Berlin Hohe Preise belasten Verbraucher: Warum wird alles teurer, trotz sinkender Inflationsrate?
Die Geldentwertung scheint gezähmt, die Marke nähert sich der anvisierten 2 Prozent Inflationsrate. Verbraucher überschätzen die Inflation, sagen Ökonomen. Stimmt das? Oder haben sie wirklich weniger im Portemonnaie?
Die Inflationsrate in Deutschland hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Der Rückgang scheint zunächst eine Entlastung zu versprechen. Doch trotz der sinkenden Geldentwertung bleibt die Realität für viele Verbraucher eine andere: Die Preise steigen weiter. Warum ist das so und welche Auswirkungen hat das auf die Gesellschaft?
Im Zeitraum von 2022 bis 2024 betrug die durchschnittliche Inflationsrate in Deutschland fünf Prozent pro Jahr. Besonders hoch war die Teuerung 2022 mit 6,9 Prozent. Im darauffolgenden Jahr sank sie leicht auf 5,9 Prozent und erreichte 2024 schließlich einen Wert von 2,2 Prozent, wie Daten des Statistischen Bundesamts belegen.
„Dieser Verlauf bestätigt die Annahme aus dem Jahr 2022, dass die Inflation nicht nur von temporären Faktoren wie Lieferkettenproblemen oder Energiepreisschocks getrieben wurde. Vielmehr spielten strukturelle Entwicklungen eine entscheidende Rolle, wie eine expansive Geldpolitik der EZB und Angebotsverknappung durch geopolitische Spannungen sowie erhöhte Produktionskosten“, erklärt Betriebswirt Dominik Heberlin in einem Gastbeitrag für den Finanzblog des Ökonoms Hartmut Walz. Die vergangenen Jahre hätten gezeigt, dass die Inflation kein kurzfristiges Phänomen war, die Auswirkungen auf die Wirtschaft sind entsprechend langfristig.
Trotz der mittlerweile rückläufigen Zahlen gibt es offenbar einen erheblichen Unterschied zwischen der offiziellen Inflationsrate und der Wahrnehmung vieler Verbraucher. Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) überschätzen viele Deutsche die tatsächliche Inflation massiv.
Matthias Diermeier, Geschäftsführer der IW-Gesellschaftsforschung, erklärt: „Im Schnitt gaben die Befragten an, dass die Inflationsrate 2024 bei 15,3 Prozent (Median: zehn Prozent) lag – tatsächlich betrug sie nur 2,2 Prozent.“ Besonders in den Randbereichen des politischen Spektrums werde demnach die Inflation am stärksten wahrgenommen. Diermeier nennt die Zahlen seiner Untersuchung: „AfD-Anhänger liegen mit 18,7 Prozent (Median: zwölf Prozent) am anderen Ende des Spektrums und überschätzen die Inflation überdurchschnittlich.“
Diese Wahrnehmung sei nicht nur ein interessantes Phänomen der öffentlichen Meinung, sondern auch politisch relevant, wie Diermeier weiter erläutert: „Das Thema Inflation kann gerade an den Rändern mobilisieren. Etwa die Hälfte der AfD- und BSW-Anhänger sagt, dass die Inflation eines ihrer drei wahlentscheidenden Themen sei.“
Aber warum bleiben die Preise hoch, obwohl die Inflationsrate sinkt? Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, bringt es auf den Punkt: „Eine geringe Inflation bedeutet nicht, dass die Preise sinken, sondern lediglich, dass sie nicht mehr so stark steigen.“
Die Preise für Grundnahrungsmittel und andere grundlegende Produkte seien in den vergangenen Jahren teils um über 30 Prozent gestiegen. Diese hohen Preise werden in den meisten Fällen von Dauer sein. Fratzscher fügt hinzu: „Das Problem vieler Menschen in Deutschland heute ist, dass die Löhne und Einkommen in den letzten Jahren deutlich weniger stark gestiegen sind als die Preise und Mieten.“ Besonders betroffen seien Haushalte mit geringeren Einkommen, die nach wie vor mit einer sinkenden Kaufkraft kämpfen.
Die Aussichten für die kommenden Jahre stimmen wenig hoffnungsvoll, was den Preisrückgang betrifft. „Die Erwartungen an die kurzfristigen Inflationsraten sind nicht weiter gesunken. Auch die langfristigen Inflationserwartungen bleiben auf einem relativ hohen Niveau“, resümiert das ifo Institut für Wirtschaftsforschung.
Für 2025 erwarten die Experten für Westeuropa immerhin die weltweit niedrigste Inflationsrate mit 2,1 Prozent. Dennoch ist zu erwarten, dass die Auswirkungen auf die Haushalte langfristig zu spüren sein werden, besonders für Menschen mit geringeren Einkommen.
In den kommenden Jahren wird sich zeigen, wie sich die Einkommen entwickeln, um den Lebensstandard vieler Menschen wieder auf das Niveau vor den massiven Preissteigerungen zu bringen. Das Ziel muss ein Gleichgewicht zwischen Löhnen und Preisen sein.