London Zu viel Fritten, zu viel Zucker: Schlechtes Essen bremst Lebenserwartung in Großbritannien aus
Fettleibigkeit und ein überlastetes Gesundheitssystem: In Großbritannien sind fast zwei von drei Erwachsenen übergewichtig. Außerdem steigt die Lebenserwartung immer langsamer. Abnehmspritzen sollen diesen Trend nun umkehren.
„Die Uhr tickt“, titelte vor wenigen Tagen die britische Boulevardzeitung „The Sun“ und bezog sich damit auf neue Erkenntnisse zur Lebenszeit der Briten. Eine aktuelle Studie, erschienen im Fachmagazin „The Lancet Public Health“, zeigt: Die Lebenserwartung steigt in Europa immer langsamer, doch nirgendwo ist die Entwicklung so drastisch wie in England.
Während sie zwischen 1990 und 2011 noch jährlich um im Schnitt 0,25 Jahre wuchs, sank dieser Wert von 2011 bis 2019 auf magere 0,07 Jahre. Ein europäischer Spitzenplatz, den der Landesteil wohl lieber nicht gewonnen hätte. Auch Nordirland, Schottland und Wales verzeichnen deutliche Rückgänge.
Die Wartelisten im überbelasteten nationalen Gesundheitssystem NHS, so betonen Experten, spielen möglicherweise eine Rolle, der Hauptgrund ist jedoch wohl ein anderer. Sarah Price, Direktorin für öffentliche Gesundheit des NHS England, spricht von einer unheilvollen Dreierkombination: „Schlechte Ernährung, Bewegungsmangel und Adipositas.” Kurz gesagt: zu viel Fast Food, zu wenig Sport und ein wachsender Bauchumfang belasten das Leben der Briten oder verkürzen es durch Folgeerkrankungen gar.
In Ebbw Vale, einer Stadt in Südwales, bringen statistisch vier von fünf Menschen zu viele Kilos auf die Waage oder sind adipös, also krankhaft fettleibig. Ein Spaziergang durch das Stadtzentrum erklärt, warum: Dutzende Fast-Food-Läden reihen sich aneinander, Brathähnchen, Kebab und fettige Pommes gibt es an jeder Ecke. Viele Menschen bestellen ihr Essen täglich dort. Ein Trend, der sich durch die COVID-19-Pandemie weiter verschärft hat. Der Ort ist kein Einzelfall – ganz Großbritannien hat ein Gewichtsproblem.
Laut dem National Child Measurement Programme (NCMP), einem Kinder-Gesundheitsprogramm der britischen Regierung, ist fast jedes vierte Kind in England übergewichtig, wenn es die Grundschule verlässt. Fast Food, Fertiggerichte und Softdrinks bestimmen oft den Speiseplan der Schüler. Bei den Erwachsenen sieht es nicht besser aus: Schätzungen zufolge sind rund 25 Prozent adipös, weitere 38 Prozent übergewichtig. Die Briten zählen gemeinsam mit den Maltesern zu den dicksten Europäern.
Dabei ist das Problem nicht neu. Bereits 2016 beschrieb der damalige konservative Gesundheitsminister Jeremy Hunt die Zunahme von Fettleibigkeit bei Kindern als „nationalen Notstand“, vier Jahre später sprach die Regierung unter Boris Johnson von einer „Zeitbombe“. Und diese kostet das ohnehin völlig überforderte staatliche Gesundheitssystem laut Angaben des NHS jährlich mehrere Milliarden Pfund.
Adipositas ist mittlerweile eine der häufigsten vermeidbaren Ursachen für Krankheiten wie Diabetes, Herzleiden, Schlaganfälle und Krebs. Eine bittere Wahrheit ist in Großbritannien: Wer arm ist, wird häufiger dick und in den vergangenen zehn Jahren hat sich die Einkommensschere weiter geöffnet. In den ärmeren Gegenden Englands liegt die Übergewichtsrate einer Erhebung des NHS zufolge um zwölf Prozentpunkte höher als in wohlhabenderen Regionen.
Während gut situierte Familien in London Biokisten abonnieren und ihre Kinder in Sportvereine schicken, fehlen in strukturschwachen Städten oft gesunde Alternativen und Sportangebote. Wer wenig Geld hat, greift eher zu kalorienreichen Fertiggerichten. Hochverarbeitete Lebensmittel sind oft günstiger als frisches Obst und Gemüse.
Die britische Regierung hat in den vergangenen Jahren einige Maßnahmen ergriffen, um den Trend umzukehren. Dazu gehören eine Zuckersteuer auf Softdrinks, die den Konsum süßer Getränke senken soll, sowie strengere Regeln für Lebensmittelwerbung, insbesondere für Produkte mit hohem Fett-, Salz- oder Zuckergehalt. Diese Regel soll im Herbst in Kraft treten.
Da Ernährungskampagnen und Sportinitiativen bisher wenig ausrichten konnten, setzt die britische Labour-Regierung unter Keir Starmer zudem zunehmend auf medizinische Lösungen. Abnehmspritzen wie Mounjaro und Wegovy sollen das Problem lösen – und dabei nicht nur die Gesundheit, sondern auch die Wirtschaft entlasten, weil so mehr Menschen wieder arbeiten können und zudem gesünder sind, so die Hoffnung. Die Medikamente zeigen Wirkung: Zehntausende Briten nehmen sie bereits und viele verlieren im Verlauf von eineinhalb Jahren fast ein Viertel ihres Gewichts.
Der NHS plant, Mounjaro für stark übergewichtige Patienten verfügbar zu machen; Wegovy wird bereits in spezialisierten Kliniken angeboten. Für den privaten Markt gelten sogar niedrigere Schwellenwerte bezüglich des Body-Mass-Index, sodass theoretisch rund 15 Millionen Erwachsene in Großbritannien Anspruch auf die Spritzen hätten. Studien heben die Vorteile des Medikaments hervor, darunter eine reduzierte Wahrscheinlichkeit, an Leberkrebs zu erkranken.
Doch die Einnahme ist nicht ohne Risiken. Im November vergangenen Jahres erkrankte eine Krankenschwester in Schottland nach der Verabreichung von Mounjaro unter anderem an einer Bauchspeicheldrüsen-Entzündung und starb. Experten gehen davon aus, dass ihr Tod im Zusammenhang mit dem Medikament steht. „Die Entscheidung für eine Behandlung sollte gemeinsam mit dem Arzt getroffen werden – mit voller Berücksichtigung aller möglichen Auswirkungen”, warnte Alison Cave, leitende Sicherheitsbeauftragte der Arzneimittelbehörde MHRA.
Trotzdem boomt der Markt. In sozialen Netzwerken teilen Influencer ihre Abspeck-Erfolge, und auch in Arztpraxen steigt die Nachfrage rasant. Manche Mediziner sprechen von einem „Paradigmenwechsel“ in der Behandlung von Fettleibigkeit. Andere fürchten eine bedenkliche Abkürzung: Statt Ernährung und Lebensstil zu ändern, könnte das Abnehmen mit Medikamenten zur neuen Normalität werden.