Sydney  Sechste Forschungsstation: Kontrolliert China bald die Antarktis?

Barbara Barkhausen
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Von Barbara Barkhausen
| 13.03.2025 14:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Provisorische Gebäude vor dem Bau der fünften chinesischen Forschungsstation in der Antarktis auf Inexpressible Island. Nun soll die sechste Station folgen. Foto: IMAGO/Bai Guolong
Provisorische Gebäude vor dem Bau der fünften chinesischen Forschungsstation in der Antarktis auf Inexpressible Island. Nun soll die sechste Station folgen. Foto: IMAGO/Bai Guolong
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China plant eine weitere Forschungsstation in der Westantarktis. Offiziell soll der Fokus auf Klimaforschung liegen. Doch Experten fürchten, dass die Expansion geopolitische Spannungen befeuern könnte, da der neue Standort in der bisher „unbeanspruchten“ Region liegt.

Derzeit betreibt China fünf Forschungsstationen in der Antarktis, darunter eine, die erst im vergangenen Jahr eröffnet wurde. Nun soll eine sechste Station – eine Sommerforschungsstation in der Westantarktis – dazukommen.

Erste Dokumente für die geplante neue Station sind bereits veröffentlicht worden. Der Bau der neuen Basis soll im Juni beim Treffen der Antarktisvertrag-Staaten in Italien besprochen werden, wie es beim australischen Sender ABC hieß, der als erster darüber berichtete. Die vorgeschlagene Station muss gemäß den Verfahren, die im Madrid-Protokoll des Antarktisvertrags festgelegt sind, genehmigt werden.

Errichtet werden soll die neue Station in Marie-Byrd-Land in der Westantarktis. Geplant sind ein 900 Quadratmeter großes Hauptgebäude sowie ein 500 Quadratmeter großes Forschungszentrum für 25 Wissenschaftler sowie weiteres Personal für den Betrieb der Station. Die Eröffnung der neuen Basis ist für 2027 geplant.

„Die geplante neue chinesische Sommerstation […] soll eine Einrichtung zur logistischen Unterstützung und für wissenschaftliche Forschungstätigkeiten sein“, heißt es von chinesischer Seite. Sie solle eine internationale Plattform für multidisziplinäre Forschung darstellen, „die sich auf Studien zum marinen und globalen Klimawandel konzentriert“.

Von dem australischen Sender auf die Hintergründe angesprochen, sagte der chinesische Botschafter in Australien, Xiao Qian, dass keinerlei geopolitische Motive hinter der Station steckten. Es solle „keine Überinterpretation, Fehlinterpretation oder Überreaktion geben“.

Experten zeigen sich jedoch skeptisch in Bezug auf den geplanten Standort – das Marie-Byrd-Land in der Westantarktis. „Diese Region der Antarktis ist einzigartig, da sie von keinem Land offiziell beansprucht wurde und häufig als ‚unbeanspruchter Sektor‘ bezeichnet wird“, sagte Donald Rothwell, Professor für internationales Recht an der Australian National University in Canberra.

Auch James Chin, Asien-Experte an der University of Tasmania, zweifelt an den scheinbar selbstlosen Motiven Pekings. „Die Chinesen gehen seit den letzten Jahren nicht nur in der Antarktis, sondern auch in der Arktis so vor“, sagte er. Hauptziel sei es, sicherzustellen, dass sie in einer sehr starken Position seien, um von der Mineralienausbeutung in der Arktis und Antarktis zu profitieren, sobald diese erlaubt werde. Peking wolle die antarktische Präsenz aber auch als geopolitischen Vorteil für sich nutzen.

Grundsätzlich ist die Volksrepublik bei Weitem nicht das einzige Land mit Interesse an der Antarktis: Insgesamt gibt es dort 70 permanente Stützpunkte – mit Personal aus rund 30 Ländern. Vor allem Argentinien, die USA und Großbritannien betreiben mehrere Stationen. Auch Australien hat vier eigene Forschungsstationen – die Stationen Mawson, Davis und Casey auf dem antarktischen Kontinent sowie die Station Macquarie Island in der Subantarktis. Deutschland ist mit fünf Stationen vertreten: mit Gondwana, Dallmann, O‘Higgins, Kohnen und seit 2009 Neumayer III.

China betreibt seit inzwischen 40 Jahren Polarforschung und besitzt fünf antarktische Forschungsstationen. Die Einrichtungen Great Wall und Zhongshan sind dabei ganzjährige Stationen, während Taishan und Kunlun als Sommerstationen fungieren.

Die noch recht neue Station Qinling, die im vergangenen Jahr eröffnet wurde, ist ebenfalls ganzjährig besetzt. Sie liegt auf Inexpressible Island, eine kleine Felseninsel in der Terra Nova Bay im Rossmeer. Die Bauarbeiten auf dem eisigen Kontinent und in den Jahren der Pandemie waren alles andere als leicht und die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua ließ es sich nicht nehmen, die „heroischen“ Arbeiten bei teils heftigem Schneegestöber auch filmisch zu begleiten.

In Australien und den USA eckte vor allem der Bau von Qinling bereits an. Die US-amerikanische Denkfabrik Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington schrieb noch vor der Eröffnung der Station, dass diese neben Forschungsarbeiten auch Spionagezwecken dienen könnte.

In einem Bericht vom April 2023 hieß es, ihre Position bilde positionsmäßig ein Dreieck mit Chinas anderen Küstenstationen. Sie schließe damit eine Lücke in Chinas Abdeckung der weitläufigen Küsten der Antarktis. Die wachsende Präsenz der Volksrepublik sowohl in der Arktis als auch in der Antarktis sei „Teil seines umfassenderen Strebens nach dem Status einer globalen Großmacht“.

Bereits ein Bericht des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums aus dem Jahr 2022 hatte gewarnt, Chinas antarktische Einrichtungen könnten „zumindest teilweise dazu bestimmt“ sein, die Fähigkeiten der Kommunistischen Partei Chinas zu verbessern. Auch vonseiten CSIS heißt es, die Einrichtungen könnten als Referenzstationen für Chinas BeiDou-Satellitennavigationsnetz dienen, Pekings Alternative zum globalen Positionierungssystem, das die USA betreiben.

Eine Satellitenbodenstation könnte zudem Geheimdienstsignale der US-amerikanischen Verbündeten Australien und Neuseeland sammeln oder auch Daten über die Raketen, die von den neu eingerichteten Weltraumbahnhöfen beider Länder gestartet werden – obwohl es dafür in der Region vermutlich „gastfreundlichere Gastgeber“ gäbe, um solche Aktivitäten zu starten, wie Claire Young, eine Expertin der australischen Denkfabrik Lowy Institute, anmerkte. Inexpressible Island, der Standort von Qinling, sei „ein ineffizienter und unzuverlässiger Ort“. Die dortigen Winter seien „höllisch“.

Solche Ziele weist die Volksrepublik jedoch vehement zurück. Laut Antarktisvertrag aus dem Jahr 1959 darf der Kontinent rein für friedliche und in erster Linie für wissenschaftliche Zwecke genutzt werden. Diesem Vertrag ist auch China 1983 beigetreten.

Doch der neu gewählte Standort für eine sechste Station löst nun erneut Misstrauen im Westen aus. Vor allem die USA könnten Einwände gegen den Standort erheben, erklärte der Rechtsexperte Rothwell. Washington habe historisch Interessen am Marie-Byrd-Land und gelte als „Inhaber eines schlafenden Anspruchs auf diesen Sektor der Antarktis“.

Die vorgeschlagene chinesische Sommerforschungsstation könne dieses amerikanische Interesse nun „wieder aufwecken“, „eine Gegenreaktion aus Washington hervorrufen“ und „neue geopolitische Spannungen in der Antarktis auslösen“, so Rothwell.

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