielleicht krasseste Zeit in meinem Leben. 15, 16 Stunden Arbeit am Tag an sechs Tagen in der Woche in dieser Affenhitze. Aber ich habe extrem viel gelernt, ich war ja bei einem der besten Köche Europas. Und es war natürlich ein krasses Partyleben mit 17, 18, 19 Jahren. Auf Mallorca am Hafen – da war es wild und man darf das alles gar nicht erzählen.
Frage: Also eigentlich der Traum eines Jugendlichen, der mal ein Klassenclown war, oder?
Antwort: Ja, absolut.
Frage: Welche Geschichten kannst du uns so gerade noch erzählen?
Antwort: Einmal hatte ich mit meinem Kumpel gewettet, ob ich es schaffe, einen halben Tag lang nur mit der Schürze bekleidet zu arbeiten, ohne dass es der Küchenchef merkt. Dann stand ich mit nacktem Hintern in der Küche und bin nur brustwärts am Chef entlang gegangen.
Frage: Bist du aufgeflogen?
Antwort: Nein. Ein anderes Mal habe ich gewettet, ob ich es zwei Minuten im Schockfroster aushalte.
Frage: Und?
Antwort: Ja, gar kein Problem.
Frage: Falls Kinder mitlesen: Bitte keinesfalls nachmachen!
Antwort: Genau, auf keinen Fall!. Und ein anderes Mal hat ein Freund versucht, in fünf Minuten 250 Gramm Butter zu essen. Mit Messer und Gabel hat er trotzdem sieben Minuten gebraucht. Dem ging es anschließend ziemlich dreckig. Und es gab viele krasse Nachtaktionen, aber die darf man wirklich nicht erzählen.
Frage: Du kommst vom Tegernsee und lebst dort heute, hast auch auf Mallorca in einer Urlaubsregion gelebt. Wie machst du eigentlich selbst Urlaub?
Antwort: Wir fahren gerne mal für drei, vier Tage nach Italien. In vier Stunden sind wir am Gardasee. Anfang des Jahres waren wir in Thailand, als gerade „Wackelkontakt“ durch die Decke ging. Da hing ich die ganze Zeit am Handy, das war auch irgendwie schlimm: reden, Videos drehen für Social Media, die ganze Zeit auf die Charts schauen. Aber Vietnam und Thailand, das finden meine Freundin und ich total geil. Städtetrip und dann an den Strand: Schwimmen, Sonne, Buch. Auf Mallorca war ich übrigens leider schon lange nicht mehr – da muss ich mal wieder hin.
Frage: Ich mache gerne in den Bergen Urlaub. Also: Wenn ich auf eine Alm komme, was ist das beste Getränk, das beste Essen dort oben?
Antwort: Auch wenn es das Klischee erfüllt: ein Kaiserschmarrn und ein Helles. Ich würde aber wahrscheinlich was anderes essen.
Frage: Und zwar?
Antwort: Mein persönliches Lieblingsessen sind einfache Knoblauch-Spaghetti. Die gab es auf unserer Alm auch. Als ich das als Kind zum ersten Mal in Italien gegessen habe, hatte ich ein Erweckungserlebnis. Es ist zugleich das einfachste und schwerste Gericht beim Kochen überhaupt.
Frage: Was sind deine anderen Lieblingsessen?
Antwort: Ich liebe Krautwickerl!
Frage: Gibt es dafür noch eine andere Übersetzung?
Antwort: Kohlrouladen?
Frage: Ah! Und was noch?
Antwort: Gambas al ajillo! Und Pamboli, ein Grundgericht der mallorquinischen Küche. Und natürlich ein Schweinsbraten, aber der muss gut gemacht sein mit einem wirklichen Saftl und nicht mit einer abgebundenen Stärke-Soße. Das kriegst du mittlerweile selbst in Bayern nur noch selten.
Frage: Apropos Bayern: Deine Mutter kommt aus Niedersachsen. Woher genau?
Antwort: Eigentlich aus Wilhelmshaven, aber meine Oma lebt heute in Osnabrück. Da war ich auch oft als Kind. Das ist schon ein Stück Heimat. Und das ist sprachlich ein Vorteil, weil ich sofort ins Hochdeutsche wechseln kann, wenn es nötig ist.
Frage: Wie verdienst du als Musiker in Zeiten von Streamingplattformen eigentlich Geld?
Antwort: Mit Plattenverkäufen konntest du früher natürlich sehr viel Geld verdienen. Mit Streams bei Spotify und so verdient man lange nicht so viel wie mit einer Million Tonträgern.
Frage: Und wie läuft es dann heute für jemanden wie dich?
Antwort: Am wichtigsten sind die Live-Einnahmen. Weil ich für mich, aber auch für andere Künstler schreibe, kriege ich auch Gema-Gebühren. Dann kommen irgendwann die Streams, aber im Verhältnis zur Menge der Menschen, die man erreicht, ist es lächerlich, was man da verdient. Und dann kommen Werbepartnerschaften. Ich habe zum Beispiel mit Jürgen Klopp in Liverpool Spots für Erdinger gedreht.
Frage: Und, wie war das? Wie hast du den wohl coolsten Trainer der Welt erlebt?
Antwort: Was mich an Jürgen Klopp am meisten fasziniert hat: Ein Mensch, der so erfolgreich ist und so belagert wird, hat mir im Moment unseres Gesprächs trotzdem das Gefühl gegeben, dass ich gerade die wichtigste Person für ihn bin; er hat sich wirklich für unser Gespräch interessiert und aktiv nachgefragt, was in meinem Leben abgeht. Ich hatte das Gefühl, das interessiert den wirklich.
Frage: Du trägst einige Tattoos. Gibt es dazu irgendwelche besonderen Geschichten?
Antwort: Mein erstes Tattoo am Handballen habe ich mir selbst gestochen, und zwar mit der Maschine von meinem besten Freund. Damals glaubte ich schon wahnwitzig: „Ich werd mal Musiker und brauche ein Logo“. Das habe ich mir dann in meinem Wahnsinn selbst als Tattoo gestochen. Nach meiner Koch-Ausbildung habe ich ein Duales Studium in Hotelmanagement angefangen. Da musste ich mir das jeden Tag im Hotel abschminken, man durfte das nicht sehen. Das hat dazu beigetragen, dass ich das Studium abgebrochen habe.
Frage: Inwiefern?
Antwort: Ich habe mich jeden Tag beim Abschminken oder Überkleben gefragt: „Bin das wirklich ich?“ – Und die Antwort war immer häufiger: „Nein, das bin ich überhaupt nicht. Mach, worauf du Lust hast!“
Frage: Und wie wurde aus der Überlegung, Musiker zu sein, eine Realität?
Antwort: Ich stand einfach an einem Wendepunkt: Meine damalige Freundin hatte Schluss gemacht, ich hatte meinen Führerschein verloren, und um Musik machen zu können, hatte ich ohnehin schon das Studium geschwänzt. Dann kam irgendwann die Entscheidung: Ich rufe jetzt in der Uni und im Hotel an und sage: „Ich komme morgen nicht mehr, ich werde jetzt Musiker.“ Die haben mich natürlich alle für verrückt erklärt. Aber irgendwie habe ich gespürt, dass ich das machen muss.
Frage: Und wie hat es dann geklappt?
Antwort: Genau weiß ich es auch nicht. Aber in den richtigen Momenten haben mir meine Eltern auch mal den nötigen Tritt in den Hintern verpasst, damit ich mich mal traute, vor wichtigen Leuten zu spielen.
Frage: Vor wem?
Antwort: Als ich 19 oder 20 war, war Jean Frankfurter bei uns auf der Alm zu Gast. Er hat Helene Fischer groß gemacht, hat unter anderem „Atemlos durch die Nacht“ produziert. Meine Eltern meinten: „Spiel doch mal was vor!“ Ich habe dann erst rumgebockt: „Ich kann das nicht, ich will das nicht“ Aber schlussendlich habe ich die Gitarre rausgeholt. Dann lud er mich ein, mal ein paar Lieder in seinem Studio im Taunus unplugged einzuspielen. Es gab noch ein paar andere wichtige Türen, die aufgingen, und so kam eins zum anderen.
Frage: Du hast eben gesagt, dass du auch für andere Künstler Lieder schreibst?
Antwort: Ja, ich habe beispielsweise schon mit Peter Wackel, Fäschtbänkler und Mia Julia was geschrieben oder komponiert.
Frage: Wenn du wieder nach Mallorca möchtest: Mit deinem Partyhit kann sich der Kreis jetzt schließen, oder?
Antwort: Ja, zur Eröffnung des „Bierkönig“ im April bin ich da. Aber eins ist sicher: Ich mache jetzt ganz sicher nicht nur noch Ballermann-Auftritte.