„Hunde müssen draußen bleiben“ Einkauf mit Assistenzhund gleicht einem Spießroutenlauf
Silke Wagner ist aufgrund einer körperlichen Behinderung auf einen Assistenzhund angewiesen. Ihr Hund ist ihre Lebensversicherung – aber Dasdi soll fast überall in Ostfriesland vor dem Laden warten.
Esens/Burhafe - Für Silke Wagner ist jeder Einkauf eine Herausforderung auf so vielen Ebenen: Als Frau mit einer Körperbehinderung ist sie bei manchen Dingen, die für andere alltäglich sind, auf Unterstützung angewiesen. Die erhält sie von ihrem Assistenzhund Dasdi. Der Spanische Wasserhund ist immer an ihrer Seite, auch bei ihrem Einkauf im Esenser Combi-Markt an diesem Vormittag. „Wir gehen links“, gibt sie dem acht Jahre alten Rüden ein Kommando. Er weicht ihr nicht von der Seite, während beide Gang für Gang abgehen. Nach und nach füllt sich der Flechtkorb, den Wagner im Arm hält. Eine Tüte Kürbiskerne fällt zu Boden – nun ist Dasdi gefragt. Seine 55 Jahre alte Besitzerin ist nach einer Operation nicht mehr in der Lage, etwas selbst vom Fußboden aufzuheben.
Ein Paar nähert sich der Frau und ihrem Vierbeiner. Silke Wagner sieht, wie es ihren Hund ins Visier nimmt, und sagt freundlich, aber bestimmt: „Sprechen Sie ihn bitte nicht an. Er ist im Dienst.“ Ein freundliches Nicken, ohne ein Wort ziehen die beiden weiter. Kurz darauf an der Wursttheke hat Dasdi mit einem wachsamen Auge auf sein Frauchen und die Menschen in der Umgebung Position bezogen, während Silke Wagner darauf wartet, dass ihre Nummer aufgerufen wird. Wie sie steht auch Malte Lindemuth an. Interessiert erkundigt der Esenser sich bei Silke Wagner nach Dasdis Aufgaben – und wie man sich Hunden wie ihm gegenüber verhalten sollte, wenn man ihnen begegnet.
Assistenzhund wird oft der Zutritt verweigert
Er habe erst vor Kurzem ein Video über Assistenzhunde gesehen, erzählt er auf Nachfrage. Ein lebendiges Exemplar hingegen habe er bisher noch nicht gesehen. Es folgt ein kurzes Gespräch, wie es Silke Wagner zufolge eine Seltenheit ist: Lindemuth ist freundlich und zugewandt. Die 55 Jahre alte körperbehinderte Frau hatte sich an diese Zeitung gewandt, weil sie mit ihren Nerven am Ende war: Seit ihrem Umzug 2020 nach Ostfriesland habe sie unzählige negative Erfahrungen vorrangig im Einzelhandel gesammelt – und besuche nur diesen einen Laden regelmäßig, weil es hier anders sei. Im Combi könne sie ohne Diskussionen einkaufen gehen.
In anderen Läden in Esens und auch in Wittmund seien Dinge passiert, die teilweise nicht nur diskriminierend, sondern auch beleidigend für die aus dem Saarland stammende Frau gewesen seien: Eine Kassenkraft habe ihr den Zutritt zu einer Esenser Verkaufsfläche verwehrt. „Der Mann hat mir gesagt: ‚Sie können sich ja eine männliche Begleitung suchen.′‘‘ Sie habe auf Dasdis Geschirr verwiesen und auch seinen Dienstausweis vorgezeigt. „Das interessiere ihn nicht, hat er daraufhin gesagt. Er würde seinen Köter ja auch nicht mitbringen.“ Wagner schrieb die Zentrale der Kette an. Die bestätigte ihr, dass sie im Recht sei und natürlich mit ihrem Assistenzhund an ihrer Seite dort einkaufen könne.
Ist Ostfriesland behindertenfeindlich?
Die Realität in Ostfriesland aber ist eine andere. Die Mitarbeiter wissen oft nicht, dass Hund nicht gleich Hund ist, schildert die 55-Jährige. Schilder wie „Hunde müssen draußen bleiben“ gelten für ihn nicht. Ein Assistenzhund wie ihr Spanischer Wasserhund darf rein, wo seine Artgenossen draußen warten müssen. Silke Wagner kennt die Region seit ihrer Kindheit: „Für mich war Ostfriesland immer ein Teil Heimat. Ich habe Ostfriesland als freundlich kennengelernt.“ Was sie jetzt aber hier erlebt, lässt sie verzweifeln. „Wenn ich noch mal die Wahl hätte – ich glaube, ich würde hier nicht mehr herziehen.“ In ihrer früheren Heimat habe man nie mit einer derartig ablehnenden Haltung auf sie und ihren speziell trainierten Vierbeiner reagiert. Ein Lichtblick sind die meisten junge Leute: „Die sind offener.“ Und Kinder: „Ich liebe Kinder. Die sind trocken, ehrlich.“ Abwertende Blicke würden die nicht werfen. „Die fragen einfach.“
Der Rüde Dasdi gibt der körperbehinderten Frau Sicherheit. Der Mobilitätsassistenzhund hebt ihr nicht nur Dinge auf, die herunterfallen. Silke Wagner lebt beispielsweise in ständiger Angst davor, dass ihr jemand zu nahe kommen und sie anrempeln könnte. Dasdi schirmt sie ab, passt auf sie auf: „Er ist meine Lebensversicherung.“ Zunehmend muss nun ihr Sohn Christian die Einkäufe übernehmen. Silke Wagner ziehe sich aufgrund des Erlebten immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück.
Nach einem Sturz war alles anders
Im Jahr 2015 war von jetzt auf gleich alles anders: „Ich bin die Kellertreppe heruntergefallen – weil meine Beine nachgegeben haben.“ Erst danach hätten die Ärzte die Veränderungen in ihrem Rücken entdeckt. Bei einer Untersuchung im MRT wurde eine genetisch bedingte Veränderung der Wirbelsäule diagnostiziert, schildert sie. Die Wirbelbögen fehlen, somit fehlt den Wirbelkörpern der notwendige Halt. Drei Rückenwirbel waren instabil. „Der untere Lendenwirbel hatte sich um fünf Millimeter verschoben.“ Silke Wagner wurde operiert, ihre Wirbelsäule wurde versteift.
Schon als Kind habe sie Gelenkrheuma gehabt, erläutert sie. „Meine Gelenke sind generell schwächer ausgebildet.“ Bis zum alles verändernden Sturz habe sie ihr Leben gelebt. „Ich bin ein Workaholic.“ Wagner hatte ein erfülltes Leben: die eigene Fußpflegepraxis, ihre Familie und viel Sport. „Ich bin tanzen gegangen, ich war fröhlich. Ich bin Motorrad gefahren. Mein Leben war bis zu diesem Zeitpunkt normal.“ Jetzt aber habe sie acht Schrauben, verschiedene Titanstäbe und mehr medizinisches Zubehör in ihrem Rücken verbaut, berichtet sie. Ihr linkes Bein sei taub, beide Füße seien taub, ebenso die Hände. „Ich kann kaum greifen. Darum ist der Assistenzhund für mich auch so wichtig.“ Anfangs war nicht einmal klar, ob sie je wieder würde gehen können.
„Der Rollstuhl war für mich keine Option“
Es folgten Wochen in der Reha. „Ich habe mich mit viel Kraft und Willen wieder auf die Beine gestellt. Der Rollstuhl war für mich keine Option. Wenn ich irgendwann im Rollstuhl sitze, hab ich mich aufgegeben.“ Erst benötigte sie noch einen Rollator, dann irgendwann nicht mehr. Manches geht wie früher, anderes aber nicht. Diese körperlichen Einschränkungen gleicht ihr Hund aus. Dasdi hat beispielsweise gelernt, seiner Besitzerin die Strümpfe an- und auszuziehen. Und er ist bedingungslos für Silke Wagner da. „Das ist mein Seelenhund“, schwärmt sie. Doch Dasdi hatte einen Unfall – und muss aufgrund eigener gesundheitlicher Einschränkungen in absehbarer Zeit in Rente gehen. Noch vor wenigen Wochen wurde er von einem zweiten Assistenzhund, der Spanischen Wasserhündin Amber, unterstützt. So konnten sich die beiden Tiere die Aufgaben teilen, waren abwechselnd im Einsatz. Doch Amber hatte Krebs und musste eingeschläfert werden.
Der Verlust ihrer Herzenshündin wiegt noch schwer für Silke Wagner. Für sie ist es an der Zeit, einen neuen Hund an die Aufgaben als Assistenzhund heranzuführen, um langfristig eigenständig zu bleiben. „Ich stehe auf der Warteliste eines Züchters.“ Dasdi kennt sein Frauchen seit der Welpenzeit. Seine Züchterin hatte es noch am Tag seiner Geburt kontaktiert. „Er war der Kleinste, der Schwächste, der Zurückhaltendste im Wurf.“ Schon die Prägung eines Assistenzhundes verlaufe anders als bei normalen Hunden, erklärt Silke Wagner. Die Ausbildung beginnt, wenn der Verbeiner etwa ein halbes Jahr alt ist. Dasdi habe sie selbst ausgebildet. Die Kosten für Lehrgänge, Prüfungen und mehr beziffert sie auf rund 35.000 Euro. Eine Menge Geld für einen Hund, der letztlich immer wieder draußen vor dem Laden warten soll – anstatt den Job zu machen, für den er ausgebildet wurde.
Für heute ist der Einkaufskorb von Silke Wagner voll, ihr persönlicher Akku leer. Der Einkauf strengt sie an, reibt sie trotz tierischer Unterstützung auf. Sie zahlt ihre Waren an der Kasse und steuert erleichtert ihr Fahrzeug an. Dasdi klettert über eine Rampe in den Kofferraum – doch Silke Wagner selbst kann die Fahrertür nicht erreichen. Der Fahrer neben ihr hat keine 30 Zentimeter Platz zu ihrem abgestellten Auto gelassen. Es braucht rund zehn Minuten und mehrere Durchsagen im Markt, bis endlich der vielleicht 60 Jahre alte Halter des Wagens auftaucht – und trotz freundlicher, aber bestimmter Konfrontation einfach ohne ein Wort des Bedauerns einsteigt und wegfährt. Kopfschütteln und Unverständnis bei Silke Wagner. Aber auch Resignation. Auch solche Situationen kennt sie zur Genüge, sagt sie, bevor sie endlich in ihren Wagen steigen kann.