40 Prozent für AfD Umfrage – wieso wurde im Otto-Stadtteil blau gewählt?
In Otto Waalkes‘ Geburtsstadtteil Transvaal in Emden hat die AfD fast 40 Prozent der Stimmen erhalten. Warum? Wir sprechen mit Menschen vor Ort.
Emden - Straßenumfragen können gut laufen – oder richtig in die Hose gehen. Ich bin am Freitag nach der Bundestagswahl im Emder Stadtteil Port Arthur/Transvaal unterwegs, wo die in weiten Teilen rechtsextreme AfD fast 40 Prozent der Stimmen bekommen hat. Was treibt die Menschen hier um in der einstigen SPD-Hochburg?
Es nieselt leicht, als mir auf dem Gehweg beim ehemaligen Ültje-Gelände eine ältere Frau mit Hund entgegenkommt. Möchte sie etwas zur Wahl sagen? Nein. Klare Absage. Ich wechsle die Straßenseite, weil ich einen älteren Mann mit Hund erspähe. „Sie wollen doch gar nicht wissen, was ich sage“, meint er. Fängt ja schon mal gut an. Ich überzeuge ihn davon, dass ich es sehr wohl wissen will. Er sei mit Überzeugung Nichtwähler, erklärt er und stellt sich als Jakobs vor. Die Regierung mache Politik gegen das eigene Volk. Ob die AfD da etwas anders machen würde? „Mit Sicherheit nicht“, sagt er. Außerdem werde sowieso alles aus den USA gesteuert.
„Sie haben ihr Versprechen nicht gehalten“
Es kommt eine junge Frau mit Hund vorbei. Was sie zum Wahlergebnis sagt, frage ich. „Erschreckend.“ Sie wisse von einer Arbeitskollegin, die offen gesagt hat, sie wähle die AfD. Ansonsten kenne sie niemanden aus dem Familien- und Bekanntenkreis. Im Stadtteil fühle sie sich trotz des Wahlergebnisses jetzt nicht unwohl. Fragezeichen bleiben aber doch. Ihren Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen. Eine adrett gekleidete und gestylte ältere Frau kommt an uns vorbei. Möchte sie etwas sagen? „Ich bin gar nicht von hier“, sagt sie und schon läuft sie schnell weiter.
Beim Kiosk an der Cirksenastraße hat ein Mann auf einem Roller angehalten. Er geht kurz in den Laden. Als er wieder rauskommt und gerade seinen Helm aufsetzen will, kommen wir ins Gespräch. Er sei seit drei Jahren Nichtwähler, habe früher immer die SPD gewählt. „Sie haben ihre Versprechen nicht gehalten“, sagt er. Immer werde „den Kleinen“ alles genommen. Seit zehn Jahren sei er jetzt Rentner. Details zu seinem Unmut nennt er nicht. Nichtwähler: In Port Arthur/Transvaal lag die Wahlbeteiligung in den Bezirken zwischen rund 58 Prozent (Stadtmitte II) und rund 66 Prozent (Transvaal II), also weit unter dem Bundesdurchschnitt von 82,5 Prozent.
Klare Wünsche an die Regierung
Eine 56-Jährige parkt mit ihrem Geländewagen vor dem Kiosk. Zeit für ein kurzes Gespräch hat sie. Das Wahlergebnis sei eine Katastrophe. Sie habe nicht die AfD gewählt, finde aber, dass aus der Partei „schon gute Sachen“ kämen. „Alles teile ich aber nicht“, betont sie. Ihr sei es einfach wichtig, dass die Arbeitsplätze sicher seien, die Mietpreise sinken, mehr soziale Gerechtigkeit herrsche und es keine Altersarmut gebe. Auch mehr Sicherheit möchte sie. Sie fühle sich in Emden nicht mehr sicher, sagt sie.
Sie nennt als Bespiel den Vorfall mit dem 29-jährigen Mann im Sommer 2023, der mit einem Messer vor Restaurant- und Eisdielen-Besuchern herumfuchtelte. Die Polizei gab zwei Warnschüsse ab. Der Mann wurde festgenommen. In dem Sommer hatten sich mehrere Vorfälle geballt, die für Unsicherheit in der Stadt sorgten, unter anderem war das Van-Ameren-Bad angezündet worden. Allerdings: Die Polizei hatte mit Verweis auf die Statistik immer wieder erklärt, dass es keinen Grund zur Sorge gebe. Objektiv betrachtet, sei Emden nicht unsicherer als in den Vorjahren.
Ein Transvaaler sagt, warum er die AfD gewählt hat
Eine Mutter mit Kind, die kurz beim Kiosk etwas kaufen möchte, will sich nicht zur Bundestagswahl äußern. Auch eine ältere Frau läuft schnell weiter. Bei einem jüngeren Mann – er stellt sich als Andreas Cuiper vor – habe ich aber Glück. Das Wahlergebnis sei „so was von klar“ gewesen, sagt der 33-Jährige. Er selbst habe die AfD auch gewählt. Das Thema Migration treibt ihn um, wie aus seinen Schilderungen klar wird. In seiner Straße wohnten viele Menschen aus Syrien und der Ukraine, die „auffällig“ seien. Was er damit meint, sagt er nicht.
Er hofft auf eine schwarz-blaue Regierung, also eine Koalition von CDU und AfD. Seiner Meinung nach würde das Deutschland weiterbringen. Er hoffe auch darauf, dass Kleinunternehmen dann besser unter die Arme gegriffen werde. Ob die AfD für ihn als Kleinunternehmer sinnvoll ist? Unter anderem der Deutsche Gewerkschaftsbund antwortet klar: AfD-Vorschläge kämen insbesondere den Reichen zugute, in vielen Politikbereichen vertrete sie nicht die Interessen der Beschäftigten. „Die Ampel hat uns zugrunde gerichtet“, meint Andreas Cuiper. Eine Große Koalition sieht er kritisch.
Ältere sehen Wahlergebnis mit Schrecken
Eine 76-Jährige aus Port Arthur – die Unterscheidung zu Transvaal ist ihr wichtig – ist geschockt von dem Wahlergebnis. „Es ist ganz schrecklich, dass die AfD hier so viele Stimmen bekommen hat“, sagt sie. Sie habe sich mit vielen Älteren aus dem Stadtteil unterhalten, die das ebenfalls nicht verstünden. Sie meint, es lebten viele Menschen aus ostdeutschen Bundesländern im Ortsteil. Ob das der Grund ist? Das kann natürlich nicht überprüft werden.
Sie könne die ganze Debatte rund um Menschen mit Migrationshintergrund nicht verstehen. Noch gut erinnere sie sich daran, wie nach dem Zweiten Weltkrieg Deutsche aus ehemals deutschen Gebieten auch nach Ostfriesland geflohen waren. Sie habe selbst Familienmitglieder mit Migrationshintergrund und sei in Sorge. „Es ist kalt, sehen Sie zu, dass Sie einen Kaffee kriegen“, sagt sie zum Abschluss.
Otto Waalkes‘ Stadtteil kurz erklärt
Port Arthur/Transvaal hat eine lange Geschichte. Der historische Kern entstand um 1900. Einst war es ein reines Arbeiterviertel, in dem man lieber unter sich blieb. Viele Menschen arbeiteten bei den Nordseewerken oder anderen Hafenbetrieben. Seitdem hat sich viel getan: Stadtteil-Sanierungsprogramme, viel ehrenamtliches Engagement im Bürgerverein und nicht zuletzt der Komiker Otto Waalkes, der aus Transvaal stammt und dem Stadtteil zwei küssende Ottifanten aus Bronze geschenkt hat, haben zur Image-Verbesserung beigetragen.
Mit rund 5000 Einwohnern (Stand 2023) ist es der viertgrößte Stadtteil Emdens. Laut dem Keck-Atlas, den man hier aufrufen kann, liegt der Anteil der Sozialhilfe-Empfänger (SGB II) im südlichen Bereich des Stadtteils bei rund sieben Prozent, im nördlichen, also dem der Innenstadt näheren Bereich, bei fast 30 Prozent. Die Beschäftigungsquote liegt demnach zwischen 54 und 66 Prozent. Der Anteil der Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit, also Ausländer, ist in Port Arthur/Transvaal leicht überdurchschnittlich im Vergleich zu den Gesamtzahlen der Stadt. Er lag 2017 bei rund zehn Prozent, lässt sich der Stadtteilstatistik entnehmen. Nur in Borssum (12,7 Prozent), im Stadtzentrum (13,8 Prozent) und in Barenburg (18,2 Prozent) war der Anteil größer.