Alles Kultur  Ein Abenteuer für die Ohren

Annie Heger
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Eine Kolumne von Annie Heger
| 03.03.2025 09:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Annie Heger
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Unsere Kolumnistin ist in Japan. Da riecht und schmeckt alles anders – und auch die Sprache klingt vollkommen anders. Und trotzdem erlebt sie auch Vertrautes. Wo und was das ist, verrät sie hier.

Moin-ichiwa! Ich bin in Tokio. Der Jetlag ist mit Anfang 40 nicht einfacher als mit Ende 30, die Aussicht aus dem Hotelzimmer auf den Hafen ist traumhaft und erinnert an mein Hamburger Zuhause und ich treffe hier auf Menschen, die mir bereits ans Herz gewachsen sind.

Ich trete heute hier in Tokio auf, wieder beim Norddeutschen Grünkohlessen, und am Samstag predige ich in der deutschen Gemeinde. Wir werden auch plattdeutsche Lieder singen, das ist alles spannend, logisch und absurd zugleich. Letztes Jahr saß ich in Tokio als Gast im Gottesdienst, sang „Großer Gott wir loben Dich“ und merkte, wie sich auf einmal alles in mir entspannte. Ich war bereits seit Tagen in immer wieder mir neuen und fremden Situationen gewesen. Japan schmeckt und riecht anders als alles, was meine Sinne eigentlich kennen. Es klingt anders, ich kann nichts lesen, verstehen oder soziale Codes dechiffrieren. Ich liebe es! Aber in dem Moment des Singens merkte ich, wie das kurze Ankern im Vertrauten, mir eine Verschnaufpause verschafft hat. Ich will nicht gotteslästerlich sein, aber ich finde, das ist ein bisschen wie beim Jazz.

Zur Person

Annie Heger (41), geboren in Aurich und heute hauptsächlich in Hamburg lebend, singt, ist Schauspielerin und moderiert Shows, Festivals, Varietés und Galas. Außerdem ist sie Plattdeutsch-Aktivistin.

Ein scheinbares Chaos, in dem jedes Instrument seine Stimme erhebt, sich vermeintlich verliert und dann doch wieder einfügt. Mal übernimmt das Klavier, dann das Saxophon, ein Sänger scattet sich durch die Harmonien – es ist ein Abenteuer für die Ohren. So ist hier alles für mich, vor allem das japanische Essen. Scharfer Ingwer, salziges Miso, fermentierte Sojasoße, Fisch, Algen, rohes Ei.

Und dann kommt dieser eine Moment. Man sitzt in einer Izakaya, die Geschmacksknospen sind auf einer Reise ins Ungewisse. Und plötzlich: ein frittiertes Hühnchen. Knusprig, vertraut, würzig, klar. Eine kurze Pause vom wilden Spiel der Aromen. Wie dieser eine Moment in einer Jam Session, wenn nach all den wilden Improvisationen auf einmal für ein paar Takte die Originalmelodie des Songs auftaucht, bevor das Abenteuer weitergeht.

Heute: Grünkohl und viele Japaner*innen in Fischerhemden. Ich habe extra ein japanisches Lied gelernt, damit auch die heute kurz ankern können. Ich werde berichten.

Kontakt: kolumne@zgo.de

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