Osnabrück Spermienqualität weltweit sinkt – „Überleben der Menschheit könnte bedroht sein“
Krankheiten und Umweltbelastungen verringern die männliche Fruchtbarkeit. Aktuelle Studien zeigen: Corona, HPV und Mikroplastik stellen ernsthafte Risiken für die Fortpflanzung dar. Könnte diese Entwicklung sogar die Zukunft der Menschheit gefährden?
Herz, Lunge, Geruchssinn, Leber, Nieren, Gehirn – Covid-19 kann bekanntlich viele Organe heimsuchen. Und jetzt auch noch das: Eine aktuelle Studie zeigt, dass das berüchtigte Virus sich auch in den Hoden breitmachen und die Fruchtbarkeit des Mannes senken kann. Und mit der sieht es ja seit Jahren ohnehin nicht gut aus.
Ein deutsch-nigerianisches Forschungsteam hat die Daten aus 40 Studien zu Covid-19 und männlicher Unfruchtbarkeit ausgewertet, und dabei festgestellt, dass die Infektion mit einem Rückgang der Spermienzahl, des Spermavolumens sowie der Konzentration und der Beweglichkeit der Spermien einhergeht. Die Behandlung der Krankheit bewirke zwar eine gewisse Besserung, berichtet Studienleiterin Victory Ashonibare vom Uni-Klinikum der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, „doch die Studienergebnisse verweisen darauf, dass auch nach der Genesung nicht mehr das gleiche Niveau wie vor der Infektion erreicht werden könnte“.
Darüber hinaus zeigten die infizierten Männer auch Störungen des Hormonhaushalts, wie etwa erhöhte Prolaktin- und Östrogenwerte, die bekanntlich längerfristig die Fruchtbarkeit beeinträchtigen.
Wie heftig der Erreger auf die männliche Zeugungskraft schlagen kann, zeigt eine Erhebung, die an spanischen Reproduktionskliniken durchgeführt wurde. Dort sank nach einer Covid-Infektion das Samenvolumen von 2,5 auf 2 Milliliter, also um 20 Prozent. Die Gesamtanzahl der Spermien ging um fast 60 Prozent in den Keller, und deren Lebensquote war auch noch um 5 Prozent und ihre Beweglichkeit um fast 10 Prozent geringer als sonst. Covid-19 halbiert also nicht nur die Spermientruppen, sondern raubt auch noch die Schlagkraft der überlebenden Einheiten.
Diese Nachricht ist nur eine von vielen Hiobsbotschaften, die in letzter Zeit über die Fruchtbarkeit der Männer zu vernehmen sind. Laut einer Studie der Hebräischen Universität in Jerusalem lag die Anzahl der Samenzellen im Jahr 1973 bei 101 Millionen pro Milliliter Sperma, jetzt sind es gerade noch 49 Millionen, also weniger als die Hälfte. Und dieser Rückgang gilt – wohlgemerkt – weltweit.
Die israelischen Forscher haben für ihre Arbeit 288 Studien aus 54 Ländern ausgewertet. Die Zahl der Spermien sinkt seit der Jahrtausendwende um 2,5 Prozent pro Jahr. „Unsere Ergebnisse sind wie der Kanarienvogel in der Kohlenmine“, warnt Studienleiter Hagai Levine. „Wir haben es hier mit einem ernsten Problem zu tun, das das Überleben der Menschheit bedrohen könnte, wenn es nicht abgemildert wird.“
Das Abmildern wird jedoch gar nicht so einfach sein. Denn die Ursachen für den Qualitätsverlust des Spermas sind vielfältig. Zu ihnen zählen Zigarettenkonsum und Übergewicht, sowie psychischer Stress.
Außerdem machen derzeit neben Covid-19 auch andere Virustypen als Fruchtbarkeitskiller von sich reden: die humanen Papillomaviren, HPV. Sie können es, wie argentinische Forscher herausgefunden haben, bis ins Hodengewebe schaffen, wo sie dann für ein frühzeitiges Ende der Samenzellen sorgen. Was ein weiteres Argument dafür ist, dass sich nicht nur junge Frauen, sondern auch Männer gegen HPV impfen lassen sollten.
Auch Mikroplastik stellt sich zunehmend als Risiko für die männliche Fruchtbarkeit heraus. Die weniger als 1000 Nanometer kleinen Teilchen sind längst allgegenwärtig, werden aus dem vielen Plastik herausgelöst, das sich in unserer Umwelt befindet. Mittlerweile weiß man, dass sie, wenn sie erst mal im menschlichen Organismus sind, diverse Organe ansteuern. Und dazu zählen auch die Hoden.
Ein Forschungsteam der University of New Mexico nahm 23 menschliche und 47 Testikel von Hunden unter die Lupe – und fand dabei tatsächlich in jeder einzelnen Probe beachtliche Mengen an Mikroplastik. Was Studienleiter Xiaozhong Yu überraschte, „weil die Spermien als Garanten für den Arterhalt eigentlich gut vor Schadstoffen geschützt sind“. Besonders hoch war der Anteil an Polyethylen, das für Schutzfolien, Plastikflaschen und Verpackungen verwendet wird, sowie das für Bodenbeläge und Kunstleder genutzte PVC, dessen Weichmacher eine hormonartige Wirkung haben.
Doch kann sich die Ansammlung dieser Stoffe auch konkret auf die Fruchtbarkeit niederschlagen? Bei den menschlichen Hoden konnten die US-Forscher die Spermienzahl nicht ermitteln, weil die eine siebenjährige Aufbewahrungszeit hinter sich hatten. Doch bei den Hunden war das möglich, weil die aus „frischen“ Kastrationen stammten. Und da fand man deutlich weniger Spermien als bei Tieren, die keine Mikroplastikbelastung in den Hoden hatten.
Dies dürfte beim Menschen, in dessen Hoden ja sogar das Dreifache an Mikroplastik kursiert, ähnlich sein. In einer anderen Untersuchung, die zeitgleich an mehreren Universitäten in China durchgeführt wurde, fand man in mikroplastikbelasteten Spermaproben deutlich mehr träge und deformierte Samenzellen.
Gründe genug, den Kontakt mit Mikroplastik einzuschränken. Was nicht so einfach ist, weil man es mittlerweile sogar am Mount Everest, im tiefsten Meeresgraben und am Südpol nachgewiesen hat. Was jeder Einzelne beispielsweise tun kann: unnötige Verpackungen und Einmalprodukte vermeiden, mehrfach verwendbare Tragetaschen verwenden.
Und beim Obst und Gemüse ganz auf unverpackte Produkte setzen, die zudem aus biologischem Anbau stammen sollten. Denn das schützt nicht nur vor Mikroplastik, sondern auch vor den Pestiziden der konventionellen Landwirtschaft, die ebenfalls auf die Spermienqualität schlagen.
In einer Harvard-Studie nahm man die Spermaproben von 155 Männern, die außerdem über einen Zeitraum von fünf Jahren nach ihren Ernährungsgewohnheiten befragt wurden. Das Ergebnis: Wer pro Tag durchschnittlich 1,5 Portionen stärker belastetes Obst und Gemüse gegessen hatte, hatte 49 Prozent weniger Spermien, die zudem in fast einem Drittel der Fälle missgebildet oder inaktiv waren.
Dieses Ergebnis könnte freilich Männer, die ohnehin nicht viel von vegetarischer Kost halten, dazu verführen, noch weniger Obst und Gemüse auf ihren Speisezettel zu setzen. Doch diesen Gedanken sollte man laut Studienleiter Jorge Chavarro besser verwerfen, insofern „eine erhöhte regelmäßige Aufnahme von pestizidfreiem oder zumindest pestizidarmem Obst und Gemüse zu einer Steigerung der normalen, gesunden Spermienzahl führt“.
Der Grund: Die Pflanzeninhaltsstoffe reduzieren den oxidativen Stress auf die Samenzellen. Wer also noch Nachwuchs zeugen will, sollte öfter mal das eine oder andere Bio-Grün auf seinen Speiseplan setzen.