Osnabrück Geflüchtet, abhängig, allein gelassen: Warum das Gesundheitssystem bei Asylbewerbern scheitert
Wie kann Asylbewerbern mit psychischen Erkrankungen und Sucht geholfen werden? Aktuell nur unzureichend. Zu diesem Schluss kommen drei Experten der Asklepios-Klinik Nord Ochsenzoll in Hamburg – doch ihre Lösungsansätze gehen auseinander.
Es ist 22 Uhr auf der psychiatrischen Station: Ein afghanischer Patient, kokain- und heroinabhängig, wahrscheinlich mit posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS), erleidet einen Flashback. Er bricht zusammen, schreit, ist völlig außer sich. Das diensthabende Personal kann ihn nicht beruhigen – denn sie sprechen nicht die gleiche Sprache. Der Dolmetscher ist längst weg. Das medizinische Personal greift zu Beruhigungsmedikamenten.
Diese Szene beschreibt Andreas Ziemann, Leiter der Station O32B der Asklepios-Klinik Hamburg Nord Ochsenzoll. Sie stehe beispielhaft für die Herausforderungen, mit denen die Ärzte in der Versorgung von Geflüchteten kämpfen.
Die Klinik gehört zu den größten psychiatrischen Einrichtungen in Deutschland. Der gelernte psychiatrische Krankenpfleger Ziemann behandelt mit seinem Kollegen Oberarzt Dr. Aljoscha Deen vor allem Suchterkrankungen – medizinisch „Substanzgebrauchsstörungen“ genannt – und Psychosen.
Zu ihnen kommen Menschen, die abhängig sind – etwa von Schmerzmitteln, Alkohol oder Drogen wie Kokain, Amphetaminen oder Cannabis. Eine Abhängigkeit tritt oft nicht alleine auf – sie wird begleitet von psychotischen Erkrankungen, erläutert Chefarzt Dr. Peter Strate.
Bei der Aufnahme müssten die Ärzte die führende Erkrankung bestimmen. Also die, die am dringendsten behandelt werden muss. Auf der Station O32B meist die Abhängigkeit. Strate hält diese Einordnung nicht immer für sinnvoll, da Sucht und Begleiterkrankungen – Fachleute nennen sie „Komorbiditäten“ – einander beeinflussen.
Die Ärzte und der Stationsleiter kritisieren, dass Begleiterkrankungen oft unbehandelt blieben. Das gelte für all ihre Patienten, bei Asylbewerbern werde das aber besonders deutlich: „Wir behandeln primär die Suchterkrankung, obwohl er wahrscheinlich eine PTBS hat, die wir eigentlich mitbehandeln müssten”, sagt Ziemann.
Die Behandlung von Suchterkrankungen sei stationär auf 21 Tage begrenzt, erklärt er – aus seiner Sicht zu kurz. Eine Verlängerung gebe es nur mit „sehr guter Begründung“, ergänzt Chefarzt Strate.
Eine weitere Belastung in der Behandlung Geflüchteter sei die Sprachbarriere. Zwar arbeiten manche Krankenhäuser wie die Asklepios Klinik mit einem Dolmetscherbüro zusammen; doch diese seien nur tagsüber im Dienst, sagt Strate. Dolmetscher seien für eine Klinik teuer. Kosten, die ihm zufolge auf der Einnahmenseite fehlen. „Ein Grund, warum viele Kliniken sich letztendlich nicht um adäquate Versorgung bemühen.“
Zwar gebe es in Deutschland im internationalen Vergleich eine hohe Dichte an Psychiatern und Psychotherapeuten, sagt Strate. Aber für Menschen mit Abhängigkeit und Psychose sei ein Platz schwerer zu finden als für jemanden mit Depressionen.
Die Versorgung reicht nicht aus, finden die Experten: Laut Deen haben 1,6 Millionen Menschen in Deutschland eine schwere psychische Erkrankung. 70 Prozent davon leiden seinen Angaben nach an Psychosen wie Schizophrenie oder bipolaren Störungen. Doch weniger als drei Prozent erhielten eine angemessene Behandlung.
Nach Erfahrungen der Mediziner seien insbesondere Geflüchtete stark vorbelastet: Traumata, Vorerkrankungen und schwierige Lebensumstände. Rund 30 Prozent der Schutzsuchenden in Deutschland leiden laut Forschern an den Symptomen einer PTBS. Sie seien häufig „unterdiagnostiziert“, sagt Strate.
„In den seltensten Fällen bekommen sie einen ambulanten Therapieplatz“, sagt Deen. Tatsächlich erhalten jährlich nur vier Prozent der Behandlungsbedürftigen einen Therapieplatz, so die Bundesweite Arbeitsgemeinschaft psychosozialer Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAfF).
Die Gründe: Sprachbarrieren, fehlendes Angebot und oft keine Kostenübernahme. Denn: Asylbewerber haben in Deutschland erst nach 36 Monaten einen Anspruch auf Kassenleistungen, davor wird nur die Akutversorgung übernommen. Es geht laut Gesetz um die erforderliche Versorgung „akuter Erkrankungen und Schmerzzustände“, im Einzelfall entscheidet die zuständige Behörde.
Nach der Entlassung aus der Klinik seien sie oft auf sich alleine gestellt und kehrten in ihr altes Umfeld zurück, gegebenenfalls in ein Asylheim. Laut Strate sind das Räume „mit hohem Konfliktpotenzial und teils fragwürdigen Bedingungen“. „Da muss man ja verrückt werden“, meint der Chefarzt überspitzt. Viele würden laut Ziemann erneut in dem Umfeld landen, in dem sie überhaupt Drogen genommen haben. Ein Rückfall sei vorprogrammiert.
Die Mängel in der Versorgung offenbarten sich aus diesen Erfahrungen heraus besonders deutlich bei der Behandlung Asylsuchender, so Deen. Viele der Probleme beträfen aber auch den Rest der Bevölkerung. Er hofft, dass mediale Aufmerksamkeit nach Ereignissen wie in Aschaffenburg und Mannheim die Lücken im System sichtbar macht und sich „im Umkehrschluss die Versorgung der Patienten und Patientinnen in Deutschland insgesamt verbessert.“
Wie lassen sich diese Probleme lösen? Die Experten sind sich nicht einig. Stationsleiter Andreas Ziemann fordert Spezialkliniken für Geflüchtete. „Ich würde mir in einer Metropole zumindest eine spezielle Klinik wünschen.“ Diese soll auf die Bedürfnisse mit einem mehrsprachigen Angebot besser eingehen und ambulante Therapie organisieren. Die Kliniken müssten für die Behandlung Abhängiger außerdem mehr Zeit bekommen.
Oberarzt Aljosha Deen setzt sich für einen integrativen Ansatz ein. „Die Klinik und die Station sollen ein bestmöglicher Spiegel der Gesellschaft sein.“ Er sieht das Hauptproblem in der weiterführenden Versorgung und fehlenden fremdsprachigen Angeboten.
Einig sind sich die drei Spezialisten in einem Punkt: Die Gesellschaft müsse Suchterkrankte endlich entstigmatisieren.