Großefehn Bayerischer Wassermüller sucht nordische Windmühle
Vom Wassermüller in Bayern möchte Benny Hörrmann zum Windmüller im Norden umsatteln. In Spetzerfehn sammelt der 28-Jährige Erfahrungen – und sucht gleichzeitig eine Mühle für seinen großen Traum.
Spetzerfehn - Das massive hölzerne Stirnrad hoch über dem Kopf von Benny Hörrmann dreht knarrend seine Runden. Mit ihm ist die ganze Mühle um den 28-Jährigen herum in Bewegung. Es ist eine Szene, die aus einer anderen Zeit zu stammen scheint. Flügel, Rüttler, Holzräder und der große Mahlgang bilden den Soundtrack. Hörrmann schließt die Augen und lauscht. Dann atmet er die pudrig duftende Mühlenluft tief ein und mit einem Lächeln wieder aus. „Das ist wirklich lebendige Geschichte“, sagt der Bayer, als er die Augen wieder öffnet. Mehlstaub tanzt um ihn herum im einfallenden Sonnenlicht – und setzt sich auf die dicken Holzbalken.
Benny Hörrmann ist genau da, wo er immer sein wollte. Er ist eine Woche lang Praktikant in der ausschließlich mit Wind betriebenen Mühle Steenblock in Spetzerfehn. Betreiber Heye Steenblock hat öfter Praktikanten in seinem Galerieholländer. „Einer kam sogar ganz aus Irland“, sagt Steenblock und lächelt. Er weiß genau, was er für einen besonderen Arbeitsplatz in der im Jahr 1886 erbauten Mühle Steenblock hat. Bisher habe aber kaum einer seiner Mühlengäste so viel Hintergrundwissen mitgebracht wie Benny Hörrmann, sagt Steenblock.
Die Liebe zur Windkraft erwachte in der Kindheit
Hörrmann hat viele Jahre in seiner Heimat in verschiedenen Wassermühlen gearbeitet. „Windmühlen gibt es bei uns kaum“, erklärt er. Wo es doch gerade die Kraft des Windes ist, die ihn schon als Kind so fasziniert hat. Mit seinem Opa hat er damals ein Windrad gebaut – das ist ihm als einziges Erinnerungsstück an seinen Großvater bis heute geblieben. Vielleicht hat damit alles angefangen, vermutet er. Jetzt ist Benny Hörrmann nach Ostfriesland gekommen, um in der Fünf-Mühlen-Gemeinde Großefehn das Mahlen mit Wind zu lernen.
Plötzlich geht ein Ruck durchs Gebälk. Das Klackern der Mühle wird schneller. Der Wind hat zugenommen. „Jetzt rennt sie“, sagt Hörrmann und sein Lächeln wird breiter. Dieses Geräusch würde Benny Hörrmann gerne öfter hören. Am liebsten wäre ihm, es käme von einer Mühle, die er selbst betreibt. Für so eine wie die benachbarte Mühle in Ostgroßefehn, sagt der 28-Jährige, würde er Bayern von einer Minute auf die andere den Rücken kehren. Eine Mühle mit einer Windrose für die automatische Windnachführung. „Und Jalousienflügeln“, sagt der Nachwuchsmüller. Es soll ja schließlich etwas herumkommen, wenn er die Kraft des Windes nutzt.
Es gibt kaum noch funktionierende Mühlräder
Doch wie unterscheidet sich eine Windmühle von Wassermühlen? „Erst einmal gibt es kaum noch Wassermühlen mit einem funktionsfähigen Wasserrad aus Holz“, sagt Hörrmann. Bei den meisten Wassermühlen sei das schon lange durch eine Turbine ersetzt worden, während bei den meisten Windmühlen die Flügel wenigstens noch vorhanden sind – selbst wenn sie nicht genutzt werden. „Die besondere Herausforderung für Windmüller sind die stark schwankenden Drehzahlen“, sagt Steenblock. Der Wind weht unterschiedlich stark und wechselt die Richtung – manchmal von einer Minute auf die andere. So eine Herausforderung gibt es bei Wasserkraft nicht.
Benny Hörrmann schreckt das nicht ab. Mit der Energie des Windes will er erst einmal Mehl zum Backen mahlen. „Ich habe eine Spezialmischung für Pizzamehl entwickelt“, sagt Benny Hörrmann. Die soll es dort geben, wo jemand ihm hilft, seinen Traum zu verwirklichen. „Am besten wäre eine Pacht mit dem Mühlenbetrieb als Nebenerwerb oder ein Arrangement nach einem Prinzip wie bei Ronald Scheltens“, sagt Hörrmann. Der ehemalige Müller der Windmühle von Ostgroßefehn war hauptamtlich bei der Gemeinde Großefehn angestellt. Er hatte den Traum, in der Mühle endlich wieder Mehl zu mahlen. Den Traum würde Hörrmann gerne weiter verfolgen. Gespräche hat er schon geführt. Ob etwas draus wird, wird sich zeigen.
Der Traum vom mit Windkraft gemahlenen Mehl
Doch Hörrmanns Traum ist größer als der Traum vom Mehl. Er will zeigen, wie die Kraft des Windes helfen kann, autonom zu leben. Diese Kraft soll alte Maschinen antreiben. „Ich habe alte Bäckerei- und Fleischerei-Maschinen, eine Schmiede und eine fast vollständige Holzwerkstatt“, sagt Hörrmann. Außerdem besitzt er die Ausstattung einer historischen Wassermühle, in der er einmal gewohnt hat. Das alles soll nicht nur ihn und seine Frau Jenny versorgen. „Wir wollen es allen zugänglich machen und zeigen, was ohne Motoren und Strom möglich ist“, sagt Hörrmann.
Alte Technik erleben, das ist sein Traum. Für seine Sammlung ist er bis nach Polen gereist. Aber ein Schritt nach dem anderen. Erst einmal braucht Hörrmann die passende Mühle. Über das Netzwerk von Mühlenfreunden ist er auf Heye Steenblock aufmerksam geworden – und schließlich auf die Mühle in Ostgroßefehn. Sollte es dort nicht klappen, sucht er weiter. Ihm sei noch eine weitere Mühle in Schleswig-Holstein empfohlen worden. Benny Hörrmann ist bereit, für seinen Traum von einer Windmühle zu kämpfen – und etwas zu tun, was er nie für möglich gehalten hat. „Ich war noch nie für längere Zeit aus Bayern weg“, sagt er. Für seinen Traum von einer Windmühle würde er den Schritt wagen. Nach dem ersten Blick auf Ostfriesland sogar ohne mit der Wimper zu zucken.
Findet sich eine Windmühle in Großefehn?
Und was hält Heye Steenblock von seiner Idee? „Vom wirtschaftlichen Standpunkt ist es ein Wahnsinn, als Privatmensch eine Mühle zu betreiben“, sagt er. Dann zwinkert er, lacht und fügt hinzu: „Aber wie traurig wäre die Welt ohne Menschen, die verrückt genug sind, es zu versuchen?“ Steenblock zählt sich selbst zu den Mühlenverrückten. Denn die Mühle Steenblock betreibt er hauptberuflich. „Wir haben einen Weg gefunden, die Mühle mit der Produktion von Tierfutter wirtschaftlich zu betreiben“, erklärt Steenblock. Jede Mühle müsse aber ihren eigenen Weg finden.
Im 18. Jahrhundert gab es in Deutschland etwa 15.000 gewerblich betriebene Windmühlen. Heute sind gerade einmal vier davon übrig geblieben, die ausschließlich mit Wind betrieben werden. Neben der Mühle Steenblock gehört die Mühle in Ruttel bei Neuenburg (Friesland) dazu. Sie mahlt neben Tierfutter auch Mehl und betreibt mit der Kraft des Windes ein Sägewerk. Meyers Windmühle in Bardowick bei Lüneburg mahlt neben Futtergetreide auch Mehl für die eigene Backstube, den Naturkostladen und das Mühlen-Café. Ganz auf Mehl, wie Benny Hörrmann es sich wünschen würde, setzt die Mühle „Kriemhild“ in Xanten am Niederrhein – dort entsteht Mehl für die eigene Backstube und den Bioladen.
Welches Konzept es für Benny Hörrmann am Ende sein wird, ist noch offen. Ob er seinen Traum verwirklichen kann und Windmüller im Norden wird, ebenfalls – auch wenn er an kaum noch etwas anderes denken kann. Auf dem Galerieboden der Mühle Steenblock blickt Hörrmann gedankenverloren auf die am kleinen Fenster vorbeiziehenden Mühlenflügel. Sie tauchen den Raum in einen Wechsel von Licht und Schatten. „Es gibt kaum etwas Schöneres“, sagt der 28-Jährige. Seit er in Ostfriesland angekommen ist, hat Benny Hörrmann ein bestimmtes Bild im Kopf: wie er mit der kleinen Mühle, die er als Kind mit seinem Großvater gebaut hat, nach Norddeutschland zieht. Wenn er seine Windmühle gefunden hat, wird er die Mini-Mühle dort aufstellen. Dann soll dieses Erinnerungsstück sich mit der großen Mühle um die Wette drehen.