Junge Wiesmoorer handeln  Speed Dating mit der Politik gegen den Weltschmerz

Nicole Böning
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Von Nicole Böning
| 24.02.2025 18:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Frederick Stamm (von links) und Xena Süssen von der Linksjugend – der Jugendorganisation der Partei Die Linke. Foto: Böning
Frederick Stamm (von links) und Xena Süssen von der Linksjugend – der Jugendorganisation der Partei Die Linke. Foto: Böning
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Die Politik in Deutschland steckt in der Krise und die Welt sowieso. Statt den Kopf in den Sand zu stecken, wollen Wiesmoorer Schüler aufklären – und laden zum politischen Speed Dating ein.

Wiesmoor - Als im November 2024 klar wurde, dass es in Deutschland Neuwahlen geben wird, hatte die 17-jährige Janne Putschke fast selbst so etwas wie eine Krise. Kurz vorher hatte Donald Trump die 60. Wahl zum Präsidenten Amerikas gewonnen, dann waren da die erneute Eskalation im Nahost-Konflikt, der nicht endende Krieg in der Ukraine und viele andere Krisen. „Ich hatte richtig Weltschmerz“, sagt die Schülerin der Kooperativen Gesamtschule (KGS) Wiesmoor: „Damals wurde mir klar, dass ich das alles nicht tatenlos ansehen werde, sondern dass ich etwas tun möchte.“

Themen setzen und Argumente finden – eine Stunde lang gingen die Vorbereitungen in der Blumenhalle, dann wurde diskutiert. Foto: Böning
Themen setzen und Argumente finden – eine Stunde lang gingen die Vorbereitungen in der Blumenhalle, dann wurde diskutiert. Foto: Böning

Am Mittwochnachmittag, 19. Februar 2025, sitzt sie in der Blumenhalle in Wiesmoor und grinst zufrieden. Hinter ihr sind die etwa 35 Teilnehmer eines politischen Speed Datings zum gemütlichen Teil der Veranstaltung übergegangen. Die Stimmung ist gut, es gibt Pommes und Bratwurst. „Ich hätte nicht gedacht, dass so viele kommen werden. Das ist richtig gut“, sagt die Zwölftklässlerin. Damals hatte sie ihren Weltschmerz heruntergeschluckt und mit ihrem Mitschüler Frederick Stamm darüber gesprochen. Gemeinsam entwickelten sie die Idee, eine Veranstaltung auf die Beine zu stellen, bei der sich junge Menschen über Politik informieren können.

35 Jugendliche trafen sich am Mittwoch in der Blumenhalle in Wiesmoor zum politischen Speed Dating. Foto: Böning
35 Jugendliche trafen sich am Mittwoch in der Blumenhalle in Wiesmoor zum politischen Speed Dating. Foto: Böning

Themen: Von Wohnraummangel bis LGBTQ-Rechte

„Beide sind damals zu mir gekommen“, sagt Schulsozialarbeiter Michael Hofer. Er holte Schülersprecherin und den Schülerrat der Schule ins Boot und gemeinsam entwickelte das Team das Konzept der Veranstaltung. „Dass es am Ende ein Speed Dating mit Nachwuchspolitikern wird, hatten wir anfangs nicht geplant“, sagt Frederick Stamm. Fest stand nur: Es sollte ein Format sein, das zu den Bedürfnissen der Jugendlichen passt. „Was Schnelles, bei dem die Teilnehmer selbst Fragen stellen können“, sagt Hofer. So kamen sie gemeinsam am Ende auf das Veranstaltungsformat.

Zu zweit stellten sich die Mitglieder der parteinahen Jugendorganisationen den Fragen der Schüler. Foto: Böning
Zu zweit stellten sich die Mitglieder der parteinahen Jugendorganisationen den Fragen der Schüler. Foto: Böning

„Die Jugendorganisationen für die Idee zu gewinnen ging leichter, als wir gedacht hatten“, so Hofer. Nur der Nachwuchs der Alternative für Deutschland und der Partei Bündnis Sahra Wagenknecht seien nicht zu greifen gewesen. „Wir hatten schlicht keine Ansprechpartner“, erklärt Hofer. Fünf Parteien schickten ihre Jugendorganisationen ins Rennen. SPD, Linke, CDU, FDP und Grüne. Zwischen Palmen und Orchideen ging es für die Schüler in der Blumenhalle im Acht-Minuten-Takt zu den Zweierteams an die Tische. Wie in der großen Politik kamen auch in der Blumenhalle die großen Themen auf den Tisch – Wohnraummangel, Migration, Ukrainekrieg und die Rechte der LGBTQ-Community. Der Unterschied: Die Jugendlichen konnten mitdiskutieren.

Martha Schreiber (von rechts) und Felix Hohmnann von der Grünen Jugend sprachen für die Politik der Partei Bündnis 90/Die Grünen. Foto: Böning
Martha Schreiber (von rechts) und Felix Hohmnann von der Grünen Jugend sprachen für die Politik der Partei Bündnis 90/Die Grünen. Foto: Böning

Veranstaltungskonzept: Politisches Speed Dating

Gefördert wurde die Veranstaltung unter anderem durch das Netzwerk „Partnerschaft für Demokratie“ im Landkreis Aurich. Timo Schneider aus Norden, der aus der Bildungsarbeit kommt, übernahm das Warm-up mit den Teilnehmern. „Es ist klasse, wie viele dabei sind. Um so viele Leute zu einer solchen Veranstaltung zu motivieren, muss man schon gut vernetzt sein“, ist sein Fazit. Eigentlich sollte sich die Veranstaltung an Erstwähler richten. Doch nur fünf der Teilnehmer durften bei der Bundestagswahl zum ersten Mal abstimmen. Neben zwei Teilnehmern, die schon einmal bei einer Wahl ihre Stimme abgegeben haben, waren die übrigen noch zu jung, um selbst zu wählen. Auch die Organisatoren Janne Putschke und Frederick Stamm gehören dazu.

Hendrik Hartmann war nicht nur mit Hendrik Schipper (nicht auf dem Foto) für die jungen Liberalen in der Blumenhalle, sondern kandidierte auch für die FDP für den Bundestag. Foto: Böning
Hendrik Hartmann war nicht nur mit Hendrik Schipper (nicht auf dem Foto) für die jungen Liberalen in der Blumenhalle, sondern kandidierte auch für die FDP für den Bundestag. Foto: Böning

„Ich hatte so sehr gehofft, schon bei der Neuwahl meine Stimme abgeben zu können“, sagt Putschke. Doch als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Weg für vorgezogene Neuwahlen freimachte und am 21. Dezember 2024 den Wahltermin am 23. Februar 2025 ankündigte, war klar, dass sie selbst nicht mit abstimmen konnte. „Man fühlt sich so machtlos, wenn andere über einen entscheiden“, sagt sie. Jetzt hat sie dafür gesorgt, dass Erstwähler wie Melissa Hannemann sich informieren können. „Ich bin mir noch immer nicht ganz sicher, wen ich wählen soll“, hatte die 18-Jährige vor dem Speed Dating erklärt.

Noah Bigalski (von links) und Steffen Ferken stellen sich von der jungen Union den Fragen der Schüler – das ist die Jugendorganisation der CDU. Foto: Böning
Noah Bigalski (von links) und Steffen Ferken stellen sich von der jungen Union den Fragen der Schüler – das ist die Jugendorganisation der CDU. Foto: Böning

Politische Krisen als Motivation

Ihr erstes Fazit in der Halbzeit: „Es ist interessant, hier mal konkrete Themen besprechen zu können.“ Am Ende des Speed-Datings hat Melissa Hannemann sich festgelegt: „Ich habe mich entschieden, werde aber zu Hause noch einmal gründlich recherchieren, bevor ich am Sonntag meine Kreuze mache“, sagt sie. Und wie war die Erfahrung für die jungen Nachwuchspolitiker? Organisator Frederick Stamm war selbst für die Linksjugend dabei. „Richtig gut“, sagt er. „Die Teilnehmer waren sehr neugierig und offen“, sagt Hannes Langer von den Jungsozialen (Jusos). „Ich hab so etwas das erste Mal gemacht, aber es war eine richtig gute Erfahrung“, sagt Steffen Ferken. Er hatte sich für die junge Union der Diskussion gestellt und einen eher schweren Stand.

Saskia Lamberti (von links) und Hannes Langer waren für die Jungsozialen dabei – der Jugendorganisation der SPD. Foto: Böning
Saskia Lamberti (von links) und Hannes Langer waren für die Jungsozialen dabei – der Jugendorganisation der SPD. Foto: Böning

Auch wer von den Teilnehmern nicht bei der Bundestagswahl am Sonntag die Stimme abgeben konnte, wurde zur Urne gebeten. Gleich am Donnerstag nach dem Speed-Dating stimmten die Schüler der 8. bis 12. Klassen der KGS Wiesmoor bei der Juniorwahl ab. Seit 25 Jahren können Schüler dort auch schon vor Erreichen des Wahlalters ihre Stimme abgeben. Im Gegensatz zum amtlichen Endergebnis bei der Bundestagswahl stand der Wahlausgang der Wiesmoorer Schüler schon am Sonntagabend fest.

Melissa Hannemann war eine der Erstwähler, die das Speed Dating nutzen, um sich eine Meinung zu bilden. Foto: Böning
Melissa Hannemann war eine der Erstwähler, die das Speed Dating nutzen, um sich eine Meinung zu bilden. Foto: Böning

Die Schüler stimmen für die Linke

Wenn es nach den 523 Schülern gegangen wäre, die abgestimmt haben, würde der Bundestag allerdings ein wenig anders aussehen: Bei der Zweitstimme hat die Linke bei den Schülern in Wiesmoor mit 25,2 Prozent die Nase vorn, während das Ergebnis der AfD mit 19,8 Prozent auf einem ähnlichen Niveau wie bei der Bundestagswahl liegt. Bundestagswahlgewinner CDU kam bei den Schülern nicht so gut weg. Sie wurde bei der Zweitstimme nach der SPD (16,3 Prozent) nur viertstärkste Kraft mit 15,7 Prozent. Die Grünen scheiterten wie alle anderen Parteien bei den Schülern an der 5-Prozent-Hürde.

Vor dem Speed Dating mit den Nachwuchspolitikern wurden Themen und Fragen gesammelt. Foto: Böning
Vor dem Speed Dating mit den Nachwuchspolitikern wurden Themen und Fragen gesammelt. Foto: Böning

Bei der Erststimme entschied Direktkandidat Johann Saathoff (SPD) bei den Wiesmoorer Bundestagswählern (36,8 Prozent) und bei den Schülern das Rennen für sich. Das Ergebnis fiel allerdings mit 25,5 Prozent bei den Jugendlichen nicht so deutlich aus. Die Wahlbeteiligung lag bei den Schülern in Wiesmoor übrigens ähnlich hoch wie die rekordverdächtige Beteiligung der Deutschen bei der Bundestagswahl. 85,9 Prozent der 609 stimmberechtigten Schüler hatten abgestimmt. Damit machen die Schüler den erwachsenen Wiesmoorern noch etwas vor. Von ihnen hatten gerade einmal 64,1 Prozent der Stimmberechtigten gewählt.

Für Janne Putschke ist nach dieser Veranstaltung noch lange nicht Schluss. Wie Frederick Stamm engagiert sie sich politisch. Im Gegensatz zu ihm ist sie bei Jusos – und auch in die SPD eingetreten. Bei der nächsten Wahl wird sie sich nicht mehr von den Erwachsenen die Butter vom Brot nehmen lassen: Sie wird im Sommer 18 Jahre alt.

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