Kolumne „Digital total“ Das Wissen der Konzerne ist Macht
Die Abhängigkeit der Menschen von den großen Tech-Konzernen ist beängstigend. Doch vielen ist gar nicht bewusst, wie stark die Macht der Konzerne ist, meint unser Kolumnist.
Ich habe schon in der vergangenen Woche darüber geschrieben, warum mir das Recht auf nicht-digitale Teilhabe am öffentlichen Leben so wichtig ist und warum ich glaube, dass wir Gesetze brauchen, die uns Bürgern das Leben in diesem Staat ohne Computer und Smartphone ermöglichen. Diese Meinung kommt nicht daher, dass ich gegen Technologie und Fortschritt bin. Ganz im Gegenteil: Ich lebe und arbeite – seit ich sechs Jahre alt bin – jeden Tag mit digitaler Technik. Seit der Jahrtausendwende habe ich jede neue Digitaltechnik, von der ich höre, so schnell es mir möglich ist, ausprobiert.
Zur Person
Fabian Scherschel, geboren in Duisburg und nun in Düsseldorf lebend, arbeitete bis 2019 als Redakteur für das Tech-Portal Heise-Online und für die Tech-Newsseite „The H“ in London. Als Freiberufler schreibt er unter anderem für das Magazin „c’t“. Mittlerweile hat der begeisterte Podcaster sein eigenes Projekt: fab.industries. Fernseh- und Radiosender schätzen ihn als Experten.
Vor allem das Smartphone (ich war früher Nutzer sowohl seines Vorgängers des PDAs, als auch des ersten, revolutionären iPhones) hat dazu geführt, dass Konzerne wie Apple und Google nicht nur unglaublich reich, sondern auch unglaublich mächtig geworden sind. Diese Firmen wissen, wo sich Milliarden Menschen jede Minute ihres Tages aufhalten und sie kontrollieren die Betriebssysteme und Apps, mit denen wir immer mehr unseres Lebens, unserer Arbeit und unserer Finanzen organisieren. Sie haben eine Macht über uns, von dem selbst die krassesten Ideologen des 20. Jahrhunderts nicht mal zu träumen wagten.
Allerdings ist dies nur den wenigsten Menschen bewusst. Ironischerweise posten selbst die schärfsten Kapitalismus-Kritiker dieser Tage ihre Meinung auf Instagram und organisieren ihre Proteste über WhatsApp. So sehr wie Marx in seinem Grab rotieren muss, ist es ein Wunder, dass der Grabstein in Highgate noch steht. Wir haben nichts aus unseren Erfahrungen mit Microsoft in den 1990ern gelernt. Es wird höchste Zeit, dass wir erkennen, wie viel Macht diese Konzerne über uns haben und da etwas gegen unternehmen. Aber stattdessen ist der deutsche Staat munter dabei, seinen Bürgern von der Schule bis ins Altenheim die Nutzung von Tablets und Handys vorzuschreiben, anstatt ihnen zu helfen, sich aus dieser Abhängigkeit zu befreien, wenn sie es wollen.
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