Osnabrück Humanist und Demokrat: Heinrich Manns Plädoyer für eine Politik der Güte
Kommt er aus dem Schatten seines berühmteren Bruders jemals ganz heraus? Heinrich Manns Bild bleibt auf Romane wie „Der Untertan“ beschränkt. Dabei lohnen andere Romane und seine Essays die Wiederentdeckung. Eine Zeitreise.
Für das ganz große Gedenken kommt er immer noch nicht in Frage. Im Jahr 2025 feiert die Öffentlichkeit den 150. Geburtstag Thomas Manns. Wenn am 11. März 2025 hingegen dem 75. Todestag seines Bruders Heinrich zu gedenken ist, versammelt sich nur eine kleine Abordnung der Berliner Akademie der Künste am Grab des Autors von Roman wie „Der Untertan“ und „Professor Unrat“ auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof. Ein Kranz, etwas Musik, Dichterworte. Eine kleine Zeremonie, während draußen auf der Chausseestraße der Verkehr vorüberrauscht.
Ariane Martin hat sich für den Anlass schon Zitate zurechtgelegt. Eines klingt verblüffend aktuell. „Die Welt schlief gelähmt wie in Nächten ihrer ausgebrochenen Katastrophen, wenn auch wir müde sind und das Wort niederlegen.“ Mit diesem Satz schließe Heinrich Manns letzter, 1949 publizierter Roman „Der Atem“, berichtet Martin, Professorin für Germanistik an der Universität Mainz und Präsidentin der Heinrich-Mann-Gesellschaft.
„Thomas Mann ist im Grunde ein Konservativer geblieben. Heinrich Mann war von Grund auf Humanist“, charakterisiert Ariane Martin die politischen Grundhaltungen dieses berühmtesten Brüderpaars der deutschen Literatur. Thomas Mann wird derzeit im Hinblick auf den erstarkenden Rechtspopulismus als politischer Autor neu entdeckt. Heinrich Mann wurde allzu lange nur als politischer Autor gesehen. Während die DDR versuchte, Heinrich Mann für sich zu vereinnahmen, machte die westdeutsche Germanistik einen Bogen um ihn. Das beeinflusst das Leseverhalten bis heute.
Geboren mit der deutschen Reichsgründung 1871, gestorben kurz nach der Gründung der beiden deutschen Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg, am 11. März 1950: Heinrich Manns Lebensspanne umgreift historische Wendepunkte. Sein Werk fokussiert jene ideologischen Strukturen und kollektiven Mentalitäten, die autoritäre Regime möglich machten. Welcher Roman böte eine brillantere Analyse des autoritären Charakters als der 1918 publizierte „Der Untertan“?
Dessen Hauptfigur Diederich Heßling bietet das Musterbild des kleinen Autokraten, der die Gewalt verherrlicht – jene, die er ausübt, und jene, die ihm angetan wird. Der Mangel an bürgerlichem Lebensgefühl, an ziviler Courage, dieser Grundfehler des Untertanen gewinnt in der Figur des Heßling verblüffend präzises Leben. „Nirgends liegen zwischen den Klassen solche Eisberge von Fremdheit. Man liebt einander nicht und liebt nicht den Menschen. Die Monarchie, der Herrenstaat ist eine Organisation der Menschenfeindschaft und ihrer Schule“, beschreibt Heinrich Mann in seinem Essay „Geist und Tat“ das deutsche Kaiserreich.
Wer weiß heute noch, dass der Autor parallel zu seinem „Untertan“ auch dessen positives Gegenentwurf beschreibt? In seinem Roman „Die kleine Stadt“ evoziert Heinrich Mann das mediterrane Gegenbild zur preußischen Kälte, ein Gemeinwesen als Sinnbild einer republikanischen Gesellschaft. „Heinrich Mann beschreibt die demokratische Selbstverständigung und ihre Probleme“, hebt Ariane Martin diesen Roman hervor. Vollkommen zu recht. Heinrich Mann schreibt rund 20 Romane, dreimal so viele wie seine Bruder Thomas. Aber welche werden heute noch gelesen, außer dem „Professor Unrat“, den die Verfilmung unter dem Titel „Der blaue Engel“ in das kollektive Bewusstsein hebt?
„Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“: Was Marlene Dietrich in der Rolle der Kabarettsängerin Lola Lola lockend trällert, avanciert bei Heinrich Mann zur Atmosphäre eines ganzen Werkes. Fasziniert vom mediterranen Süden, instruiert von der französischen Aufklärung, entwickelt Mann eine Haltung der Menschenfreundlichkeit und des Fortschrittsglaubens. Der Zivilisationsliterat, den Thomas Mann in seinen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ erst geißelt, um ihm dann in seinem Epochenroman „Der Zauberberg“ mit der Figur des Settembrini literarisches Leben einzuhauchen, folgt dem Vorbild des in den Jahren des Ersten Weltkriegs ideologisch angefeindeten Bruders Heinrich.
Während Thomas Mann erst 1923 auf die Linie der Demokratie einschwenkt und zum Unterstützer der Weimarer Republik wird, ist sein älterer Bruder Heinrich bereits Jahre früher entschlossen. „Denn Freiheit: das ist die Gesamtheit aller Ziele des Geistes, aller menschlichen Ideale. Freiheit ist Bewegung, Loslösung von der Scholle und Erhebung über das Tier: Fortschritt und Menschlichkeit“, schreibt Heinrich Mann in seinem Essay „Voltaire – Goethe“ schon 1910.
Der Autor lässt seinen Schriften Taten folgen. „Kaum ein deutscher Autor war in der Zeit der Weimarer Republik und später während des Exils so engagiert wie Heinrich Mann“, erklärt Ariane Martin. Sie macht klar, aus welchen Quellen Mann seinen Antrieb bezog. Der stets als links eingestufte und diffamierte Autor habe mit den Waffen der Aufklärung gekämpft, er habe von Voltaire gelernt, wie Satire zu einer Waffe im politischen Streit gemacht werden konnte. „Heinrich Mann fühlte sich immer dem französischen Kulturkreis tief verbunden“, so Martin.
In kaum einem anderen Roman zeigt sich das so deutlich wie in dem zweiteiligen Werk „Die Jugend des Königs Henri Quarte“ und „Die Vollendung des Königs Henri Quarte“. Die beiden 1935 und 1938 bereits im Exil publizierten Werke faszinieren als historische Parabel – einmal auf die Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus und dann auf den König Henri IV. als Utopie einer Politik der Menschenfreundlichkeit und Güte. Bei Heinrich Mann avanciert der „gute König“, der 1610 dem Anschlag eines religiösen Fanatikers zum Opfer fällt, zur Lichtgestalt einer neuen Ära nach der Finsternis der Diktatur.
Heinrich Mann erlebt diese Ära selbst nicht mehr. Im amerikanischen Exil vereinsamt und als Autor vergessen, erreicht ihn noch das Angebot der DDR, das Amt des Präsidenten der Akademie der Künste zu übernehmen. Heinrich Mann hat die Schiffspassage schon gebucht, zögert aber noch. Am 11. März 1950 stirbt er im kalifornischen Santa Monica.