10 Jahre Masterplan Was an der Ems bisher passiert ist
Vor zehn Jahren begann die Umsetzung des Masterplan Ems 2050. Dazu gehören die Tidesteuerung mit dem Emssperrwerk, der Umbau von Poldern oder die Naturschutzstation. Wie geht es dabei voran?
Leer - Vor zehn Jahren heiß umkämpft und von Demonstrationen begleitet, ist der Masterplan Ems 2050 nach dem legendären Kreistagsbeschluss in der Leeraner Ostfrieslandhalle in ruhigeres Fahrwasser gekommen. Die EU drohte 2015 noch mit Vertragsstrafen in Millionenhöhe, wenn die Ökologie am Fluss nicht verbessert werde. Heute erkundigt sie sich nur regelmäßig nach Ergebnissen des Masterplans. Es gibt bereits sichtbare Ergebnisse – andere Projekte gehen eher leise voran. „Wir arbeiten gut zusammen“, ist die Einschätzung der Ersten Kreisrätin Jenny Daun.
Sie war 2015 bereits in die Vorbereitung für die Beschlussfassung involviert und gehörte mit dem damaligen Landrat Bernhard Bramlage zu den Kritikern des Masterplans. Die Besetzung des Lenkungskreises, dem alle Vertragspartner angehören, wurde damals als „undemokratisch“ infrage gestellt. Denn neben der Bundesrepublik und dem Land Niedersachsen sowie den Landkreisen Leer und Emsland sowie der Stadt Emden gehörten mit den Umweltverbänden und der Meyer Werft private Institutionen dazu – mit gleichem Stimmrecht.
Es ist ruhiger geworden um die Ems
Davon ist mittlerweile nichts mehr zu hören. Regelmäßig berichtet Daun im Ausschuss für Kreisentwicklung, Umwelt- und Naturschutz, Verkehr und Klima über die Arbeit am Masterplan – Aufregung löst das kaum noch aus. Als „Lernprozess für alle Beteiligten“ bezeichnet Rudolf Bleeker, Geschäftsführer des Landwirtschaftlichen Hauptvereins Leer, den Masterplan heute. Damals rannten Landwirte Sturm gegen das Vorhaben, weil sie erheblichen Flächenverlust befürchteten.
Immerhin konnten die Bauern damals einen Platz und Mitspracherecht in einem Arbeitskreis des Masterplans erringen. In diesen Arbeitskreisen – für wasserbauliche Maßnahmen, Verfahren zu Schiffsüberführungen, Steuerungsausschuss Flächenmanagement sowie Öffentlichkeitsarbeit – wird die meiste Arbeit am Masterplan geleistet. Diese kommen regelmäßig zusammen, der Lenkungskreis als übergeordnetes Organ trifft sich mindestens einmal im Jahr, um grundlegende Entscheidungen zu treffen. Diese müssen übrigens immer einstimmig gefasst werden, was wohl zu Kompromissbereitschaft auf allen Seiten geführt hat. Was bisher umgesetzt wurde, zeigt ein Überblick über die wichtigsten Projekte.
Tidepolder Coldemüntje fast fertig
Seit 2022 laufen die Bauarbeiten für den Tidepolder Coldemüntje in der Gemeinde Westoverledingen. Dort werden 35 Hektar in ein Biotop umgewandelt, das über Priele dem Einfluss der Tide der Ems ausgesetzt werden soll, allerdings nur mit einem Tidenhub von etwa einem Meter. In der Ems beträgt der Unterschied zwischen Ebbe und Hochwasser fast fünf Meter. In einem Sedationsbecken soll sich Schlick aus der Ems ablagern. Dieses Projekt ist nahezu umgesetzt, die Öffnung der Überlaufschwelle ist für dieses Frühjahr vorgesehen.
Zwar dient der Tidepolder nicht unmittelbar der Verbesserung der Wasserqualität in der Ems, doch ist das nicht sein vorrangiges Ziel. Vielmehr soll ein flussnaher Lebensraum für Tiere und Pflanzen geschaffen werden, wie er mit dem Ausbau der Ems als Wasserstraße mehr und mehr verloren ging. Der Polder Coldemüntje liegt in einer alten Emsschleife. Für Besucher werden mehrere Aussichtspunkte geschaffen, von denen man aus die Landschaft gut überblicken und die Natur beobachten kann.
Süßwasserpolder in Stapelmoor im Bau
Ein ähnliches Projekt gibt es in Stapelmoor (Stadt Weener), allerdings ohne Einfluss der Tide. Dort entstehen ein Sumpf und Wasserläufe, die allein von Regenwasser gespeist werden. Ursprünglich sollte auch dort ein Tidepolder gebaut werden, doch eine Machbarkeitsstudie ergab, dass die Trinkwassergewinnung durch den Einfluss von Salz- und Brackwasser aus der Ems gefährdet werden könnte. Deshalb entschied man sich für den Bau eines Süßwasserpolders mit einer Fläche von 18 Hektar. Das Projekt nähert sich der Fertigstellung.
Das Gelände war früher Teil einer Flussschleife, die in den 1920er Jahren durchstochen wurde. Aus vormals Grünland soll eine Landschaft mit Röhrichten, Seggenrieden und Weidengebüschen entstehen, in denen sich Amphibien, Röhricht- und Wasservögel wohlfühlen sollen, deren Lebensraum in den vergangenen Jahrzehnten stark geschrumpft ist.
Wächter über Fauna und Flora
In wie weit sich die Bestände von Flora und Fauna entwickeln, überwachen und erfassen die Biologen Felix Närmann und Heinrich Pegel von der Naturschutzstation Ems, die der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz als Masterplan-Vertragspartner eingerichtet hat. Sie befindet sich in einer ehemaligen Betriebsleiterwohnung am Schöpfwerk in Terborg.
Neben der Beobachtung der Natur gehört Öffentlichkeitsarbeit zur Arbeit der Biologen. So wurde im vergangenen Jahr eine Ausstellung über die Falterarten an der Ems organisiert, die ein umfangreiches Begleitprogramm mit Fachleuten enthielt. Es hatte sich gezeigt, dass an der Ems zwischen Knock und Schleuse Herbrum mehrere wirklich seltene und vom Aussterben bedrohte Nachtfalter leben.
Flächenankauf liegt im Plan
Zum Kompromiss, der 2015 zur Zustimmung des Leeraner Kreistags geführt hatte, gehörte die Ausweitung des Suchraums für neue Schutzgebiete. Zunächst sollten die für den Masterplan benötigten 700 Hektar fast ausschließlich im Landkreis Leer angekauft werden, doch bot später der Landkreis Emsland an, rund 350 Hektar eigener Ländereien in den Suchraum zu geben. Dort und im Landkreis Aurich wurden bisher 89 Hektar für Wiesenvogelschutz gekauft. Diese werden wieder an örtliche Landwirte verpachtet, aber unter Auflagen für den Schutz von Wiesebrütern und anderen bedrohten Vogelarten.
500 Hektar sollen für den Bau ästuartypischer Lebensräume genutzt werden, wozu die Polder Coldemüntje und Stapelmoor gehören. Bis zum Jahr 2025 sollten laut den Vereinbarungen im Masterplan 152 Hektar gesichert werden – das ist erreicht. Noch in der Untersuchungsphase sind Projekte wie der Tidepolder Leer südlich der Stadt Leer sowie 300 Hektar in den Emsauen zwischen Herbrum und Vellage.
Das Herzstück des Masterplans
Das wichtigste Instrument zur Verbesserung der Wasserqualität in der Ems und somit das Herzstück des Masterplans ist die Tidesteuerung mit dem Emssperrwerk. Damit soll das durch die Vertiefungen und Ausbaggerungen aus dem Gleichgewicht gebrachte System aus Ebbe und Flut verbessert werden. Bisher ist es so, dass die Flut große Mengen Sediment aufwühlt und die Ems hinaufträgt, die Ebbe aber nicht für genügend Abfluss sorgt. Deshalb hat sich ein Schlammteppich gebildet, der am Boden des Flusses eine zähe Masse bildet.
Dieser lässt insbesondere in Monaten mit wenig Oberwasser (Zufluss von Regen- und Schmelzwasser aus anderen Regionen Niedersachsens bis zu den Mittelgebirgen) die Sauerstoffwerte so schlecht werden, dass Leben im Wasser buchstäblich erstickt. Testläufe sowie ein völlig neues Rechenmodell haben belegt, dass mit der Tidesteuerung mehr Sediment in Richtung Dollart transportiert werden kann, was die Wasserqualität erheblich verbessern kann.
Verfahren läuft dieses Jahr an
Ein Planfeststellungsverfahren zur Umsetzung der Tidesteuerung soll in diesem Jahr beginnen. Weil sich bei den Testläufen 2020 erhebliche Auswirkungen auf den Emder Hafen abgezeichnet haben, sollen dort Umbauten erfolgen. Dies betrifft vor allem die Verladung von Fahrzeugen auf die Autotransportschiffe nach Übersee. Hier hatte ein plötzlicher Abfall des Pegels um einen halben Meter zu Problemen geführt. Als Abhilfe sollen zum einen die Rampen für die Autoverladung verändert werden und Emden bekommt einen dritten Großschiffanlegeplatz für die Autotransporte.
Im Jahr 2027, so ist es bisher geplant, soll mit der Tidesteuerung begonnen werden. Dabei wird derzeit die Anhebung des Tideniedrigwassers durch Schließung der Sperrwerkstore bevorzugt, im Planfeststellungsverfahren wird aber die Flutstromsteuerung, bei der das Auflaufen des Hochwassers gebremst wird, ebenfalls berücksichtigt. Die Niedrigwasseranhebung sorgt vor allem dafür, dass im Emswasser zwischen Gandersum und der Schleuse Herbrum weniger Sediment aufgewirbelt wird – die Flutstromsteuerung würde mehr Schwebstoffe aus der Ems heraustransportieren. Das hätte aber stärkere Auswirkungen auf den Emder Hafen.
Ruhendes Projekt bei Vellage
Die Arbeit an einem Masterplanprojekt wurde eingestellt: der Bau eines Tidepolders bei Vellage. Hier war mit Probebaggerungen begonnen worden, doch schien der Aufwand für das Tidespeicherbecken unvertretbar hoch zu sein. Das Projekt ruht, stattdessen setzt man auf die Tidesteuerung sowie den möglichen Bau des Tidepolders bei Papenburg.