Vertrauliche Geburten Anonym, aber in Sicherheit
Wenn von dem Kind niemand erfahren soll: Seit zehn Jahren können Mütter unter Pseudonym in der Klinik entbinden. Das gilt als Alternative zur Babyklappe. Aber wird das in der Region überhaupt genutzt?
Papenburg - Nicht immer entscheiden sich Mütter oder Eltern dafür, ihr Kind nach der Geburt zu behalten, und geben es zur Adoption frei. Manchmal befindet sich eine Mutter jedoch so unter Druck, dass sie nicht möchte, dass überhaupt jemand von der Geburt erfährt.
Als sichere Alternative zu heimlichen Geburten zu Hause und zu den Babyklappen gibt es seit 2014 die Möglichkeit zur vertraulichen Geburt. Dabei bringen Mütter ihr Kind in der Klinik zur Welt – sicher und ohne dafür ihren Namen nennen zu müssen.
Vertrauliche Geburt – was bedeutet das?
Bei einer vertraulichen Geburt erhält die Mutter ein Pseudonym und bleibt vor, während und nach der Entbindung anonym. Gleichzeitig erhalten sie und ihr Kind in der Klinik ihrer Wahl die medizinische Betreuung, die sie benötigen. So sollen andere Angebote abgelöst werden, wie etwa die Babyklappen, in denen Kinder seit dem Jahr 2000 anonym abgegeben werden können. Die Babyklappen sind rechtlich umstritten, da den Kindern das Recht auf das Wissen um ihre Herkunft verwehrt wird und die Geburt heimlich zu Hause und mit einem größeren gesundheitlichen Risiko abläuft. Eingeführt wurden die Babyklappen, um Kindstötungen und das Aussetzen von Säuglingen zu reduzieren.
Bei der vertraulichen Geburt können Frauen sicher entbinden, auch wenn sie sich in einer derartigen Notlage befinden, dass sie ihr Kind zur Adoption freigeben wollen – und zudem niemand von dem Baby erfahren soll. Anders als bei einer anonymen Geburt werden bei der vertraulichen Geburt die Daten der Mutter verwahrt und das Kind kann diese nach 16 Jahren einsehen.
Nur wenige vertrauliche Geburten in Deutschland
Oft kommt das nicht vor. In ganz Deutschland werden pro Jahr durchschnittlich 110 Kinder vertraulich entbunden. Diese Zahl ist jedoch deutlich höher als die Zahl der Babys, die in Babyklappen abgegeben werden: etwa zehn pro Jahr sind es geschätzt. Alle Geburtskliniken sind dazu verpflichtet, eine vertrauliche Geburt zu ermöglichen. Auch ostfriesische Kliniken bieten sie also an. Jedoch habe man mit vertraulichen Geburten noch keine Erfahrungen gemacht, heißt es etwa aus Aurich und Leer auf Anfrage.
Dietrich Rothe, Chefarzt der Gynäkologie und Geburtshilfe am Borromäus-Hospital Leer, teilt der Redaktion mit: „Die Nachfrage nach einer vertraulichen oder anonymen Geburt ist so gering, dass damit bisher keine konkreten Erfahrungen bei uns bestehen. (...) Dennoch gibt es in unserem Haus festgeschriebene Prozesse, die greifen, insofern eine vertrauliche Geburt gewünscht wird. Diese orientieren sich an den gesetzlichen Vorgaben.“
Hilfsangebote und Informationen für Schwangere
Beratungen sollen Hilfen für das Leben mit Kind aufzeigen
Die gesetzlichen Vorgaben sind klar: Einer vertraulichen Geburt geht immer ein Gespräch in einer anerkannten Beratungsstelle voraus, in der Region wäre das etwa bei Pro Familia, der Caritas oder Donum Vitae. Dies ist auch verpflichtend, wenn sich eine Frau für einen Schwangerschaftsabbruch entscheidet. In den Beratungsgesprächen geht es darum, der Mutter zunächst „Hilfestellung anzubieten, so dass sie sich für ein Leben mit dem Kind entscheiden kann“, heißt es dazu im Schwangerschaftskonfliktgesetz. „Eine vertrauliche Geburt wird erst dann in Erwägung gezogen, wenn eine schwangere Frau in der Beratung andere ihr angebotene Handlungsmöglichkeiten ausgeschlossen hat“, formuliert das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in einer Handreichung aus – und betont: „Gründe hierfür sind oft als besonders schwierig empfundene Lebenssituationen und/oder eine Gefahr für das eigene Wohlergehen.“
Manchmal ist die Not zu groß, um ein Kind zu behalten
Etwa jede dritte Schwangerschaft in Deutschland ist ungeplant, ausdrücklich ungewollt sind laut Statistiken etwa 15 Prozent aller Schwangerschaften. Ein Abbruch kommt aber nicht immer in Frage. Zum Beispiel wenn die Schwangerschaft länger als 12 Wochen besteht oder eine Frau zu spät merkt, dass sie schwanger ist. Viele Frauen entscheiden sich dennoch für ihr Kind.
Entscheidet sich eine Mutter dafür, ihr Kind nach der Geburt zur Adoption freizugeben, sei das immer eine Entscheidung aus der Not heraus, so Anja Grönninger von Pro Familia in Emden. „Dass Frauen das sagen: ‚Ich gebe mein Kind zur Adoption frei.‘ Da muss der Leidensdruck schon groß sein“, sagt sie. „Oft spielt Gewalt eine Rolle oder die Familie darf nicht erfahren, dass die Frau ein Kind von XY bekommt.“ Der Adoption hänge außerdem oft noch ein Stigma an, weiß sie. „Wenn man schwanger ist, bekommt das Umfeld das mit. Deshalb gibt es manche Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch dann vornehmen lassen.“
Nach 16 Jahren hat ein Kind das Recht zu erfahren, woher es kommt
Im Marienhospital in Papenburg kann sich die Leitende Hebamme Anne Gerdes von 573 Geburten im Jahr 2024 nur an eine erinnern, der eine Adoption folgte. Und nur einmal in den fünf Jahren, die sie im Marienhospital arbeitet, sei bisher der Fall eingetreten, dass eine Mutter ihr Kind vertraulich oder anonym gebären wollte, erzählt sie im Gespräch mit der Redaktion. Am Ende habe die Mutter sich aber doch für ihr Baby entschieden. Den Fachkräften im Krankenhaus geht eine Situation, in der ein Baby zur Adoption freigegeben wird, immer nah, so Anne Gerdes. „Natürlich berührt einen das Thema“, sagt sie.
Die Zahlen der Kinder, die zur Adoption freigegeben werden, sind in Deutschland seit den 90er Jahren stark gesunken. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Weniger Kinder werden geboren, junge Menschen sind besser über Verhütungsmethoden informiert und mehr Eltern entscheiden sich statt zur Adoption für Pflegeeltern, um den Kontakt zu ihrem Kind nicht aufzugeben.
Die Mutter kann sich auch noch nach der Geburt umentscheiden
Aber auch eine vertrauliche Geburt muss kein Abschied für immer sein. Für die Mutter wird ein Pseudonym festgelegt, ihr wahrer Name, ihr Geburtsdatum und Wohnort werden in einem Umschlag versiegelt, erklärt Heike Kruse von Donum Vitae Emsland in Papenburg. Dieser wird nach der Geburt vertraulich beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben verwahrt. Nach 16 Jahren hat ihr Kind das Recht, diese Daten einzusehen und mehr über seine Herkunft zu erfahren. Will eine Mutter dann noch immer ihre Daten vor dem Kind zurückhalten, muss sie dies gut begründen. Das Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung ist ein Grundrecht.
Mit der Entbindung setzt die elterliche Sorge aus. Zuständig für das Baby ist jetzt das Jugendamt. Wenn eine Mutter ihr Baby nach der Geburt in den Arm nehmen möchte, sei das natürlich erlaubt, so Anne Gerdes. Noch nach der Geburt hat die Mutter die Möglichkeit, sich doch für ihr Kind zu entscheiden. „Solange das Adoptionsverfahren noch nicht abgeschlossen ist“, sagt Heike Kruse. „Ob das Kind dann aber tatsächlich zu ihr zurückkommt, entscheidet das Familiengericht. Hier steht immer das Kindeswohl im Vordergrund.“ Das Kind entwickle ja in Obhut eine Bindung zur neuen Familie. Zudem ist es möglich, dem Kind Nachrichten über die Adoptionsstelle zukommen zu lassen.
Mütter stehen unter enormem Erwartungsdruck
Der Mythos, dass jede Frau glücklich sein sollte, wenn sie von ihrer Schwangerschaft erfährt, hält sich nach wie vor hartnäckig, auch in Ostfriesland, wie Anja Gröninger von Pro Familia in Emden erzählt. Besonders das Klischee der „Rabenmutter“ setze Frauen, die ihr Kind zur Adoption freigeben wollen, unter enormen Druck. Deshalb seien ein Hadern mit der Schwangerschaft, Ängste oder ein nicht vorhandener Kinderwunsch oft auch mit viel Scham verbunden, so Anja Grönninger. „Das erleben ja auch Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch machen. Das ist ein sehr emotionales Thema: Eine Mutter gibt ihr Kind ab.“ Das verleite schnell zu Urteilen im Umfeld. Dabei sei dies vielmehr ein Akt der Sorge um das Kind: „Eine Frau gibt ihr Kind ab, damit es gut versorgt ist“, so Grönninger. Zum Beispiel wenn man ganz alleine sei, keine Unterstützung erhalte oder Gewalt in der Familie existiere.
Heike Kruse und Anne Gerdes können bestätigen, dass Frauen von einer ungewollten oder ungeplanten Schwangerschaft psychisch so belastet sein können, dass sie die eigene Schwangerschaft verdrängen und sogar „vergessen“, wie Anne Gerdes berichtet. Es seien schon Frauen zur Entbindung gekommen, die ihren Bauch vor dem Umfeld monatelang geheim gehalten haben. Wer in so einer Situation sei, habe oft schon kein gutes soziales Netz, das einen auffange, sagen die Expertinnen. Umso wichtiger sei es, dass Frauen wissen, dass es in der Region viele Hilfsangebote und die Möglichkeit zur vertraulichen Geburt gibt. „Jede vertrauliche Geburt ist ein Gewinn“, sagt Heike Kruse – wenn die Alternative wäre, dass das Kind anonym ausgesetzt oder im schlimmsten Fall getötet würde. „In der Klinik werden Mutter und Kind aufgefangen.“ Und auch nach der Geburt sei die Beratungsstelle noch ein Ort, an dem man sprechen könne.