Wahlkreis Aurich-Emden  „Stimmenkönig“ Saathoff lässt Federn

Marion Luppen
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Von Marion Luppen
| 23.02.2025 23:38 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Johann Saathoff (SPD, links) hat erneut den Wahlkreis Aurich-Emden gewonnen. Wahlleiter Olaf Meinen gratuliert mit einem Blumenstrauß. Foto: Banik
Johann Saathoff (SPD, links) hat erneut den Wahlkreis Aurich-Emden gewonnen. Wahlleiter Olaf Meinen gratuliert mit einem Blumenstrauß. Foto: Banik
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2021 hatte Johann Saathoff mit dem Traumergebnis von 52,1 Prozent der Erststimmen bundesweit Aufsehen erregt. Davon ist er jetzt meilenweit entfernt – und dennoch zufrieden.

Aurich - Der historische Absturz der Bundes-SPD hat auch die rote Hochburg Ostfriesland erschüttert: Im Wahlkreis 24 Aurich-Emden wurden die Sozialdemokraten zwar erneut klar stärkste Partei. Ihr Zweitstimmenergebnis von 28,6 Prozent bedeutet aber im Vergleich zur Bundestagswahl 2021 ein Minus von fast 15 Prozentpunkten.

Auch „Stimmenkönig“ Johann Saathoff, der 2021 noch mit dem bundesweit besten Erststimmenergebnis und dem persönlichen Rekord von 52,8 Prozent geglänzt hatte, hat deutlich Federn gelassen: Der Bundestagsabgeordnete aus Pewsum kommt nur noch auf 41,2 Prozent – womit er allerdings den Wahlkreis erneut mit deutlichem Abstand zu CDU-Kontrahent Dr. Joachim Kleen (22,1 Prozent) gewonnen hat. Nur knapp dahinter landet der AfD-Kandidat Arno Arndt (20,2 Prozent).

„Die Stimmen für die AfD kamen nicht von uns“

Als der Auricher Landrat Olaf Meinen (parteilos) um 21.15 Uhr in seiner Funktion als Wahlleiter das vorläufige amtliche Endergebnis für den Wahlkreis Aurich-Emden verkündete, hatte sich das Kreishaus schon ziemlich geleert. Außer der AfD und der Linken war niemandem zum Feiern zumute – auch nicht der CDU, die aller Voraussicht nach den künftigen Bundeskanzler stellen wird.

Von wegen rote Hochburg

Ein Kommentar von Marion Luppen

Die rote Hochburg Ostfriesland ist Geschichte. Auch wenn 28,6 Prozent der Zweitstimmen ein Ergebnis sind, von dem die SPD auf Bundesebene nicht mal zu träumen wagt: Ein solcher Wert ist für den nordwestlichsten Wahlkreis Deutschlands äußerst ungewohnt und aus SPD-Sicht deprimierend. Auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Johann Saathoff hat deutlich verloren, schneidet aber mit 41,2 Prozent sehr viel besser ab als seine Partei. Das verdient Respekt und dürfte sich auch für ihn persönlich auszahlen – etwa durch eine weitere Amtszeit als Staatssekretär.

Der CDU-Kandidat Dr. Joachim Kleen war erneut chancenlos gegen Saathoff. Aus seiner Sicht noch frustrierender: Er hat kaum besser abgeschnitten als der AfD-Kandidat Arno Arndt, obwohl jener im Wahlkampf praktisch nicht stattfand. Wahlverlierer sind auch die Grünen: Sie schmierten um fast fünf Prozentpunkte ab und liegen nur noch knapp vor der Linken. Und die FDP? Sie versinkt in der Bedeutungslosigkeit.

Die Autorin erreichen Sie unter m.luppen@zgo.de

CDU-Kandidat Dr. Joachim Kleen gratulierte dem Wahlkreissieger Johann Saathoff „von Herzen“, wie er im Gespräch mit dieser Zeitung sagte. „Das erkenne ich neidlos an.“ Mit seinem persönlichen Ergebnis von 22,1 Prozent – ein Zuwachs um 4,4 Prozentpunkte – könne er leben, sagte der Tierarzt aus Großheide, dessen Listenplatz 19 nicht für den Einzug in den Bundestag reichen wird. Kleen machte keinen Hehl daraus, dass er für die Union auf Bundesebene mit einem besseren Ergebnis gerechnet hatte. Das gute Abschneiden der AfD nannte er „beunruhigend“. Deren Wahlkreis-Kandidat Arno Arndt sei im Wahlkampf fast nicht aufgetaucht und schneide dennoch so gut ab. Da frage er sich schon ein bisschen, „wofür man Wahlkampf macht“, so Kleen. Die große Unzufriedenheit der Wahlberechtigten habe er im Haustürwahlkampf gespürt. Da die CDU bei Erst- und Zweitstimmen zugelegt habe, sei für ihn jedoch klar: „Die Stimmen für die AfD kamen nicht von uns.“ Auf Bundesebene sei klar: Jetzt dürfe es nicht um Ideologie gehen, nicht um Parteiprogramme. „Jetzt muss gearbeitet werden, sonst haben wir in vier Jahren noch ganz andere Mehrheiten.“

„Das ist ein ganzes Fußballstadion voller Menschen“

Auch der wiedergewählte Bundestagsabgeordnete Johann Saathoff sieht in seinem Ergebnis den Auftrag, weiter für die Rettung der Demokratie zu kämpfen. „Der Auftrag geht an alle Demokraten.“ Er werde die Menschen im Wahlkreis weiterhin sonntags zum Elfürtje einladen, um über Sorgen und Nöte zu sprechen.

Trotz des deutlichen Stimmenverlusts auch für ihn persönlich ist Saathoff mit seinem Ergebnis zufrieden. 63.565 Menschen hätten ihm ihre Stimme gegeben, sagte der SPD-Politiker im Gespräch mit dieser Zeitung. „Das ist ein ganzes Fußballstadion voller Menschen. Da kann man nicht traurig durch die Gegend laufen.“ Es sei normal, dass die Verluste seiner Partei auf Bundesebene auch an ihm als Kandidaten nicht spurlos vorübergingen, fügte Saathoff hinzu. Es bringe nichts, „zu gucken, was früher war“. In den meisten Wahlkreisen würden sich Sozialdemokraten nach solch einem Ergebnis „die Finger lecken“. Darauf könne Ostfriesland stolz sein.

Doppelfunktion als Parlamentarischer Staatssekretär

Die mögliche Beteiligung der SPD an der künftigen Regierung ist für Saathoff keine Selbstverständlichkeit. „Das hängt von den Inhalten ab, ob wir dabei sind.“ Wenn ein Koalitionsvertrag den Menschen ein Rentenniveau von 48 Prozent, einen Mindestlohn von 15 Euro und den Schutz vor unberechtigter Abschiebung ermögliche, könne er das vertreten.

Ob er auch in einer künftigen Bundesregierung als Staatssekretär fungieren will, darüber mache er sich jetzt noch keine Gedanken. Das sei zu früh. Saathoff ist Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesinnenministerin, seit dem Bruch der Ampelkoalition im November 2024 zusätzlich Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesjustizminister. „Das zeigt ja, dass ich es nicht ganz schlecht gemacht habe“, sagte der 57-Jährige über diese Doppelfunktion. „Ich hab’s gerne gemacht.“

Grüne und FDP verlieren deutlich

Der Wahlkampf sei durch die zusätzlichen Aufgaben anstrengend gewesen wie nie. „Ich bin jetzt platt.“ Doch zum Durchatmen bleibt Saathoff keine Zeit. Nach einer kurzen Nacht mit Videokonferenzen geht es bereits am Montagmorgen wieder nach Berlin.

Bei den Grünen herrschte am Sonntagabend Katerstimmung: Sie haben im Wahlkreis im Vergleich zu 2021 fast fünf Prozentpunkte verloren und schneiden deutlich schlechter ab als auf Bundesebene. Grünen-Kandidat Gunnar Ott bleibt deutlich hinter dem Wert seiner Partei.

Die Linke hingegen hat im Wahlkreis Aurich-Emden vom Aufwärtstrend auf Bundesebene profitiert und ihr Ergebnis im Vergleich zu 2021 mehr als verdoppelt. Bei der FDP ist es umgekehrt: Sie legt im Wahlkreis einen beispiellosen Absturz hin – von 8,9 auf 3,3 Prozent.

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