Koblenz Thomas Anders: Offene Worte über die frühe Zeit mit Modern Talking
Thomas Anders spielt die ersten sechs Alben von Modern Talking neu ein – ohne Dieter Bohlen. In seiner Heimat Koblenz spricht er sehr offen über die frühen Jahre des Duos.
Thomas Anders unternimmt eine musikalische Reise in seine eigene Jugend. Zum 40. Geburtstag der Platte hat er Modern Talkings „The 1st Album“ noch einmal neu aufgenommen. Bis Ende des Jahres sollen alle sechs Platten neu eingespielt sein, die Thomas Anders und Dieter Bohlen zwischen 1984 und 1987 herausgebracht haben – bis zur ersten Trennung ihres Duos also.
In seinem Koblenzer Büro empfängt Thomas Anders zum Interview. Im Gespräch berichtet er davon, wie er den frühen Ruhm erlebt hat und was er seinem jungen Ich heute raten würde.
Frage: Herr Anders, Sie nehmen die ersten sechs Alben von Modern Talking noch einmal auf. Was außer dem 40. Geburtstag des Duos, hat Ihnen Lust auf darauf gemacht?
Antwort: Es sind alle Alben der 80er – der drei Jahre also, bis Modern Talking sich zum ersten Mal getrennt hat. Die Vorstellung, dass zum Jubiläum das nächste Best-of, Very-Very-Best-of oder Ultimate-Best-of Album erscheint, fand ich langweilig. Dann hatten mein Produzent und ich die Idee, das komplette Frühwerk neu aufzunehmen, die ikonischen Sounds vom analogen Synthesizer wiederherzustellen und mit Klängen von heute zu verbinden.
Frage: Die Songs werden nicht zum ersten Mal neu eingespielt. 1998 zum Beispiel wurden die Hits zum Modern-Talking-Comeback um eine Rap-Stimme ergänzt.
Antwort: Ich trete ja weltweit mit den Songs auf und ich lasse auch alle zwei, drei Jahre mehr oder weniger das komplette Programm neu arrangieren. Bei den Konzerten soll das Publikum die Hits hören, aber im modernen Sound. Die Big Five – unsere fünf Nummer-1-Hits – werden bei jedem Konzert gespielt. Live lasse ich die Songs dann auch mal in Michael Jacksons „Billie Jean“ übergehen oder in „Cold Heart“ von Elton John und Dua Lipa.
Frage: Haben Sie jenseits der Big Five jetzt Songs wiederentdeckt, die Sie seit den 80er nicht mehr gespielt haben?
Antwort: Wiederentdeckt habe ich zum Beispiel „Locomotion Tango“. Den hatte ich nicht mehr auf dem Schirm, und den möchte ich auf jeden Fall im neuen Programm haben. Eigentlich schade, dass das nie eine Single wurde.
Frage: Geschrieben hat die Songs Dieter Bohlen. Haben die Neueinspielungen eine ähnliche Rolle wie bei Taylor Swift, die ihr Frühwerk aus einem Streit um die Lizenzen heraus neu eingespielt hat?
Antwort: Für die Songs bekommt Dieter Bohlen seine GEMA-Einnahmen. Alles andere, was Modern Talking betrifft, wird 50-50 aufgeteilt. Sagen wir es so: Am neuen Album hat Dieter Bohlen die GEMA-Rechte. Die Produktionsrechte und seine Gesangsrechte fallen jetzt raus.
Frage: Wer singt diesmal seine Stimme?
Antwort: Wenn Sie mir definieren können, wo Sie seine Stimme in den 80ern raushören, dann sage ich Ihnen, wer das jetzt singt. (Lacht.)
Frage: Mit welchen Gefühlen haben Sie bei der Arbeit Ihre eigene 21 Jahre alte Stimme gehört?
Antwort: Bei einigen Titeln war mir gar nicht mehr bewusst, dass ich die mal gesungen habe. Im Studio ist mir dann Folgendes passiert: Hinter der großen Glasscheibe guckt mich der Produzent am Mischpult an und ich höre mich sagen: Spiel das nochmal vor – wie hat er das gesungen? Ich habe in der dritten Person von mir gesprochen. Mein Produzent hat sich auf den Schenkel geklopft: Na, hör mal! Das bist Du! Unterbewusst habe ich wohl gemerkt, wie weit ich von dieser damaligen Person doch weg bin – mit 40 Jahren mehr Lebenserfahrung. Den Thomas Anders von früher sehe mit einem gewaltigen Abstand. Zugleich hat es mich sehr berührt. Im Album-Trailer gibt es diese KI-generierte Szene mit mir und dem jungen Thomas. Zu sehen, wie ich mein junges Ich umarme – das ist noch viel emotionaler, als wenn ich die Songs jetzt noch einmal so singe, wie ich sie früher gesungen habe.
Frage: Was würden Sie dem jungen Thomas Anders heute sagen?
Antwort: Alles wird gut. Das Leben hält ganz tolle Sachen für dich bereit, also genieße es. Der junge Thomas Anders, so empfinde ich es, sieht immer noch ein bisschen verunsichert aus. Unsicher mit dem, was kommt. So interpretiere ich heute, wie ich mich damals fühlte.
Thomas Anders trifft sein junges Ich: Der Trailer zum neu eingespielten Modern-Talking-Album:
Frage: Modern Talking wirkt wie ein Konzeptkunstwerk: Hier der elegante Sänger im Lackschuh, dort Dieter Bohlen mit Vokuhila und im Trainingsanzug. Haben Sie den Look des Duos selbst entworfen oder kam das von außen?
Antwort: Rückblickend ist es ein Faszinosum, dass aus Modern Talking überhaupt etwas wurde. Kein Mensch hatte daran geglaubt. Im Spätsommer 84 hatte ich gerade meine neunte deutsche Single aufgenommen, die von Dieter Bohlen produziert wurde. Dann sagte Dieter zu mir: Ich habe hier einen englischen Song geschrieben. Hast du zwei, drei Stunden, um das mal einzusingen? Du bist doch schnell. Das war „You’re My Heart, You’re My Soul“. Die Plattenfirma war mit dem Song einverstanden, wollte mich aber auf keinen Fall auf dem Plattencover haben. Ich war als deutscher Sänger aufgebaut worden. Ein englischer Song verwirrt da den Markt. Deshalb kam eine Grafik auf die Platte, die mit dem Turnschuh und dem Lackschuh. Dann war die Frage: Was ist es denn? Ein einzelner Sänger? Eine Band? Weil Duos angesagt waren, wurde es ein Duo. Und es war noch überhaupt nicht daran zu denken, dass Dieter der Zweite werden sollte. Der wollte nur Songs schreiben.
Frage: Und dann?
Antwort: „You’re My Heart, You’re My Soul“ wurde Ende September 84 veröffentlicht. Und wir haben 6000 Singles verkauft – also für damalige Zeiten nichts. Für die Top 75 brauchte man um die 30.000. Anfang Dezember stand fest: Das Thema ist gefloppt. Dann kam Weihnachten. Und nach den Ferien ploppte die Nachricht auf: Modern Talking hat 60.000 Singles verkauft. 60.000. Wir wussten, das heißt Charts. Wir wussten: Jetzt gehen wir ins Fernsehen und treten bei ‚Formel Eins’ auf. Das heißt, wir brauchen eine zweite Person. Da hatte die Plattenfirma die Idee, dass Dieter Bohlen das macht, da er den Song ja auch geschrieben und produziert hat. Und dann fragte meine Ex-Frau noch: Was zieht ihr bloß an?
Frage: Was denn?
Antwort: Wir haben uns daran orientiert, was angesagt war: Was zieht ein George Michael an? Was trägt Boy George? Nur Depeche Mode kamen für uns als Mode-Vorbild nicht in die Tüte – zu gruftig. (Lacht) Ich wollte mich bunt und glamourös gestalten. Dieter wollte nur seine Adidas-Anzüge. Weil er die umsonst bekam, wenn er sie im Fernsehen trug. Dann kam der erste Auftritt bei Formel 1. Nach vier Wochen waren wir Nummer 1 in Deutschland, nach ein paar Monaten in fünf, sechs europäischen Ländern, ein Jahr später in 81 Ländern der Welt. Ich weiß noch, was der Geschäftsführer der Plattenfirma zu mir sagte: Thomas, genieße die Nummer eins. Es ist die letzte in deinem Leben. Das habe ich geglaubt. Bis „You Can Win If You Want“ rauskam. Nummer 1. Und dann „Cheri, Cheri Lady“. Auch Nummer 1, und so ging es weiter.
Frage: Waren Sie dann mit Anfang 20 Millionär?
Antwort: Ja. Wobei ich überrascht war, als der erste Scheck kam. Das war ziemlich wenig. Ich hatte die Mechanismen noch nicht verstanden. Damals wurde halbjährig abgerechnet. Es dauerte eine Weile, bis die Erfolge ankamen. Ich habe mir dann einen großen Mercedes gekauft. Meine Ex-Frau hatte einen Porsche. Und das war’s erstmal. Wir hatten gar keine Zeit, richtig Geld auszugeben. Und mein Vater kam aus der Finanzverwaltung, der hat auch ein bisschen aufgepasst. Mental muss man dann erstmal verkraften, so plötzlich „heißer Scheiß“ zu sein. Als Teenie-Idol konnte ich nicht mehr in die Pizzeria oder die Eisdiele gehen. Ich habe bei Sonnenschein die Rollläden runtergezogen, damit niemand in die Wohnung fotografiert.
Frage: Was waren die schönsten Momente in dieser ersten Zeit?
Antwort: Dieter und ich haben uns nicht immer super verstanden, weiß Gott nicht. Die Musikauswahl und die Arbeit im Studio, das war eigentlich die schönste Zeit, die Dieter und ich miteinander verbracht haben. Da waren wir komplett auf einer Linie. Da gab es keine Diskussion. Vor jedem Album hat er ca. 50 Songs vorgelegt und 20 habe ich dann ausgewählt. Dann ist Dieter noch mal über die Auswahl „drüber“ und hat die zehn bis zwölf Songs fürs Album festgelegt. Am Anfang hat er mir Kassetten geschickt. Nach dem Comeback waren es CDs. Wie schon erwähnt: Harmonie herrschte aber nur im Studio und was Songs betraf. Bei allem anderen hatten wir immer eine andere Vorstellung. Wir sind einfach sehr unterschiedlich.
Frage: Der junge Thomas Anders wirkt wie eine Kunstfigur. Waren das trotzdem Sie selbst? Haben Sie da weiterentwickelt, was schon als Kind in Ihnen steckte? Oder war das eine Rolle?
Antwort: Nein, das Fundament war da. Ich bin in keine Rolle geschlüpft. Nie. Ich war immer der, der ich bin. Das zieht sich bis heute durch. Es fühlte sich nur insofern anders an, als man wusste: Man spielt auf internationaler Ebene. Da musste man vielleicht ein bisschen auffallender sein und die modischen Spielregeln der Konkurrenten beobachten. Meine Vorbilder waren u.a. Duran Duran. Hätte ich deutsche Vorbilder gehabt, wäre nicht Modern Talking herausgekommen.
Bei unserem Hausbesuch in Thomas Anders‘ Koblenzer Büro hat der Sänger den wichtigsten Modern-Talking-Song gekürt:
Frage: Waren Sie beide bei Modern Talking auf Augenhöhe? Oder hat Bohlen Ihnen das Gefühl gegeben, dass er Sie sozusagen erfunden hat?
Antwort: Fakt ist: Modern Talking sind beide, was Dieter nicht immer akzeptiert. Ohne meine Stimme wären die Songs keine Hits geworden. Und ohne seine Komposition wären sie auch keine Hits geworden. Es ist das Gesamtpaket.
Frage: Auf den Schulhöfen der 80er wurde Modern Talking intensiv gehört, aber auch veralbert. Man parodierte die Falsettstimme und sagte Sprüche wie diesen auf: „Cheri, Cheri Lady, Birgit kriegt ein Baby. Mach doch kein Theater. Boris ist der Vater.“ Können die Deutschen mit Ihren Stars nicht umgehen?
Antwort: Deutschland ist das einzige Land der Welt, wo Modern Talking so kontrovers diskutiert wird. In allen anderen Ländern der Welt zählt unsere Musik und zählen die Erfolge. Wir haben den deutschen Medien allerdings auch genügend Futter gegeben.
Frage: Dieter Bohlen hat mal gesagt: Den Text zum ersten Hit hat er schneller geschrieben, als er sich den Popo abwischt. Solche Sprüche stellen ihn als Genie da. Sie werten aber auch eine Musik ab, die auch Ihr Werk ist. Hat Sie das verletzt?
Antwort: Wer mit Dieter Bohlen zusammenarbeitet, der darf über seine Verletzlichkeit nicht nachdenken.
Frage: Modern Talking endete gleich zweimal im Zerwürfnis. Beim ersten Mal haben Sie aus der „Bild“ davon erfahren, beim zweiten Mal live auf der Bühne beim Tourauftakt in Rostock – vor 24.000 Leuten. Was ging da immer wieder schief?
Antwort: Bei der ersten Trennung ging es vordergründig um meine damalige Frau Nora, dann bei der zweiten Trennung war es eine US-Tour, die ich nach langem Hin und Her ohne ihn angetreten hatte. Ich denke, die eigentlichen Gründe waren aber andere. Modern Talking hat ihn einfach nicht mehr so interessiert. Ich war nie wirklich überrascht, wenn es zum Bruch kam.
Frage: Wieso haben Sie es nie geschafft, gemeinsam den Schlussstrich zu ziehen?
Antwort: Es konnte nicht gut gehen. Trotzdem bleibe ich dabei: Ich habe immer noch großen Respekt vor Dieters musikalischer Leistung.
Frage: Mit der Neueinspielung des Frühwerks überblicken Sie noch einmal Ihr ganzes Leben. Wie ist bis heute Ihre Bilanz?
Antwort: Seit ich ein Kind war, wollte ich auf der Bühne stehen und davon leben können. Das hat geklappt. Und wo ich mich wirklich zwicken muss, um es zu glauben: Nach 40 Jahren bin ich immer noch da. Ich glaube, das ist wirklich eine Leistung, auf die ich stolz sein darf. Vielleicht stolzer als auf die Goldene Schallplatten. Modern Talking war in meinem Leben ein großes Geschenk und ich habe das Beste daraus gemacht.