Koblenz Hausbesuch: Wir treffen Thomas Anders, wo er arbeitet und wohnt
Thomas Anders, mit Modern Talking zu Deutschlands schönstem Paradiesvogel aufgestiegen, lebt und arbeitet im bürgerlich-bodenständigen Koblenz am Rhein. Hausbesuch beim Sänger und seinem Bürohund.
Thomas Anders sitzt in seinem Koblenzer Büro, holt das Handy raus und drückt auf Play. Dann läuft der Trailer zum neuen Modern-Talking-Album, der zwei Musiker zeigt: Thomas Anders und Thomas Anders. In dem KI-animierten Film steht der Sänger neben dem jungen Mann, der er mal war. Was würde er seinem jüngeren Ich sagen, wenn eine solche Begegnung möglich wäre? „Alles wird gut“, antwortet Anders. „Das Leben hält ganz tolle Sachen für dich bereit, also genieß es.“
Der erste Erfolg von Modern Talking war ein Rausch. Drei Jahre spielte die Band an der Weltspitze. Dann kam das Zerwürfnis. Auch ein Comeback endete im Streit. Seit 2003 ist das Duo Geschichte. Trotzdem erscheint zum 40. Geburtstag eine neue Platte. Der Sänger hat das erste Album des Duos noch einmal produziert – diesmal allein. Bis Ende des Jahres will er alle sechs Alben neu einspielen, die von 1985 bis 1987 entstanden sind, bis zum ersten Aus. Dieter Bohlen ist nicht beteiligt. Anders feiert das Band-Jubiläum, indem er den einstigen Partner mit sich selbst ersetzt.
Als er den Trailer vorführt, betont Anders, wie sehr er ihn rührt: „Zu sehen, wie ich mein junges Ich umarme – das ist noch viel emotionaler, als wenn ich die Songs jetzt noch einmal so singe, wie ich sie früher gesungen habe.” Etwas verunsichert findet er den jungen Thomas. Er spricht von väterlichen Gefühlen. Mit 23 Jahren ist Anders‘ echter Sohn heute so alt wie er selbst auf dem Gipfel des Ruhms. „The 1st Album“, die Platte, mit der Modern Talking 1985 durchstartete, erschien vier Wochen nach seinem 22. Geburtstag.
Bei den Neueinspielungen, erzählt Anders, ist ihm im Tonstudio ein Lapsus passiert. Als er die alten Modern-Talking-Aufnahmen hörte, sprach er von dem Sänger in der dritten Person. Als wäre es ein anderer. „Mein Produzent hat sich auf die Schenkel geklopft: Na hör mal! Das bist Du!“ In dem Moment sei ihm klar geworden, wie weit er sich von den frühen Jahren entfernt hat.
Thomas Anders trifft sein junges Ich: Der Trailer zum neu eingespielten Modern-Talking-Album:
Gerade hat der Sänger seinen 62. Geburtstag gefeiert. Seit den 80ern hat er an Gewicht gewonnen: Anders macht nicht nur Musik. Er schreibt auch Kochbücher, und mit einem Winzer stellt der bekennende Genussmensch eigenen Wein her. Dazu gehört dann auch, dass der edle Pulli leicht aufträgt. Aber vor allem ist Thomas Anders im übertragenen Sinn gewachsen. In seinem Büro am Rhein erlebt man ihn als Mann, der in sich ruht.
Wenn sein reales, heutiges Ich im Trailer echter wirkt als das junge, liegt es nicht nur an der Animation. Während der großen Zeit von Modern Talking gehörte die Künstlichkeit des Sängers zur Marke. Anders’ Haar war weicher als seine Mohair-Pullover. Die Lippen schimmerten perlmuttern in einem Teint, den er selbst in Thomas Gottschalks „Na sowas!“-Show einmal so beschrieben hat: „Sonnenbank, Sonnenbank, Sonnenbank.“ Ein Mann, so überirdisch schön wie seine eigene Stimme. Schön ist er immer noch, inzwischen aber auch von dieser Welt.
Um Thomas Anders zu besuchen, muss man bis ganz nach Koblenz fahren, aus Koblenz wieder raus, über den Rhein, dann durch das Örtchen Urbar und fast bis nach Vallendar. Zwischen schiefergedecktem Fachwerk stehen hier schmucklose Einfamilienhäuser mit Gaze-Gardinen. Hoch auf dem Hang, mit Blick auf den Fluss, liegt das Klostergut Besselich. Wo einst Franziskanerinnen beteten, arbeiten jetzt Versicherungsleute und Coaches. Der Luxusausstatter Casanova präsentiert Betten für 20.000 Euro, ein Audio-Psycho-Phonologe lädt zur Neurostimulation. Und in Haus B wartet Anders mitsamt zwei Mitarbeiterinnen und dem Bürohund, die französische Bulldogge Paula.
Den Glanz und Glamour des Musikmillionärs signalisiert schon vor dem Eingang ein G-Klasse-Mercedes mit den Initialen als Nummernschild: „TA“. Außen wie innen ist der Wagen penibel sauber. Ein Fahrer sorgt dafür. Im Haus hängt dann eine Auswahl von Anders’ über 400 Gold- und Platin-Platten. In der einen Ecke schweigt ein ausgedienter Yamaha-Flügel vor sich hin, in der anderen stehen Schaufensterpuppen mit „Cheri Cheri Lady“-Shirts. Bis zur Rolex an Anders‘ Arm erzählt das alles von dem Superstar, der allein mit Modern Talking mehr als 125 Millionen Tonträger verkauft hat.
Die launigen Hundefiguren aber, die einen mal als Tischdeko, mal als Lampenständer angucken, gehören zu einer ganz anderen Welt. Sie stammen aus der Zeit, als seine Frau hier Tierzubehör verkaufte. „Home and Dogs“ hieß das Geschäft. Hier scheint ein anderer Thomas Anders auf: der ortsverbundene Mittelständler aus Koblenz. 17 bis 20 Personen arbeiten für die Marke Thomas Anders. Sieben davon sind festangestellt.
In „You Can Win If You Want“, singt Thomas Anders den Vers „You don’t fit in a small town world“. Er selbst aber passt in den Kosmos seiner Stadt. Das ganze Leben lang hält er Koblenz die Treue. Wo er zur Schule ging, wohnt und arbeitet er noch heute. Der Bürgermeister ist ein Bekannter. Der Gewürzhersteller, mit dem Anders eigene Mischungen verkauft, ist ein örtliches Unternehmen. Bei der Bundesgartenschau moderiert der Sänger den Festakt.
Die Buga war 2011. Seitdem führt eine Seilbahn über den Rhein. Als Thomas Anders sich für die Rückfahrt zum Bahnhof als Chauffeur anbietet, führt er die Attraktion vor. Während das SWR-Radio Schlager spielt, berichtet er von dem Lokalstreit um die Anlage. Eine Zeitlang bedrohte die Seilbahn den Welterbe-Status der „Kulturlandschaft Oberes Mittelrheintal“. Anders amüsiert sich darüber. Es ist kaum vorstellbar – aber das bürgerliche Setting der 113.000-Einwohner-Stadt hat den 80ern einen ihrer größten Paradiesvögel geschenkt.
Am Anfang von Modern Talking ist alles Improvisation. Niemand hat den Welterfolg erwartet. Ein Duo wird das Projekt nur deshalb, weil Duos gerade angesagt sind. Für den Namen gilt dasselbe. Talk Talk und Talking Heads sind in den Charts. Warum also nicht Modern Talking? Auch die stilbildenden Grafiken auf den ersten Alben sind eine Notlösung – die Glaskugeln, Schachbrettmuster und Blitze dienen dazu, die Musiker nicht zu zeigen. Hansa Records hat Thomas Anders gerade als deutschsprachigen Sänger aufgebaut. Nun will man ihn nicht mit englischen Songs verbinden. Das verunsichert den Markt. Bis Modern Talking sich zum ersten Mal trennt, zeigt kein einziges der sechs Platten-Cover die Musiker.
Stattdessen lehnen auf „The 1st Album“ ein Turnschuh und ein Lackschuh aneinander. Ein ikonisches Bild, das die Rollenverteilung von Anders und Bohlen vorwegnimmt: hier der zarte Adonis, da der Vokuhila-Proll. Dabei weiß der Grafiker gar nicht, dass Bohlen mal zum Duo gehören wird. Ursprünglich, sagt Anders, will der nur die Songs schreiben. Volle drei Monate bleibt es dabei, in denen die Debüt-Single schon zu floppen droht. Erst nach den Weihnachtsferien, Anfang 1985, kommt die Nachricht: „You’re My Heart, You’re My Soul“ hat sich mehr als 60.000 Mal verkauft. „Wir wussten, das heißt Charts. Wir wussten: Jetzt gehen wir ins Fernsehen und treten bei ‚Formel Eins‘ auf“, sagt Anders. „Das heißt – wir brauchen eine zweite Person.“ Aus der Plattenfirma kam dann die Idee, dass Bohlen das der Einfachheit halber selbst macht.
„You’re My Heart, You’re My Soul“ ist der allererste Song, den Bohlen für Modern Talking geschrieben hat. Es ist ein Testballon und schießt in 81 Ländern an die Spitze, als erster von insgesamt fünf Nummer-1-Erfolgen des Duos. Der zweite, „You Can Win If You Want“, kommt auch vom ersten Album, „Cheri, Cheri Lady“ vom zweiten und vom dritten „Brother Louie“ und „Atlantis Is Calling“. Anders nennt sie die Big Five.
Dieter Bohlen ist 30, als Modern Talking beginnt, und er blickt auf viele Jahre als Komponist und Texter zurück. Anders ist neun Jahre jünger. Er steht zwar seit der Schulzeit auf der Bühne. Aber wie man einen Erfolg organisiert, wie man Platten promotet, wann man in welche Fernsehsendung geht – das hat Bohlen ihm voraus. Gibt der Ältere dem Jüngeren das Gefühl: Er, Thomas Anders, ist in Wahrheit nur ein Produkt von Dieter Bohlen? Thomas Anders antwortet ausführlich darauf, möchte es am Ende aber bei dieser Formulierung belassen: „Fakt ist: Modern Talking sind beide, was Dieter nicht immer akzeptiert.“
Auf ihre Konflikte und Karriere blicken die Musiker sehr unterschiedlich zurück. Beide haben Enthüllungsbücher geschrieben, Bohlen mehrere. Anders’ These aber, wonach nicht Bohlen, sondern er sich selbst erfunden hat, ist belegt. Schon als Kind geht der Sänger in Talentshows, er tritt in Tanzpalästen auf und hat mit 17 Jahren seinen ersten Fernsehauftritt.
1981 debütiert er in Michael Schanzes Show „Hätten Sie heut‘ Zeit für mich?“. Als er sich beim Schlager „Du weinst um ihn“ selbst am Klavier begleitet, ist alles schon da: der Verführerblick, die Frisur, die später zum Markenzeichen wird, und natürlich die Stimme.
Den ersten Schallplattenvertrag schließt er 1978 ab, als 15 Jahre alter Gymnasiast. Er unterschreibt bereits als Thomas Anders. Das Pseudonym, von dem jenseits von Koblenz kaum einer weiß, dass es eins ist, hat er sich selbst gegeben. Geboren wurde Anders als Bernd Weidung. Einige wenige Menschen nennen ihn heute noch so: „Meine Schulfreunde“, sagt er, „und die Damen und Herren vom Finanzamt“.
Was Thomas Anders vor Modern Talking noch fehlt, ist der feminine Touch. Den guckt er sich später bei Stars wie Boy George ab. Bei internationalen Stars, wie er betont. „Hätte ich deutsche Vorbilder gehabt, wäre nicht Modern Talking herausgekommen.“ Auch das Spiel mit dem Look kommt aus ihm selbst: „Ich bin in keine Rolle geschlüpft. Nie. Ich war immer der, der ich bin. Das zieht sich bis heute durch.“ Thomas Anders aktuelle Rolle ist der „Gentleman of Music“. So firmiert er auf seiner Homepage. Auch diese Facette ist beim 17-Jährigen aus der ZDF-Show schon angelegt. Drei Jahre vor Modern Talking trug Anders Dreiteiler und Krawatte.
„Die Musikauswahl und die Arbeit im Studio, das war eigentlich die schönste Zeit, die Dieter und ich miteinander verbracht haben“, sagt Anders. Bohlen arbeitet im Akkord. Neue Alben erscheinen im Halbjahrestakt. Vor jedem komponiert er um die 50 Songs, aus denen Anders 20 auswählt – und sie im Zweifel auch verteidigt. Dass „Cheri, Cheri Lady“ nicht im Papierkorb landet, schreibt er seinem Veto zu. Dutzende andere Songs bleiben Überschuss. Irgendwo schlummert womöglich ein gewaltiges Modern-Talking-Opus, das nie eingespielt wurde.
Jenseits des Studios fühlt Anders sich abgelehnt. Dieter Bohlen beschreibt er als Mann, dem die Karriere über alles geht. Ihm selbst wächst der Erfolg in manchen Momenten über den Kopf. Tagsüber lässt er die Rolläden runter, damit niemand ins Haus fotografiert. Nicht endende Reisen belasten ihn. Mit Gepäck für zwei Tage in Amsterdam, habe im Hotel immer schon ein Telex gelegen, das ihn zum Gig nächsten nach San Remo beorderte. Mitarbeiter mussten vor Ort Wechselkleider kaufen.
Zweimal beendet Bohlen das Projekt Modern Talking im Streit, beide Male als öffentliche Bloßstellung inszeniert. Vom ersten Aus erfährt Thomas Anders 1987 aus der „Bild“-Zeitung. Nach einem Comeback im Jahr 1998 hält das Duo noch mal fünf Jahre durch. Dann zieht Bohlen den nächsten Schlussstrich, nun live auf der Bühne. Dass Modern Talking vorbei ist, verkündet er im Rostocker Ostseestadion vor 24.000 Zuschauern.
Jedes Mal war er erleichtert, sagt Anders. Und nie überrascht. Allerdings vermutet er andere Gründe als die von Bohlen genannten: „Modern Talking hat ihn einfach nicht mehr so interessiert.“ Vor Rostock hatte es Streit um eine US-Tour gegeben, die Anders allein bestritten hat. Angeblich unabgesprochen. Zu dieser Zeit hatte Bohlen sich schon auf sein neue Lieblingskind „Deutschland sucht den Superstar“ konzentriert. Für Thomas Anders wiederholte sich damit ein Muster. Auch der erste Bruch fiel 1987 mit einem Neuanfang zusammen. Damals war es Bohlens Solo-Projekt Blue System.
Welcher Song von Modern Talking ist neu zu entdecken? Thomas Anders gibt einen Tipp
Nicht nur die Künstler verhaken sich in ihrer konfliktreichen Beziehung. Auch die Fans sind ambivalent – zumindest die deutschen. Auf den Straßen werden die Falsett-Partien der Hits parodiert und Texte ironisch umgedichtet. In die Bewunderung mischt sich der Spott über die Fließbandroutinen. „Deutschland ist das einzige Land der Welt, in dem Modern Talking so kontrovers diskutiert wird“, sagt Anders. „Wir haben den deutschen Medien allerdings auch genügend Futter gegeben.“
Beide Musiker gehen durch wechselhafte Ehen und Rosenkriege und reden darüber. So wie Bohlen seinen Penisbruch und die Vier-Wochen-Ehe mit Verona zum Witz macht, so lieblos spricht er auch von der Musik. Für Singleauskopplungen habe er immer den Song gewählt, der dem letzten am ähnlichsten war, sagt er zum Beispiel. Über sein Produktionstempo sagt er: „Popo-Abwischen dauert länger.“ Hat diese Missachtung der gemeinsamen Arbeit Thomas Anders gekränkt? „Wer mit Dieter Bohlen zusammenarbeitet, darf über seine Verletzlichkeit nicht nachdenken”, antwortet der.
Das alles ist lange her. Wenn Anders davon erzählt, hört man keinen Groll in seiner Stimme. Sein Blick, das ist ihm wichtig, geht nach vorne. Und auch wenn er jetzt noch einmal in die frühen Modern-Talking-Jahre eintaucht, wünscht er sich keine weitere Aufarbeitung der Krisen. Für die Neueinspielungen musste er sich nicht einmal abstimmen, erklärt er. Die Gema-Rechte ausgenommen, die Bohlen als Songschreiber allein hält, gehört Modern Talking den beiden zu gleichen Teilen.
Und genauso, sagt Anders, ist es auch mit dem Erfolg: „Ohne meine Stimme wären die Songs keine Hits geworden. Und ohne seine Komposition wären sie auch keine Hits geworden.” Modern Talking ist für Thomas Anders ein „Gesamtpaket“. Und das pflegt er auch heute noch, trotz neuer Kooperationen wie der mit Florian Silbereisen. Auf seinen Solo-Konzerten, schätzt er, stammen zwei Drittel der Songs aus seiner Zeit mit Modern Talking.