Heide/Kiel  Northvolt-Krise weitet sich: Konzern stellt Insolvenzantrag in Schweden

Martin Schulte, Oliver Tobolewski-Zarina
|
Von Martin Schulte, Oliver Tobolewski-Zarina
| 12.03.2025 08:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Auch in Schweden insvolvent: Northvolt. Foto: dpa/Britta Pedersen
Auch in Schweden insvolvent: Northvolt. Foto: dpa/Britta Pedersen
Artikel teilen:

Nach dem Insolvenzverfahren in den USA hat Northvolt jetzt auch in Schweden Insolvenz angemeldet. Ein weiterer Rückschlag für den Standort Heide in Schleswig-Holstein.

Die Northvolt-Krise weitet sich aus. Heute Morgen sei Northvolt Germany darüber informiert worden, dass die Muttergesellschaft Northvolt AB in Stockholm einen Antrag auf Insolvenz nach schwedischem Recht gestellt hat, heißt es von Unternehmensseite. „Vorausgegangen waren intensive Verhandlungen mit interessierten Investoren, die aufgrund der angespannten Finanzlage nicht mehr rechtzeitig abgeschlossen werden konnten“, sagte ein Unternehmenssprecher.

Die Northvolt Drei Project GmbH sei als eigenständige GmbH nicht Teil des Insolvenzantrags und stehe in Kontakt mit dem nun eingesetzten Verwalter für Northvolt AB in Schweden. Der Betrieb in Deutschland werde fortgesetzt. „Northvolt Germany hat die Bundes- und Landesregierung über alle Entscheidungen unterrichtet und steht in engem Austausch mit allen Akteuren“, sagte der Sprecher.

Den engen Austausch bestätigt das Bundeswirtschaftsministerium auf Nachfrage: „Wir sind kontinuierlich mit allen Beteiligten im Austausch und arbeiten an einer guten Lösung für Heide.“ Nun sei es die Aufgabe des Insolvenzverwalters, das Unternehmen neu aufzustellen. „Northvolt ist nach wie vor das europäische Unternehmen, das am weitesten vorangeschritten ist bei der großskaligen Herstellung von Batterien“, so das Bundeswirtschaftsministerium. Eine Batteriezellfertigung aufzubauen, sei im strategischen Interesse Deutschlands und Europas. Der Produktionshochlauf hingegen finde europaweit aktuell jedoch in einem schwierigen Umfeld statt.

Seit November befindet sich Northvolt in einem Insolvenzverfahren in den USA, dem sogenannten Chapter 11.  Bei diesem Verfahren haben Firmen die Möglichkeit, ihre Geschäfte fortzusetzen, sind vor Gläubigern geschützt und haben Zeit, frisches Geld zu beschaffen. Dies gelang dem Unternehmen offenbar nicht. Das Unternehmen sei nicht in der Lage, den Betrieb in seiner derzeitigen Form weiterzuführen, heißt es weiter. Das schwedische Start-up soll bisher Schulden in Milliardenhöhe angehäuft haben.

Die Krise des Batteriezellenherstellers spürt auch der deutsche Steuerzahler. Bund und Land hatten für eine Wandelanleihe der KfW-Bank mit 600 Millionen Euro plus Zinsen gebürgt – und haben im Dezember die Summe des Kredites beglichen. 

Die Insolvenz habe sich abgezeichnet, sagt Kai Tange (SPD), Bürgermeister von Lohe-Rickelshof, einer der beiden Gemeinden auf deren Gebiet das deutsche Werk gebaut wird. Auch wenn es eine eigene Finanzierung der Fabrik nahe Heide (Kreis Dithmarschen) gebe, sei es ein Problem, wenn die Muttergesellschaft Insolvenz anmelde. „Die Frage ist, wie kriegen die es hin, wenn es einen Nachschussbedarf gibt.“ Seine Hoffnung für das Werk schwinde, sagt er und schiebt hinterher: „Es ist ein großes Finanzvolumen mit negativen Vorzeichen.“

Heides Bürgermeister Oliver Schmidt-Gutzat (SPD) ist nach wie vor guter Dinge, dass vor den Toren der Kreisstadt eine Fabrik stehen wird. „Northvolt sagt, sie bauen weiter. Und wir sind von unserem Standort überzeugt“, sagt er auf Nachfrage - und ergänzt: Es gebe auch weiterhin konkrete Anfragen von anderen Unternehmen, sich in der Region anzusiedeln. Das stimme ihn optimistisch.

Thomas Bultjer, Leiter der IHK-Geschäftsstelle Dithmarschen, bleibt ebenfalls Optimist. Er glaubt weiterhin daran, dass es eine Batteriezellenfabrik an der Westküste geben wird - ob unter der Flagge von Northvolt oder einer anderen, werde das Insolvenzverfahren der Muttergesellschaft, von der die deutsche Tochter nicht betroffen ist, zeigen.

„Die Story stimmt nach wie vor: Es gibt einen Bedarf an Batterien“, sagt Bultjer. Deren Produktion in Europa sei wichtig, damit Lieferketten weniger anfällig seien - und der Vorteil von Dithmarschen ist: „Hier gibt es ein begonnenes Projekt, eine Genehmigung und Geld im Topf.“

„Ich kann mir vorstellen, dass Northvolt in Heide am Ende in chinesischer Hand sein wird“, sagte kürzlich Moritz Schularick, Präsident des Kiel Institut für Weltwirtschaft, unserer Zeitung.  So lange die Produktion in Deutschland liege, könne man bezüglich der Eigentümerstrukturen entspannt sein: „Entscheidend ist dabei, sich nicht zu abhängig zu machen, sondern dass Softwareentwicklungen und Produktionsprozesse transparent laufen.”

Dann, so Schularick, sei es egal, ob das Werk in Deutschland Chinesen oder Indern oder Belgiern gehöre. Der IfW-Präsident würde das Modell, das China an die weltwirtschaftliche Spitze geführt hat, gerade bei den Zukunftstechnologien nach Deutschland holen: „Ich habe schon oft gesagt, dass wir das Prinzip, dass die Chinesen groß und stark gemacht hat, umkehren müssen: Also Joint Ventures zu gründen, bei denen der Technologietransfer Teil der Zusammenarbeit ist.”

Ähnliche Artikel