Berlin  Verkanntes Krebsrisiko: Bas Kast erklärt, wie Alkohol Zellen mutieren lässt

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 25.02.2025 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Ernährungsexperte Bas Kast trinkt keinen Alkohol mehr. Foto: Mike Meyer/Penguin
Ernährungsexperte Bas Kast trinkt keinen Alkohol mehr. Foto: Mike Meyer/Penguin
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Der Bestseller-Autor Bas Kast („Der Ernährungskompass“) trinkt keinen Tropfen Alkohol mehr. Im Interview spricht er über Wissenschaftsmythen, den eigenen Verzicht und wie selbst geringe Mengen das Brustkrebsrisiko erheblich steigern.

Als Bas Kast seinen Bestseller „Der Ernährungskompass“ (2018) veröffentlicht, wird mäßigem Alkoholkonsum noch eine herzschonende Wirkung zugeschrieben. Inzwischen hat die Forschung diesen Irrtum so gründlich abgeräumt, dass der Wissenschaftsjournalist selbst keinen Tropfen mehr trinkt. In einem neuen Buch erklärt er die medizinischen Gründe seiner Abstinenz.

Im Interview erklärt der 52-Jährige, wie Alkohol Krebszellen entstehen lässt und warum Alkohol trotz seiner Risiken zur akzeptierten Alltagsdroge wurde.

Frage: Herr Kast, Sie haben das Alkohol-Kapitel in Ihrem „Ernährungskompass“ umgeschrieben und jetzt sogar ein eigenes Buch über Alkohol veröffentlicht. Warum?

Antwort: Hunderte von Beobachtungsstudien hatten gezeigt: Moderate Trinker sterben seltener an Herz-Kreislauf-Problemen als Abstinenzler. Moderat bedeutet: nicht mehr als ein Bier oder ein Wein am Tag. Früher dachte man deshalb, dass Alkohol das Herz schützt, zum Beispiel über bestimmte Stoffe im Wein. Aber das war ein Denkfehler. Tatsächlich ist die Gruppe der moderaten Trinker unabhängig vom Alkohol gesünder. Viele Menschen sind schließlich nur deshalb Abstinenzler, weil sie vorerkrankt sind, Medikamente nehmen oder als Alkoholiker gar nichts mehr trinken. Korrigiert man den Effekt, verschwindet der vermeintliche Nutzen des Alkohols. Das gesunde Gläschen am Abend gibt es nicht. Schon der erste Schluck erhöht das Krebsrisiko.

Frage: Krebs bringt man eher mit dem Rauchen als mit dem Trinken in Verbindung. Welcher Mechanismus steckt beim Alkohol dahinter?

Antwort: Das liegt am ersten Abbauprodukt von Alkohol: Acetaldehyd. Das ist verursacht Mutationen im Erbgut und ist deshalb eindeutig krebserregend. Betroffen sind vor allem der Verdauungstrakt, die Schleimhäute und sogar die Lippen. Frauen, die trinken, kriegen öfter Brustkrebs. Britische Forscher haben berechnet, dass eine Flasche Wein für Frauen etwa dem Krebsrisiko von zehn Zigaretten entspricht, bei Männern sind es fünf Zigaretten.

Ausgangspunkt für Bas Kasts Buch zum Alkohol war ein YouTube-Video über seine Entscheidung zur Abstinenz:

Frage: In der Pandemie haben mRNA-Impfstoffe Ängste ausgelöst. Viele glaubten, dass sie ins Erbgut eingreifen. Trifft also genau das auf das Feierabendbier zu?

Antwort: Ja, das ist ein interessanter Vergleich. mRNA-Impfstoffe greifen nicht in die DNA ein, während Acetaldehyd genau das tut. Ein Feierabendbier könnte also das anrichten, was Impfgegner dem Impfstoff unterstellt haben. Unsere Zellen teilen und erneuern sich ständig, in der Haut, im Blut, im Darm. Gesteuert wird dieses Wachstum von Genen: Einige fördern das Wachstum, andere den programmierten Zelltod. Wenn Alkohol zufälligerweise gerade diese Schaltstellen angreift und mehrere Mutationen zusammenkommen, kann Krebs entstehen.

Frage: Wenn Alkohol ein Zellgift ist – wieso warnt unser Körper uns nicht mit Ekelgefühlen davor?

Antwort: Weil Alkohol auch in unserer Nahrung vorkommt, zum Beispiel in vergärenden Früchten. Er enthält Kalorien und es war einmal wichtig, die zu nutzen. Deshalb haben Menschen und viele andere Tiere bis hin zur Taufliege das Rüstzeug erworben, Alkohol aufzuspalten und zu verwerten.

Frage: Auf Zigaretten-Schachteln werden Schockbilder gedruckt, auf Bierflaschen nicht. Warum reagiert die Gesellschaft auf Nikotin so viel sensibler?

Antwort: Zigaretten wurden früher auch verharmlost und waren gesellschaftlich akzeptiert. Beim Alkohol ist das Bewusstsein für die Risiken, insbesondere das Krebsrisiko, noch nicht so verbreitet. Aber das wird sich ändern.

Frage: Von der Steinzeit an haben Menschen sich betrunken. Gehört der Rausch zu einem gesunden Leben trotz allem dazu?

Antwort: Viele Menschen erleben im Alltag emotionalen Druck, ob im Büro oder in der Beziehung. Den kann man durch kontrollierte Enthemmung abbauen, zum Beispiel am Wochenende in Clubs. Ein gewisser Rausch kann aus psychologischer Sicht also sinnvoll sein. Wer weiß, wie viele ein Glas Wein brauchten, um im entscheidenden Moment ihres Lebens die Worte auszusprechen: „Ich liebe dich.“ Aber natürlich gibt es auch die Schattenseiten: Alkohol erhöht die Gewaltbereitschaft. Viele Verkehrsunfälle gehen auf das Konto von Alkohol. Es spricht viel für einen behutsamen Umgang.

Frage: Gibt es den Rausch ohne Nebenwirkungen?

Antwort: Ich habe mich auch mit Psychedelika beschäftigt, und die meisten sind körperlich unbedenklich. Magic Mushrooms, also Psilocybin-haltige Pilze, habe ich Dutzende Mal genommen. Man müsste sie kiloweise essen, damit sie den Körper auch nur ansatzweise schädigen. Unter Aufsicht habe ich auch LSD und Ecstasy ausprobiert. Gerüchte, wonach LSD dem Hormonhaushalt schadet, sind widerlegt. Nur Ecstasy ist auch körperlich gefährlich, weil es als Amphetamin den Herzschlag anregt. Die falsche Dosis kann tödlich sein. Die anderen Drogen schaden dem Körper nicht. Dafür sind sie psychisch heftig. Man sollte sie nur unter medizinischer Aufsicht nehmen.

Frage: Warum hat sich unter all diesen Drogen in unserer Kultur gerade Alkohol durchgesetzt?

Antwort: Wenn man nicht suchtkrank ist, kann man die Wirkung von Alkohol gut dosieren. Man spürt, wie das erste Glas entspannt und leicht enthemmt, wie das zweite die Wirkung steigert und auch wann es zu viel wird. Das macht diese Droge so alltagstauglich. Bei Psychedelika kann von Kontrolle keine Rede sein. Nach zwei Gramm Pilzen bist du im Trip. Du gibst die Kontrolle ab, und das auch dann, wenn es ein Horrortrip ist.

Frage: Wie waren Ihre eigenen Trips?

Antwort: Ich habe auch ein paar Horrorerlebnisse gehabt. Aber meine allermeisten Trips waren nicht nur gut, sondern grandios, transformierend, spirituell. Mit Alkohol habe ich gemütliche Abende verlebt. Mein Glas Wein hat mich nach Arbeitstagen entspannt. Darauf kann ich verzichten. Mit Psychedelika wurde ich eins mit dem Kosmos. Ich habe mich völlig neu erfahren. Ich hatte Einsichten in meine Psyche, die mich für immer verändern. Und ich bin nicht der Einzige, der das so beschreibt.

Frage: Wie beschreibt es denn die Forschung?

Antwort: 70 Prozent der Probanden, die Psilocybin im klinischen Setting einnehmen, bezeichnen das als eines der bedeutendsten Erlebnisse ihres Lebens. Obwohl sie nur in einem schnöden Krankenhausbett lagen. Viele vergleichen die Wirkung in ihrem Ausmaß mit der Geburt ihres Kindes oder mit dem Tod eines geliebten Menschen. Diese emotionale Wucht zeigt, wie kraftvoll Psychedelika sein können.

Frage: Was Sie jetzt nicht erwähnt haben, ist das Kiffen. Markus Söder wendet sich gegen die Cannabis-Legalisierung und feiert seine Maß Bier als Brauchtum. Ist das ein Widerspruch?

Antwort: Obwohl ich ein halber Holländer bin, hat Cannabis mich nie fasziniert. Ich habe es probiert, aber es hatte für mich nicht die transformative Kraft eines Psychedelikums. Manche sagen, dass Kiffen sie kreativ macht. Mich macht Cannabis unproduktiv und müde. Ich erkenne aber an, dass es medizinisch sinnvoll genutzt wird, etwa in der Schmerztherapie.

Frage: Eine verblüffende Beobachtung aus Ihrem Alkoholbuch: Die üblichen Gläser für Schnaps, Wein und Bier enthalten mehr oder weniger dieselbe Menge Alkohol. Wieso?

Antwort: Das zeigt, dass wir kulturell verstanden haben, warum wir trinken. Beim Alkohol geht es um die Wirkung, nicht um Durst oder Geschmack. Man trinkt für den Rausch, für die Stressreduktion, für eine Angstlinderung, eine Schmerzminimierung, eine Sedierung. Die Gläser, die sich durchgesetzt haben, beschreiben eine Dosis, eine konstante Alkoholeinheit mit berechenbarer Wirkung. Gerade beim Wein wird das durch den kulturellen Überbau verdeckt. Da drechseln die Experten sich eine erdige Note mit fruchtigem Abgang zusammen. Kein Mensch redet so von gutem Saft oder erlesener Milch. Natürlich hat diese Kultur etwas Schönes. Aber vor allem kaschiert sie, worum es wirklich geht: um den Stoff. Wir haben die Droge Alkohol kulturell domestiziert. Bei anderen Drogen fehlt das. Wir haben nie gelernt, vernünftig mit LSD, Pilzen oder Kokain umzugehen. Deshalb haben wir hier einen gesunden Respekt. Beim Alkohol fehlt der leider.

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