Osnabrück  Merz erhöht Pendlerpauschale, gut so! Wir Pendler sind besser als unser Ruf

Lucas Wiegelmann
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Von Lucas Wiegelmann
| 12.03.2025 16:48 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Viele Experten raten zu einer Abschaffung der Pendlerpauschale – CDU-Chef Friedrich Merz will sie lieber erhöhen Foto: Imago/Jens Schicke
Viele Experten raten zu einer Abschaffung der Pendlerpauschale – CDU-Chef Friedrich Merz will sie lieber erhöhen Foto: Imago/Jens Schicke
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Es heißt, wir belasten das Klima, produzieren Staus und wollen dafür auch noch Förderung vom Staat: Wir Berufspendler sind der Politik meist ein Dorn im Auge. Doch nun, mit der neuen Bundesregierung, könnten wir rehabilitiert werden. Es wäre höchste Zeit.

Vor lauter Aufregung um die vielen Schulden und die ganze Aufrüstung hatte das Land bisher schlicht noch keine Zeit, sich über einen ganz anderen Kulturschock zu echauffieren, der ebenfalls mit der mutmaßlichen nächsten Bundesregierung verbunden sein dürfte: Der deutsche Berufspendler, der seit Jahren eigentlich nur noch als personifizierter verkehrspolitischer Handlungsbedarf eine Rolle spielt, er steht kurz vor der Rehabilitierung.

Union und SPD haben nämlich angekündigt, die Pendlerpauschale nicht nur nicht, wie viele Experten schon lange fordern, abschaffen zu wollen. Sondern ganz im Gegenteil sogar zu erhöhen. Das mag klimatechnisch und Work-Life-Balance-mäßig vielleicht im ersten Moment verwirrend klingen. Ich drücke Friedrich Merz trotzdem die Daumen, dass er das so durchbekommt. Weil ich seit ziemlich genau einem Jahr nämlich selber ein Berufspendler bin, also einer von zwanzig Millionen. Und ich kann nur sagen: Wir sind vielleicht nicht perfekt. Aber zumindest besser als unser Ruf.

Zum Beispiel wird uns ja immer, weil die allermeisten von uns immer das Auto nehmen, aus ökologischen Gründen ans Herz gelegt, doch wenigstens mit dem öffentlichen Nahverkehr zur Arbeit zu fahren. Das würde auch die ständigen Staus reduzieren.

Aber mal abgesehen davon, dass der CO2-Ausstoß der Pendelei mit der fortschreitenden Elektrifizierung der Autoflotten kontinuierlich sinken wird: Gerade im ländlichen Raum gibt es die ÖPNV-Alternative bekanntermaßen in vielen Fällen gar nicht.

Mein Wohnort im ländlichen Nordwesten zum Beispiel hat keinen Bahnhof, obwohl hier knapp 15.000 Menschen leben. Der Pendler, duldsam und pragmatisch, verlegt sich angesichts dieser Missstände nicht aufs schlichte Lamentieren, sondern springt selber ein: Stellvertretend für den Staat, der Bus und Bahn nicht schnell oder gut genug aufgebaut bekommt, erbringt er die notwendige Mobilitätsdienstleistung kurzerhand selbst. Ist das wirklich so verachtenswert?

Aber wir könnten doch einfach näher an den Arbeitsplatz heranziehen, heißt es. Das ist sozusagen das Marie-Antoinette-Argument: Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen, und wenn ihnen das Pendeln zu aufwendig ist, sollen sie doch ein Haus in der Stadt kaufen.

Aber selbst wenn die Immobilienpreise das hergäben: Wäre das so toll, wenn alle nur noch in den Städten wohnten und keiner mehr weit draußen? Schon jetzt belasten Landflucht, Inflation und Online-Handel die Fußgängerzonen im ganzen Land. Ob die kleineren Orte nicht froh sind um jeden Pendler, der zwar keinen Job am Ort gefunden hat, aber trotzdem weiter dort wohnt, einkauft und Steuern zahlt?

Zumal gerade viele Pendler sehr bewusst wohnen, wo sie wohnen. Ich habe mal eine ADAC-Umfrage gelesen, wonach sich mehr als jeder zweite Pendler seinem Wohnort „emotional verbunden“ fühlt und das Pendeln dafür halt in Kauf nimmt. Das ständige Wegfahren wäre demnach paradoxerweise in Millionen von Fällen geradezu ein Ausdruck der Sehnsucht, möglichst viel zu Hause zu sein: Pendeln ist Heimat.

Ich jedenfalls habe mich in der Umfrage wiedergefunden. Jahrelang habe ich in großen Städten gelebt und war nach zehn Minuten Fahrradweg im Büro. Aber ich habe mich noch nie so angekommen gefühlt wie jetzt, da ich mindestens drei Mal die Woche mit dem Auto ins Büro fahren muss, morgens eine Stunde und abends eine Stunde. Bestimmt würde sich das nicht einmal ändern, wenn es irgendwann keine Pendlerpauschale mehr gäbe. Aber ich will Friedrich Merz da natürlich jetzt nicht mehr reinreden.

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